Putins Öl-Imperium kollabiert: Ukraine-Offensive trocknet Russlands Kriegskasse aus
VonChristoph Gschoßmann
schließen
Schwarzer Rauch über Jaroslawl, leere Tankstellen und verzweifelte Autofahrer: Kiew trifft Putin dort, wo es am meisten wehtut – in der Kriegskasse.
Moskau – Russlands Kriegsfinanzierung gerät ins Wanken: Der schwarze Rauch, der über der brennenden Ölraffinerie in Jaroslawl aufsteigt, steht bildlich für das Ausmaß der wirtschaftlichen Krise des Landes. Die systematischen ukrainischen Drohnenangriffe auf die Ölindustrie zwingen den Kreml zu drastischen Steuererhöhungen. Zahlen der Forschungsgruppe Energy Aspects, die diese der Financial Times mitteilte, sprechen eine deutliche Sprache: 16 von Russlands 38 Ölraffinerien wurden seit August von ukrainischen Drohnen getroffen, darunter eine der größten Treibstoffverarbeitungsanlagen des Landes in Rjasan nahe Moskau.
Die Angriffe haben mehr als eine Million Barrel pro Tag von Russlands Raffineriekapazität gestört, wie die Forschungsgruppe mitteilte. Dieselexporte werden im September auf das niedrigste monatliche Niveau seit 2020 fallen, bestätigen die Tracking-Unternehmen OilX und Vortexa laut Financial Times. Die Folge: Russland verhängte ein Treibstoffexportverbot bis Jahresende, da Tankstellen im ganzen Land leer stehen, wie CNNberichtete.
Angriffe auf Ölindustrie im Ukraine-Krieg – Experten bestätigen ukrainischen Erfolg
„Es scheint die effektivste Kampagne zu sein, die die Ukraine bisher durchgeführt hat“, erklärt Benedict George, Leiter der europäischen Erdölprodukt-Preisgestaltung bei Argus. Russland ist der zweitgrößte Dieselexporteur der Welt, wobei etwa die Hälfte seiner Ladungen in die Türkei geht. Die Türkei wandte sich bereits an Indien und Saudi-Arabien, um die Versorgungslücke zu schließen.
Nach dpa-Angaben ist das russische Haushaltsdefizit allein bis August auf 43 Milliarden Euro angewachsen. Um die enormen Kriegsausgaben zu decken, muss die Regierung nun die Mehrwertsteuer von 20 auf 22 Prozent erhöhen – ein Bruch von Putins Versprechen, die Steuern bis 2030 nicht anzutasten. Nach Angaben des Finanzministeriums in Moskau soll die Steuererhöhung 180 Milliarden Euro der Jahresgesamteinnahmen von 411 Milliarden Euro sicherstellen, während bereits 40 Prozent aller staatlichen Ausgaben in Verteidigung und Sicherheit fließen.
Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands
Russische Bevölkerung spürt die Auswirkungen – Globale Märkte reagieren auf Versorgungsengpässe
Die Reaktionen in der russischen Bevölkerung sind eindeutig. „Das Volk habe das nicht eingeplant. Und das ist krasser als die Mehrwertsteuer selbst“, beklagt sich ein IT-Kleinunternehmer anonym. Eine wachsende Zahl russischer Regionen, einschließlich besetzter Gebiete, leidet unter Benzinmangel, während die Großhandelspreise seit Januar um mehr als 40 Prozent gestiegen sind.
Die Dieselprämien sind in diesem Monat auf etwa 25 bis 30 Dollar pro Barrel über dem Brent-Rohölpreis gestiegen – das höchste Niveau seit dem Sommer, als Israels Krieg mit dem Iran die Preise auf ein 15-Monats-Hoch trieb. US-Präsident Donald Trump forderte die EU laut Kyiv Independent auf, russische Energieimporte vollständig zu stoppen und warf NATO-Ländern vor: „Sie finanzieren den Krieg gegen sich selbst“. Die Unsicherheit über die Versorgung mit Diesel und Rohöl stützt die Preise zu einer Zeit, in der viele Analysten einen Preisrückgang vorhergesagt hatten.
Langfristige Reparaturprobleme verschärfen russische Krise – Selenskyj kündigt Intensivierung an
Die Auswirkungen der Angriffe brauchten Zeit, um sich auf den Märkten zu zeigen, angesichts Russlands Größe, erklärt Amrita Sen von Energy Aspects. Westliche Sanktionen erschweren die Reparaturen erheblich, da es etwa drei Wochen dauert, bis eine Raffinerie produziert und der Diesel den Hafen erreicht. Die Beschaffung von Ersatzteilen und Ausrüstung aus China gestaltet sich zunehmend schwierig. Ukraine-Präsident Wolodymyr Selenskyj unterstrich den Erfolg der Strategie: „Die wirksamsten Sanktionen sind die Brände in Russlands Ölraffinerien, seinen Terminals, Öldepots“. Er kündigte eine Intensivierung der Angriffe an: „Sobald die Anzahl der Drohnen der der Russen entspricht, werden sie den Treibstoffmangel und die Verluste spüren.“
Ukrainische Drohnen setzen Russland weiter zu. Sie fliegen etwa 1.400 Kilometer und trafen auch die Gazprom Neftekhim Salavat Ölraffinerie in Baschkortostan. Gouverneur Michail Jewrajew dagegen will den Brand in Jaroslawl nicht bestätigen und sagt: „Eine Drohnenattacke wurde heute nicht festgestellt.“ Die Rauchwolke über der russischen Wirtschaft spricht eine andere Sprache. (Quellen: DPA, Financial Times, Kyiv Independent, CNN, FR.de) (cgsc)