„Wird Ungleichheiten verstärken“

Renten-Hammer für Millionen: Eine Gruppe soll länger arbeiten – Ökonom übt scharfe Kritik

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Späterer Renteneintritt für eine bestimmte Gruppe: Um die Zukunft der Rente zu sichern, sollen Akademiker länger arbeiten. Der Vorschlag stößt auf Kritik in der Wirtschaft.

Berlin – Das Renteneintrittsalter soll erhöht werden – aber nur für bestimmte Menschen: Wer später anfangt, in die Rente einzuzahlen, soll auch länger arbeiten. Seit einigen Tagen wird der kontroverse Vorschlag diskutiert, speziell Akademiker länger arbeiten zu lassen.

Der Wirtschaftsprofessor Jens Südekum, persönlicher Berater von Finanzminister Lars Klingbeil (SPD), lehnt eine grundsätzliche Erhöhung des Renteneintrittsalters ab – er will aber den Rentenbeginn an die Beitragsjahre koppeln. „Akademiker zahlen deutlich später in die Rentenkasse ein als jemand, der mit 16 oder 18 Jahren eine Lehre beginnt und dann durcharbeitet“, so Südekum. Martin Werding von den Wirtschaftsweisen hält das für weniger sinnvoll.

Später in die Rente: Akademiker sollen länger arbeiten – Ökonom kritisiert Forderung

Akademiker würden zwar Zeit in ihre Ausbildung investieren und später ins Berufsleben starten. Sie könnten in der Zeit aber auch keine Rentenansprüche aufbauen. Das System funktioniere bereits gerecht, weil man Rentenansprüche durch Einzahlungen erwirbt, nicht einfach durch Berufsjahre, argumentierte Werding im Gespräch mit dem Spiegel.

Auswirkungen Rentenpaket: Was sich 2026 ändert

Zudem betont er, dass länger arbeiten ein Thema für alle unabhängig des Bildungsgrades sein sollte. „Wir brauchen diese Arbeitskräfte in Zukunft mehr denn je: als Mitarbeiter – und als Beitragszahler für die Rente. Das gilt für Leute mit Realschulabschluss ebenso wie für den Diplom-Ingenieur.“

Wirtschaftsweise legen Vorschläge für Rentenreform vor

Werding plädiert für eine automatische Anpassung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung. Die Wirtschaftsweisen schlagen zudem eine „Zwei-zu-eins-Formel“ vor: Wenn die Menschen ein Jahr länger leben, sollen acht Monate davon zur Lebensarbeitszeit hinzugefügt werden und vier Monate zur Rentenbezugszeit.

Werding betont auch, dass das deutsche System durch eine stärkere kapitalgedeckte Vorsorge ergänzt werden muss. Kanzler Friedrich Merz (CDU) will als ersten Schritt für den Ausbau einer kapitalgedeckten Altersvorsorge die Frühstart-Rente einführen und Kindern ab sechs Jahren zehn Euro in ein Depot einzahlen.

Ökonomen befürchten wachsende Ungerechtigkeit bei der Rente

Mit seiner Kritik am Vorschlag, Akademiker länger arbeiten zu lassen, ist Werding nicht alleine. „Die Idee, Akademikerinnen und Akademiker pauschal länger arbeiten zu lassen, ist ein fatales Signal in Zeiten des Fachkräftemangels“, kritisierte die Linken-Abgeordnete Gohlke. Ärztinnen, Ingenieurinnen, Lehrer und Sozialarbeiter würden dringend benötigt. „Wer studiert, darf dafür im Alter nicht bestraft werden.“ Der Vorschlag laufe für Millionen Menschen auf eine Rente erst ab 70 hinaus. Die Linke sieht darin „nichts anderes als eine massive Rentenkürzung durch die Hintertür“.

Als ungerecht erachtet auch der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, die Idee Südekums. „Der Vorschlag wird die Altersarmut nicht reduzieren, sondern Ungleichheiten verstärken“, sagte Fratzscher der Rheinischen Post. „Zudem wird er zu einem intensiven Streit über die Frage führen, ob und wann Unterschiede im Renteneintrittsalter berechtigt sind oder nicht.“ Aus Sicht des Ökonomen würden auf diese Weise „Menschen und vor allem Frauen, die viele Jahre ehrenamtlich tätig waren oder sich um die Familie gekümmert haben, schlechter gestellt“ werden.

Zukunft der Rente: Eine Gruppe soll länger arbeiten – Bas nicht ganz abgeneigt

Eine Teil-Zustimmung bekommt Südekum für seinen Vorschlag von der SPD. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) hatte am Sonntagabend in der ARD gesagt, sie könne der Idee viel abgewinnen. Sie kündigte eine Diskussion des Vorschlags in der geplanten Rentenkommission der Bundesregierung an.

Bis 2031 steigt das Rentenalter schrittweise auf 67 Jahre. Wer 45 Beitragsjahre vorweisen kann, darf früher in den Ruhestand gehen. Für Versicherte, die nach dem 1. Januar 1953 geboren sind, steigt die Altersgrenze laut Arbeitsministerium mit jedem Jahrgang stufenweise um zwei Monate. Wer nach dem 1. Januar 1964 geboren wurde, kann abschlagsfrei in Rente gehen, wenn er das 65. Lebensjahr vollendet hat. (Quellen: Spiegel, dpa) (bohy)

Rubriklistenbild: © Jan Woitas/dpa

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