Neue Zeitrechnung für Cannabis als Medikament

Experte: Cannabis aus der Apotheke schon jetzt günstiger als vom Schwarzmarkt

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Seit Ostermontag dürfen Erwachsene unter Auflagen Cannabis besitzen und konsumieren. In Apotheken soll es dann sogar billiger werden als auf dem Schwarzmarkt, verrät ein Experte im Interview.

Berlin – Befürworter feiern, Gegner schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Seit Montag darf in Deutschland legal gekifft werden. Die neuen Regeln kommen zwar mit Auflagen, doch die medizinische Cannabis-Branche feiert trotzdem und hofft nun auf den großen Aufschwung. Ippen.Media hat mit Dr. Julian Wichmann, Gründer und Geschäftsführer der Cannabis-Plattform Algea Care darüber gesprochen.

Wichmann: „Eine neue Zeitrechnung für Cannabis als Medikament ist angebrochen“

Ippen.Media: Herr Wichmann, war am ersten April ein großer Tag für Sie?

Wichmann: Ja, der Ansturm auf unsere Plattform war so groß, dass sie kurz überlastet war. Im April zahlen Patienten für ihre erste Therapiesitzung über Algea Care nur einen Euro. Wir sind komplett überrannt worden. Die Reklassifzierung ist ein wichtiger Schritt für die Akzeptanz von Cannabis als Medikament, weil es jetzt auf einer Stufe mit hochdosiertem Ibuprofen und Antidepressiva steht und nicht mehr unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, das abschreckend wirkt. Die Teillegalisierung ist eine logische Weiterentwicklung und wird, wie ich glaube, auf die Volksgesundheit einen positiven Einfluss haben – gerade auch weil mehr Menschen nun Zugang zu medizinischem Cannabis erhalten.

Können Sie Ihre Plattform Algea Care kurz beschreiben?

Algea Care gibt es seit 2020. Wir sind die erste und auch die größte Online-Plattform für Cannabis-Behandlungen. Das heißt, Patienten können sich über unsere Plattform im ersten Schritt über medizinisches Cannabis informieren und prüfen, ob eine entsprechende Therapie für sie infrage kommt. Außerdem kann man über unsere Plattform über 60 Ärzte kontaktieren, die auf diese Behandlung spezialisiert sind und die über Algea Care Patienten betreuen, seit dem ersten April können sie das E-Rezept vollumfänglich anbieten. Uns geht es insbesondere darum, dass Patienten langfristig gut betreut werden, weil Cannabis kein alltägliches Medikament ist.

Dr. Julian Wichmann, Gründer und Geschäftsführer der Cannabis-Plattform Algea Care

Wie viele Patienten haben Sie aktuell in Deutschland?

Wir haben über 20.000 Patienten auf unserer Plattform, die fast alle aus Deutschland sind. Eigentlich müssten aber Millionen Menschen in Deutschland von einer Cannabis-Behandlung profitieren. Wir denken da nicht nur an Schmerzpatienten, sondern auch an Menschen, die an Volkskrankheiten wie Depressionen, Schlafstörungen oder entzündlichen Erkrankungen leiden.

Rechnen Sie nach der Teillegalisierung mit einem Wachstum Ihrer Plattform?

Ja, absolut, denn durch das Gesetz wurde der medizinische Bereich am meisten gestärkt. Wir rechnen mit einem deutlichen Wachstum der Patientenzahlen – logischerweise auch über unsere Plattform. Allerdings braucht es noch mehr Aufklärung, denn viele potenzielle Patienten wissen gar nicht, dass medizinisches Cannabis für sie eine Option wäre.

Wie meinen Sie das?

Viele niedergelassene Ärzte greifen nicht auf Cannabis zurück. Nur etwa zwei Prozent der Ärzte haben unseres Wissens nach in Deutschland bereits mit medizinischem Cannabis behandelt, obwohl das ja seit 2017 rechtlich gehen würde. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass Cannabis bis April als Betäubungsmittel klassifiziert war und auf einer Stufe mit Morphium und Fentanyl stand – da ist man als Arzt natürlich erstmal vorsichtig. Wir hoffen aber, dass sich das nun ändert, auch mit der steigenden Zahl der Patienten, die dann erfolgreich mit Cannabis behandelt werden und davon weiter erzählen.

Wie teuer ist medizinisches Cannabis dann?

Das Interessante ist, dass Cannabis in spezialisierten Apotheken jetzt schon günstiger ist als auf dem Schwarzmarkt. Diese Apotheken lassen sich online finden. Dort kostet Cannabis schon jetzt etwa fünf, sechs Euro pro Gramm. Damit ist es also nicht nur günstiger als auf dem Schwarzmarkt, was sich ja an sich surreal anhört, sondern als pharmazeutisch sauberer Wirkstoff hat das Cannabis aus der Apotheke auch eine viel höhere Qualität als das auf dem Schwarzmarkt.

Für wen würden sich die Behandlungen mit Cannabis eignen?

Früher waren Cannabis-Behandlungen eher für ganz besondere Extremfälle gedacht, wo andere Therapien nicht mehr funktioniert haben. Nun zeigen aber die Erfahrungen in der Cannabismedizin, dass es auch bei vielen Volkskrankheiten hilft. Da sind erst einmal die Schmerzpatienten von Bandscheibenvorfällen bis hin zu Migräne. Dann gibt es auch Potenzial bei psychiatrischen Erkrankungen wie Depressionen, Schlafstörungen oder Angststörungen. Auch ADHS ist eine große Patientengruppe, wo die klassische Schulmedizin außer Ritalin häufig gar nicht mehr viel anbieten kann und Cannabis eine Option wäre. Und dann gibt es noch die potenzielle Patientengruppe mit chronischen entzündlichen Erkrankungen wie Morbus Crohn, Colitis ulcerosa oder Endometriose. Auch da ist Cannabis häufig zumindest einen Therapieversuch wert. Ich glaube, es ist wirklich eine neue Zeitrechnung für Cannabis als Medikament angebrochen.

Rubriklistenbild: © Annette Riedl/dpa

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