Nie mehr Harry Potter & Co.

„Man spürt keinen Puls mehr“: Bei Traditionsunternehmen erlöschen nach über 200 Jahren die Lichter ganz

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Die traditionsreiche Großdruckerei Ebner & Spiegel hatte im April Insolvenz eingereicht. Nun verstummte auch die letzte Maschine und über 200 Mitarbeiter blicken in eine ungewisse Zukunft.

Ulm – In den vergangenen Monaten mussten mehrere traditionsreiche Unternehmen ihren Betrieb einstellen, darunter beispielsweise die Traditionsmetzgerei Kübler aus Waiblingen (Baden-Württemberg). Ein solches Schicksal ereilt nun ebenfalls die traditionsreiche Großdruckerei Ebner & Spiegel aus Ulm, die im April gemeinsam mit einem Tochterunternehmen Insolvenz angemeldet hat. In der Druckerei, deren Vorgängerunternehmen bis ins Jahr 1817 zurückreichen, wurden unter anderem die Weltbestseller der Harry-Potter-Reihe gedruckt, nun ist aber auch die letzte Maschine verstummt.

Diese 12 bekannten Unternehmen aus Baden-Württemberg gibt es nicht mehr

Eine Schlecker-Filiale im Jahr 2001.
Wer erinnert sich noch an Schlecker? Die Drogeriekette aus Ehningen (Donau) galt in der Hochphase als größte in ganz Europa.  © IMAGO/Enters
Eine ehemalige Schlecker-Filiale in Hamburg-St. Pauli.
Nach der Insolvenzanmeldung 2012 wurde die Kette zerschlagen und alle noch bestehenden Schlecker-Filialen geschlossen. © IMAGO/Jürgen Ritter
Der frühere Chef der Firma FlowTex, Manfred Schmider, sitzt am 14.01.2013 in Mannheim (Baden-Württemberg) im Gerichtssaal des Landgerichts.
Die Schlecker-Insolvenz schlug hohe Wellen und so auch der Skandal um die Firma Flowtex aus Ettlingen.  © Uwe Anspach/dpa
Akten zum FlowTex-Betrugsskandal stehen am Dienstag (26.07.2005) vor Beginn der Urteilsverkündung in einem Verhandlungssaal des Karlsruher Landgerichts.
Flowtex handelte auf betrügerische Weise mit Maschinen und verursachte einen Milliardenschaden. Im Jahr 2000 wurde die Firma aufgelöst. © Uli Deck/dpa
Jacken hängen an einer Kleiderstange.
Skandale und Insolvenzen sind aber nicht die einzigen Gründe für das Verschwinden von Unternehmen. (Symbolfoto) © IMAGO/Michael Bihlmayer
Verschiedene Dornier-Flugzeuge stehen am Dienstag (01.07.2009) im Dorniermuseum in Friedrichshafen am Bodensee.
Die Friedrichshafener Dornier-Werke wurden beispielsweise zum Teil in die EADS (heute Airbus SE) integriert.  © Patrick Seeger/dpa
Blick auf den Standort von Airbus Defence and Space in Immenstaad am Bodensee (Aufnahme mit Drohne).
Die militärische Luftfahrt, Raumfahrt, Wehr- und Systemtechnik von Dornier ist heute Teil von Airbus Defence and Space. © Felix Kästle/dpa
Die Feuerwehr-Geräte-Fabrik C. D. Magirus in Ulm (Ausschnitt aus einem Briefkopf)
Die Feuerwehr-Geräte und Nutzfahrzeugfabrik Magirus in Ulm wurde 1949 von Deutz übernommen und gehört heute zu Iveco.  © Stadtarchiv Ditzingen
Fahnen wehen am 20.03.2014 in Köln (Nordrhein-Westfalen) vor dem Eingang des Motorenwerkes der Deutz AG.
Der Kölner Motorenbauer Deutz trägt bis heute das Logo von Magirus, ein als Silhouette des Ulmer Münsters stilisiertes M.  © Henning Kaiser/dpa
Die von Heinrich Siegle gegründete Farbenfabrik G. Siegle & Co. in Stuttgart um 1865.
Die bedeutende Stuttgarter Farbenfabrik G. Siegle & Co. GmbH fusionierte 1873 mit der BASF.  © Gemeinfrei
Das Firmenlogo vor der Hauptverwaltung des Mobilfunk-Zwischenhändlers Debitel in Stuttgart-Vaihingen (Archivfoto).
Die Stuttgarter Debitel AG ist seit 2008 Teil der Freenet AG. Das ursprüngliche Unternehmen wurde 2011 aufgelöst.  © Bernd Weißbrod/dpa
Die Schokoladenfabrik von Roth in der Bahnhofstraße in Stuttgart (heute Heilbronner Straße) im Jahr 1895 als Abbildung auf einem Briefkopf.
Apropos Stuttgart. Die Landeshauptstadt galt mit Unternehmen wie Roth (1841-1942) einst als bedeutende Schokohochburg.  © gemeinfrei
Schokolade der Marke Moser-Roth, die von Aldi vertrieben werden.
Die Handelsmarke Moser-Roth besteht bis heute, das ursprüngliche Unternehmen wurde aber 1942 aus politischen Gründen stillgelegt.  © IMAGO/Manfred Segerer
Frontansicht des ehemaligen Eszet-Werkgebäudes in Stuttgart-Untertürkheim im Jahr 2012.
Eine weitere bedeutende Schokoladenfabrik in Stuttgart war die Firma Eszet - Staengel & Ziller (1857-1975).  © Stephan Klage/Wikipedia/CC BY-SA 3.0
Eszet Schnitten in verschiedenen Geschmackrichtungen.
Das bekannteste Produkt, die Eszet-Schnitten, werden bis heute von Stollwerck hergestellt.  © IMAGO/Manfred Segerer
Ritter Sport Schokolade Schokoladentafel.
Von den Stuttgarter Schokoladenherstellern existiert heute nur noch Alfred Ritter, mit der Marke Ritter Sport.  © IMAGO/Markus Mainka
Luftbild, aus einem Flugzeug aufgenommen, vom der Innenstadt von Karlsruhe mit dem Schloss.
Nicht süß, aber nahrhaft war das ungesäuerte Brot, das die Matzenfabrik Strauss von 1863 bis 1936 in Karlsruhe herstellte.  © Uli Deck/dpa
Hinweisschild verweist im Karlsruher Stadtteil Neureut auf den früheren Standort der Matzenfabrik Strauß.
Die Firmengeschichte endete 1936, weil der letzte Besitzer, Semy Strauß, aufgrund der Bedrohung durch die Nationalsozialisten nach Palästina emigrierte.  © Chrischerf/Wikipedia/CC BY-SA 4.0
Porsche-Gründer Ferdinand Porsche in einem Sportwagen des Stuttgarter Autobauers.
Eine andere Firmengeschichte begann dagegen erst, weil die Nationalsozialisten von Ferdinand Porsche neben einem „Volkswagen“ auch einen „Volkstraktor“ wollten.  © Porsche/dpa
Ein Porsche-Traktor mit ZF-Getriebe in der historischen Sammlung der ZF Friedrichshafen AG.
Die Porsche-Diesel-Motorenbau GmbH stellte von 1956 bis 1963 in Friedrichshafen-Manzell Traktoren mit Dieselmotor her.  © Felix Kästle/dpa
Das Logo der Luxusautomobilmarke Maybach.
Mythos Maybach: Das ursprüngliche Unternehmen existierte von 1909 bis 1966. Erst in Bissingen (Enz), dann in Friedrichshafen.  © IMAGO/Mollenhauer
Maybach-Motorenproduktion im Daimler-Benz-Werk in Berline-Marienfelde.
1960 übernahm Daimler-Benz die Firma Maybach und vereinigte sie mit dem konzerneigenen Großmotorenbau.  © IMAGO/Eventpress Herrmann
Das Logo der MTU ist auf einer Zylinderkopfabdeckung der MTU-Baureihe 2000 angebracht, die gerade zusammenmontiert wird.
Seit 1969 ist die frühere Maybach-Motorenbau GmbH als MTU Friedrichshafen die Kernmarke von Rolls-Royce Power Systems.  © Felix Kästle/dpa
Der neue Mercedes-Maybach SL Monogram Series.
2002 reaktivierte DaimlerChrysler die Marke Maybach. Die Tradition wird seit 2014 unter der Marke Mercedes-Maybach fortgesetzt.  © Mercedes-Benz AG Communications
Das Logo des Autozulieferers Allgaier ist an einem Gebäude am Unternehmessitz zu sehen.
Der traditionsreiche Autozulieferer Allgaier Automotive soll nach einer Insolvenz Ende 2025 geschlossen werden.  © Marijan Murat/dpa

Im März hatte CPI Deutschland, das Mutterunternehmen der beiden Ulmer Druckereien Ebner & Spiegel und CPI Ulmer Buch Service, erklärt, dass die Fortführung des Betriebs aufgrund von „sinkenden Produktionsvolumen am Standort Ulm in Verbindung mit steigenden Stückkosten“ nicht mehr tragbar sei. Wie die Augsburger Allgemeine aktuell berichtet, hat sich inzwischen selbst die letzte Hoffnung auf eine Rettung zerschlagen und das Traditionsunternehmen aus Baden-Württemberg stellt endgültig den Betrieb ein.

Ebner & Spiegel in Ulm: Letzte Maschine verstummte in der Nacht auf Freitag – „alles leer, niemand mehr da“

Die Buchdruckerei Ebner & Spiegel geht auf die im Jahr 1817 gegründete J. Ebner‘sche Buchhandlung und Buchdruckerei und die im Jahr 1930 gegründete Franz Spiegel GmbH zurück. Nachdem die französische CPI-Gruppe im Jahr 2001 die vollständigen Anteile an der Großdruckerei von der Stuttgarter Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck erworben hatte, fungierte das Unternehmen als CPI Ebner & Spiegel GmbH. Da weder ein Käufer für das insolvente Unternehmen gefunden werden konnte, noch sich die angekündigte Umwandlung des Standorts in einen digitalen Druckbetrieb bewahrheitet, gehen die Lichter ganz aus.

Name CPI Ebner & Spiegel GmbH
Gründung 1817 (Vorgängerunternehmen)
Sitz Ulm, Baden-Württemberg
Branche Buchdruck, Dienstleistung
Mitarbeiter 178
Umsatz 14,97 Millionen Euro

Laut der Augsburger Allgemeinen lief in der Nacht auf Freitag (26. auf 27. Juni) der letzte Druckbogen durch die Maschine. „Nochmal durch die Hallen gelaufen, man spürt keinen Puls mehr von Ebner und Spiegel“, führte der Betriebsratschef Christian Clement aus. „Alles leer, niemand mehr da – alle Maschinen aus, das einzige Geräusch kommt vom Kaffeeautomaten.“ Damit endet in der baden-württembergischen Donaustadt an der Grenze zu Bayern die Geschichte von einem der größten Buchdruckbetriebe des Landes.

Ende von Ebner & Spiegel: Mehr als 200 Mitarbeiter bei Traditions-Druckerei betroffen

Gemeinsam mit der deutlich kleineren Tochter CPI Ulmer Buch Service sind mehr als 200 Mitarbeiter von der Schließung des Ulmer Traditionsunternehmens betroffen, die demnach vor einer unsicheren Zukunft stehen. Obwohl CPI Deutschland wie bereits erwähnt das sinkende Produktionsvolumen in Verbindung mit steigenden Kosten als Grund für die Insolvenz – und in Konsequenz damit für die letztendliche Schließung – anführte, hat offenbar auch der französische Mutterkonzern seinen Teil beigetragen.

Die traditionsreiche Buchdruckerei Ebner & Spiegel stellt den Betrieb endgültig ein. Damit endet ein Stück Ulmer Industriegeschichte.

CPI hatte die beiden Ulmer Druckereien im Jahr 2002 zur heutigen CPI Ebner & Spiegel GmbH fusioniert und im Zuge dessen 13 Millionen Euro in die Modernisierung des Betriebs investiert. Der Augsburger Allgemeinen zufolge hat das Unternehmen in den folgenden Jahren Maschinen und Aufträge aus Ulm abgezogen und an andere CPI-Standorte verlagert und zudem Personal reduziert. Erst vor wenigen Tagen wurde außerdem bekannt, dass ein traditionsreiches Familienunternehmen nach der Insolvenz seinen Stammsitz schließen und die Belegschaft entlassen muss.

Rubriklistenbild: © IMAGO/imageBROKER/Markus Keller

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