- VonMark Simon Wolfschließen
Mercedes-Chef Ola Källenius kritisiert das Verbrenner-Verbot der EU – und fordert einen Realitätscheck:. Europas Autobranche fahre sonst gegen die Wand.
Stuttgart – Das von der Europäischen Union (EU) beschlossene Aus für Verbrennerautos ab 2035 ist umstritten. Und einer der erbittertsten Gegner dieses Gesetzes ist Ola Källenius, Chef des Autobauers Mercedes-Benz. Gegenüber dem Handelsblatt betonte der Schwede erneut, dass bei einem Festhalten am Verbot der europäische Automarkt kollabieren könnte. Vielmehr verspiele Europa die wirtschaftliche Stärke dieses Industriezweiges.
Verbrenner-Verbot der EU ab 2035: Mercedes-Chef Källenius warnt vor Crash der europäischen Autobranche
Die EU hatte im Jahr 2021 ein entsprechendes Maßnahmenpaket auf den Weg gebracht, ehe im März 2023 das Verbot von Neuzulassungen für Verbrennermotoren ab dem 1. Januar 2035 endgültig beschlossen wurde. Die deutschen Autohersteller, die jahrelang den Markt für Verbrennerautos dominiert hatten, befinden sich inmitten einer schwierigen Transformationsphase zur E-Mobilität, die mit enormen Verlusten im internationalen Absatzmarkt einhergeht.
Die deutsche Autoindustrie erlebe derzeit „zugleich Starkregen, Hagel, Sturm und Schnee“, so Källenius. Neben schwachen Zahlen auf wichtigen Märkten wie China oder den USA kämpfen die Hersteller um Mercedes, VW oder BMW auch mit den Strafzöllen von US-Präsident Donald Trump sowie gestiegenen Energiekosten im Zuge des Ukraine-Krieges.
Källenius fordert „Realitätscheck“: Autobranche brauche Technologieoffenenheit und Steuervorteile
„Wir brauchen einen Realitätscheck. Sonst rasen wir mit voller Geschwindigkeit gegen die Wand“, erklärte Källenius, der gleichzeitig Präsident des europäischen Autoverbands Acea ist. Grundsätzlich sei Dekarbonisierung in allen Bereichen notwendig, doch das müsse „technologieoffen“ geschehen – und ohne, dass man die Wirtschaft aus den Augen verliere.
Der Mercedes-Chef plädiert dafür, die Mobilitätswende durch niedrige Strompreise an Ladesäulen sowie steuerliche Vorteile anzukurbeln, allerdings nicht nur eine konkrete Deadline für Verbrennerautos. Im Gegenteil würde dadurch die Nachfrage von Benzin- und Dieselautos rasant steigen, je näher der Verbotstag komme. „Das nützt dem Klima gar nichts“, resümierte Källenius.
Mercedes-Chef plädiert seit Jahren für Verschiebung des Verbots – Gleichgewicht sei rational und klug
Bereits in der Vergangenheit hatte der Mercedes-Chef Zweifel an der Entscheidung der EU-Kommission geäußert. Auf der Auto-Messe IAA Mobility in München prophezeite er, dass man das „parallele Angebot von Verbrennern und E-Autos“ noch viele Jahre aufrechterhalten müsse. Auch später wiederholte er regelmäßig, für wie unvernünftig er ein komplettes Verbrenner-Aus ab 2035 halte. Gegenüber Zeit Online forderte er 2024, eine objektive Diskussion zum Thema im Jahr 2026 neu zu führen. Im Interview mit Auto Motor und Sport räumte er sogar ein, dass Mercedes seine Autos mit Verbrennermotoren länger als geplant behalten müsse. Ein Gleichgewicht zwischen elektrischem und Verbrennerantrieb sei rational und klug.
In seinem Gastbeitrag für den Economist warnte er vor dem „Havanna-Effekt“: So könnten die Verbraucher ihre alten Verbrenner länger nutzen, wenn sie keine Alternativen zu ihren Gefährten sehen. Auf Kuba sei dieses Phänomen zu beobachten, da auf der Insel zahlreiche ältere Mercedes-Modelle fahren würden, obwohl diese bereits technologisch längst überholt sind.
CO2-Flottengrenzwerte werden aufgelockert – doch das Verbrennerverbot bleibt vorerst
Anfang Mai hat die EU bereits einen kleinen Rückzieher in Bezug auf die Mobilitätswende hingelegt: Eine große Mehrheit des EU-Parlaments hatte dafür gestimmt, die Obergrenze für die CO2-Flottenwerte zu verschieben. Sollte ein Hersteller den Grenzwert für 2025 mit seinen verkauften Neuwagen innerhalb der EU übersteigen, darf er ihn mit den Ergebnissen aus den Jahren 2026 und 2027 verrechnen. Die Verschiebung soll empfindliche Millionenstrafen für zahlreiche größere Autoproduzenten verhindert werden. Eine Lockerung beim Verbrennerverbot blieb dagegen bestehen: Parteien der Rechtsaußen-Fraktion im EU-Parlament hatten eine Abkehr beantragt – eine Mehrheit blieb allerdings aus.
Und dennoch schwelt auf der politischen EU-Bühne hinter den Kulissen ein größerer Konflikt. Die Europäische Volkspartei (EVP), der auch CDU und CSU angehören, zeigen sich einem möglichen Rückzieher beim Verbot gegenüber nicht abgeneigt. Zumal der Beschluss Ende 2025 erneut auf den Prüfstand gestellt werden soll.
Schwacher Absatzmarkt für Elektroautos in der EU – doch auch Verbrenner-Neuverkäufe brechen sein
Im Koalitionsvertrag von Union und SPD heißt es zum Automobilsektor nur, dass eine Technologieoffenheit bewahrt werden solle. Mittlerweile sprechen sich neben Källenius auch weitere Autobosse wie VW-Chef Oliver Blume oder BMW-Boss Oliver Zipse gegen das Verbrenner-Aus 2035 aus. Das gilt auch für den Verband der Automobilindustrie (VDA).
Die Grundhaltung hat vermutlich mit den schwachen Absatzzahlen der Elektroautos zu tun: Im ersten Halbjahr 2025 erreichten sie laut Zahlen des Europäischen Automobilherstellerverband (ACEA) lediglich 15,6 Prozent Marktanteil in der EU. Auf der anderen Seite fiel der gemeinsame Marktanteil von Autos mit Benziner- und Dieselmotoren von 48,2 Prozent im Jahr 2024 auf nun 37,8 Prozent.
Rubriklistenbild: © Bernd Weißbrod/dpa
