Konfliktpotenzial steigt durch Mindestlohn: Zwei aktuelle Studien zeigen problematische Auswirkungen auf besser bezahlte Mitarbeiter und Tarifgespräche.
Die FAZ berichtet über das Ergebnis der bisher noch unveröffentlichten Studie: Demnach steigerten Mindestlöhne nicht nur die Gefahr, dass unmittelbar betroffene Arbeitnehmer ihren Arbeitsplatz verlieren. Gleichzeitig müssen Beschäftigte in höheren Einkommensgruppen Lohneinbußen hinnehmen.
Studie zum Mindestlohn: Höhere Angestellte verdienen weniger
Ein zentraler Befund überrascht kaum: „Nationale und tarifliche Mindestlöhne sollen Beschäftigte mit niedrigem Lohn schützen – bei wirtschaftlichen Schocks werden aber niedrigbezahlte Beschäftigte zuerst entlassen“, so Effrosyni Adamopoulou. Die Studie ihres Teams der Forschungsgruppe Ungleichheit und Verteilungspolitik zeigte darüber hinaus jedoch, „dass dadurch die Produktivität sinkt und sich in der Folge auch die Gehälter von besser bezahlten Mitarbeitenden reduzieren.“
Die Ursache sehen die Forschenden in den Wechselwirkungen zwischen der Produktivität von Arbeitskräften unterschiedlicher Qualifikationsstufen. Verlieren geringer entlohnte Beschäftigte mit einfachen Tätigkeiten eher ihre Arbeit, liegt das gleich aus mehreren Gründen nahe: Der Mindestlohn verteuert ihre Arbeitskraft direkt, und im Vergleich zu hochqualifizierten Fachkräften lassen sie sich leichter ersetzen. Allerdings, so das Ergebnis, wirkt sich der Abbau in den unteren Lohngruppen negativ auf die Produktivität und somit auf die Einkommen der höher bezahlten Mitarbeitenden aus – und zwar stärker, als es allein durch den wirtschaftlichen Schock erklärbar wäre.
Das Team um Adamopoulou wertete umfangreiche Datensätze zur italienischen Metallindustrie für den Zeitraum 1995 bis 2015 aus. Diese erwiesen sich dank ihres hohen Detailgrads als besonders geeignet für die Untersuchung. Analysiert wurde, wie sich wirtschaftliche Schocks in Verbindung mit vorgegebenen Lohnuntergrenzen auf die Unternehmen auswirkten.
Studie zu Tarifverhandlungen: Konfliktreiche Tarifrunden im Jahr 2025
Gleichzeitig hat diese Entwicklung auch einen Einfluss auf das Tarifvertragssystem. Eine noch unveröffentlichte Analyse des Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt, wie sich die „Konfliktintensität“ von Tarifrunden verhält, so die FAZ. Der Konfliktindex für die Tarifverhandlungen im ersten Halbjahr 2025 ist demnach auf 9,1 Punkte gesunken; in den von starkem Inflationsdruck geprägten Runden der Jahre 2023 und 2024 hatte er noch Spitzenwerte von rund zwölf Punkten verzeichnet.
Engpässe belasten Wirtschaft: In diesen 15 Berufen ist der Fachkräftemangel am größten
Der aktuelle Wert liegt noch immer rund einen Punkt über dem langjährigen Durchschnitt – obwohl Rezessionen Tarifkonflikte meist abschwächen. Das Messverfahren bewertet jede Tarifrunde nach einem Schema mit sieben Eskalationsstufen, von Verhandlungen bis zum unbefristeten Streik. Nach jeder Runde wird das Eskalationsniveau mit Punkten versehen. So erfasst die IW-Datenbank seit 2000 insgesamt 600 Tarifkonflikte.