MSCI World und S&P 500: Das Risiko einer ETF-Blase
VonLennart Schwenck
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Der Boom bei ETFs scheint endlos. Doch ETFs schaffen gefährliche Feedback-Loops mit Bank-Buybacks. Die US-Tech-Dominanz verstärkt das Blasenrisiko.
Frankfurt a. M. – Der MSCI World galt lange als sicherer Hafen für Privatanleger. Doch die beispiellose Konzentration auf US-Tech-Aktien und das explosive Wachstum passiver Investments werfen neue Fragen auf: Steuern wir auf eine ETF-Blase zu, die das gesamte Finanzsystem erschüttern könnte?
ETF als Privatinvestment: MSCI World und der S&P 500 bergen ein gefährliches Klumpenrisiko
Um diese Frage zu beantworten, lohnt ein Blick auf den vermeintlichen Renditegaranten selbst. Seit 2010 legte ein europäischer ETF auf den MSCI World um fast 450 Prozent zu, begünstigt durch Nullzinsen und massive Liquiditätsspritzen der Notenbanken. Doch 2025 liegt der Index im Minus, während sich die US-Konzentration verschärft. Der Anteil amerikanischer Aktien stieg von 58 Prozent (2015) auf 74 Prozent (Ende 2024), die zehn größten Positionen machen fast ein Viertel des Index aus.
Diese Entwicklung wurde „maßgeblich von den Tech-Aktien getragene Outperformance der US-Aktien“ angetrieben, erklärt Handelsblatt-Redakteur Andreas Neuhaus. Der MSCI World sei „kein Weltindex, sondern ein US-Tech-Index im globalen Kostüm“. Neuhaus spricht in seiner Analyse gar von einer dreifachen „ETF-Lüge“. Denn der Index bilde zudem nur 23 Industrienationen ab – Schwellenländer fehlen vollständig.
Was ist der MSCI World?
Der MSCI World ist ein Aktienindex, der etwa 1.500 große und mittelgroße Unternehmen aus 23 Industrieländern abbildet. Entwickelt vom US-Finanzdienstleister MSCI, gilt er als Barometer für die globale Aktienentwicklung. Der Index besteht zu rund 70 Prozent aus US-amerikanischen Aktien, gefolgt von Japan (10 Prozent), Großbritannien (8 Prozent) und anderen europäischen Industrienationen. Die größten Positionen sind US-Tech-Giganten wie Apple, Microsoft und Nvidia. Die Gewichtung erfolgt nach Marktkapitalisierung – je wertvoller ein Unternehmen, desto höher sein Anteil im Index. Schwellenländer wie China, Indien oder Brasilien sind nicht enthalten, dafür gibt es separate Indizes wie den MSCI Emerging Markets. Im Unterschied zum S&P 500, der nur die 500 größten US-Unternehmen umfasst, ist der MSCI World international diversifiziert.
ETF-Boom trifft auf milliardenschwere Bank-Buybacks: Banken als Hauptprofiteure der ETF-Zuflüsse
Banken treiben mit Aktienrückkäufen die Kurse an. Laut EZB-Analyse haben 21 große europäische Banken seit 2020 durch 75 Buyback-Programme 61,6 Milliarden Euro an Aktionäre zurückgegeben. Durchschnittlich schüttete jede Bank 8,35 Prozent ihres CET1-Kapitals aus. Rückkäufe seien zwar „ein Zeichen von Vertrauen“, verringerten aber Kapitalpuffer und schwächten „das Sicherheitsnetz im Krisenfall“. Aktienkurse stiegen nach Buyback-Ankündigungen um durchschnittlich 2,5 Prozent.
In den USA sind die Dimensionen noch größer: JPMorgan kündigte ein 50-Milliarden-US-Dollar-Rückkaufprogramm „ohne Enddatum“ an, Morgan Stanley genehmigte 20 Milliarden US-Dollar. CEO Jamie Dimon erklärte dazu, Buybacks gäben Flexibilität, Kapital „wie wir es für richtig halten“ zurückzugeben.
ETF-Sparplan als passives Investment: Der gefährliche Feedback-Loop-Mechanismus
Passive Investments haben einen selbstverstärkenden Mechanismus geschaffen. Laut Bloomberg Intelligence halten passive Investments mittlerweile 52 Prozent oder 15,4 Billionen Dollar der US-Aktien- und Anleihenmärkte. Da ETFs marktkapitalisierungsgewichtet sind, erhalten die größten Unternehmen überproportional viele Kapitalzuflüsse. Die Deutsche Bundesbank warnt hier vor einem „Crowding-out-Effekt“: Marktteilnehmer investieren zunehmend über ETFs statt direkt, wodurch Liquidität vom Markt für Einzelwertpapiere abgezogen wird.
Dieser Mechanismus verstärkt sich durch Share Buybacks: Wenn Unternehmen eigene Aktien zurückkaufen, steigt oft der Aktienkurs und damit die Gewichtung im Index. Das zieht automatisch mehr ETF-Käufe an. Steigende Aktienkurse können durch Buybacks einen Feedback-Loop auslösen, „wo steigende Aktienkurse mehr Käufe auslösen, die wiederum die Preise höher treiben“.
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Marktverzerrungen und Kapitalallokation: Regulatorische Warnsignale und Basel III-Beschränkungen
Die EU-Marktmissbrauchsverordnung zwingt Banken, Buybacks an unabhängige Broker auszulagern, um Marktverzerrungen zu begrenzen. Die Basel III-Vorschriften sehen „Dividenden-Stopper“ vor, die auch Aktienrückkäufe verhindern können. Wie der Basler Ausschuss dokumentiert, führten viele Banken zu Beginn der Finanzkrise „weiterhin hohe Ausschüttungen in Form von Dividenden, Aktienrückkäufen und großzügigen Vergütungen vor, obwohl sich ihre finanzielle Verfassung verschlechterte.“ Diese prozyklischen Muster könnten sich in einer ETF-getriebenen Blase verstärken. Selbst die Bank of Japan (BOJ) musste ihre ETF-Käufe anpassen, da massive Käufe „Preisverzerrungen“ verursachten, die „sich wahrscheinlich fortsetzen und intensivieren würden“.
Mit jährlich etwa sechs Billionen Yen – etwa 37,5 Milliarden Euro – wurde die japanische Notenbank zu einem der größten stillen Investoren und trieb dabei möglicherweise die Überbewertung einiger Small-Cap-Unternehmen voran. Laut einer Analyse könnten „scheinbar überteuerte Aktien einen schärferen Fall erleiden, wenn die BOJ ihre Geldpolitik zurückfährt“. Was als geldpolitisches Instrument gedacht war, wurde letztendlich zu einem Marktrisiko.
MSCI World als US-Tech-Index: KI-Hype als Brandbeschleuniger
2025 flossen bereits über 192,7 Milliarden US-Dollar Risikokapital in KI-Start-ups. Doch das ist noch verschwindend gering, schaut man sich einmal die Verhältnismäßigkeiten an. Denn Tech-Konzerne wie OpenAI, Meta und xAI planen Investitionen von bis zu 2,2 Billionen US-Dollar. Derartige Ankündigungen sind natürlich Musik in den Ohren von Investoren und Aktienhändlern. So wurde zum Beispiel OpenAI im Oktober 2025 mit 500 Milliarden US-Dollar bewertet – Rekord für ein Start-up. Und hier kommt das Paradoxon: Laut einer MIT-Analyse verzeichnen „95 Prozent der befragten Organisationen keine messbare Rendite aus ihren KI-Investments“. In Deutschland nutzen zwar 41 Prozent der Unternehmen bereits KI-Tools, weitere 19 Prozent bereiten den Einsatz vor, von spürbaren Produktivitätsgewinnen könne aber „keine Rede sein“.
Besonders besorgniserregend ist dabei die Tatsache, dass sich die Tech-Giganten zunehmend gegenseitig finanzieren. Laut Bloomberg haben OpenAI, Nvidia, AMD und Oracle ein Netz aus „zirkulären Deals“ geknüpft, bei dem die Unternehmen Milliarden in sich selbst investieren. Nvidia investiert bis zu 100 Milliarden US-Dollar in OpenAI – die wiederum Millionen von Nvidia-Chips kauft. OpenAI hat einen 300-Milliarden-Dollar-Deal mit Oracle, während AMD und OpenAI sich gegenseitig zu Großaktionären machen. Swipe:
Diese „zirkuläre Finanzierung“ erinnert Analysten an die Dotcom-Blase der späten 90er Jahre. Der Unterschied: Die Summen sind heute um ein Vielfaches höher. „Jeder Chip kostet Zehntausende von Dollar“, erklärt Bloomberg-Reporterin Emily Forgash. Während der Dotcom-Ära flossen Millionen in Internet-Start-ups – heute sind es Hunderte von Milliarden für KI-Infrastruktur. Das Problem: OpenAI verbrennt trotz hoher Umsätze weiterhin Geld und ist nicht profitabel. Dennoch wurde das Unternehmen im Oktober 2025 mit 500 Milliarden Dollar bewertet. Stacy Rasgon von Bernstein Research warnt: OpenAI-Chef Sam Altman „hat die Macht, die Weltwirtschaft für ein Jahrzehnt zum Absturz zu bringen oder uns alle ins gelobte Land zu führen. Und im Moment wissen wir nicht, was passieren wird.“
Und während Banken Milliarden in KI-Unternehmen pumpen, arbeitet OpenAI bereits daran, diese überflüssig zu machen. Medienberichten zufolge stellte das Unternehmen unter dem Codenamen „Project Mercury“ still und leise über hundert ehemalige Wall-Street-Banker von Goldman Sachs, JPMorgan und Morgan Stanley ein. Ihr Auftrag: Der KI beibringen, Finanzmodelle für Börsengänge, Umstrukturierungen und M&A-Transaktionen zu erstellen. Die Ironie dabei ist perfekt – dieselben Banken, die OpenAI mit hunderten Milliarden finanzieren, trainieren nun die Technologie, die ihre eigenen gut bezahlten Analysten ersetzen soll. Das schafft ein doppeltes Systemrisiko: Eine KI-Blase könnte nicht nur durch überbewertete Tech-Aktien platzen, sondern durch direkte Disruption der Institutionen, die diese Bewertungen überhaupt erst erstellen.
Die Illusion der Diversifikation bei ETFs: Was Anleger jetzt tun können
Viele Anleger glauben, mit dem MSCI World breit diversifiziert zu sein. Doch alternative Weltindizes wie der MSCI All Country World können das US-Problem nicht lösen, da sie laut Neuhaus „die Börse so abbilden, wie sie ist – und hier dominieren US-Aktien“. Die Korrelation zwischen dem MSCI World und dem MSCI All Country World beträgt 0,99 – die Kurse bewegten sich also „fast deckungsgleich“.
Mit anderen Worten: Wer sein Geld breit gestreut anlegen wollte, läuft heute Gefahr, ungewollt in eine Wette auf die US-Tech-Konzerne verstrickt zu sein. Die starke Gewichtung von Apple, Microsoft und Nvidia im MSCI World und S&P 500 sorgt dafür, dass selbst konservative Anleger zunehmend von den Schwankungen des US-Marktes abhängig sind. Finanzexperten raten deshalb, die vermeintliche Sicherheit der Indexfonds kritisch zu hinterfragen. So lässt sich das Risiko besser streuen:
Neben dem MSCI World auch Schwellenländer-Indizes wie den MSCI Emerging Markets oder FTSE All-World berücksichtigen.
Kleine und mittlere Unternehmen (Small und Mid Caps) einbeziehen, um das Übergewicht der Tech-Giganten zu verringern.
Regionale ETFs – etwa auf Europa oder Asien – ergänzen, um weniger abhängig von den USA zu sein.
Tagesgeld oder Anleihen als stabilisierendes Element beimischen, um Kursrückgänge abzufedern.
Sachwerte wie Gold, Silber oder Immobilien als Inflationsschutz nutzen.
Langfristig orientierte Anleger sollten zudem nicht auf kurzfristige Hypes reagieren, sondern regelmäßig prüfen, wie stark ihr Portfolio tatsächlich diversifiziert ist. Denn ETFs sind kein Selbstläufer – sie spiegeln die Realität der Märkte, mit all ihren Verzerrungen. Oder, wie es Börsenaltmeister André Kostolany es einst formulierte: „An der Börse sind zwei mal zwei nicht vier, sondern fünf minus eins. Und man muss die Nerven haben, dieses minus eins auszuhalten.“ (ls)
Disclaimer: Die bereitgestellten Informationen stellen keine Anlageberatung, keine sonstige Empfehlung und kein Angebot zum Kauf von Wertpapieren oder zur Vornahme bestimmter Investitionen dar.