„32 Jahre lang im Minus“ – Experte warnt vor ETF-Fallgruben
VonLars-Eric Nievelstein
schließen
ETF sind eines der Trendthemen in der Geldanlage. Dabei gibt es jedoch massenhaft Fallstricke. Worauf sollte man achten?
Köln – Rente mit 69, 70 oder gar darüber: Das Vertrauen in die deutschen Rentenkassen ist deutlich angeschlagen. Wer eine ausreichende Altersvorsorge aufbauen will, stößt häufig auf das sogenannte Dreisäulenmodell. Gesetzliche, private und betriebliche Vorsorgemodelle bauen aufeinander auf und ergänzen einander. Gerade bei Aktien bieten Apps und Robo-Advisors aktuell erhebliche Erleichterungen. Schnell mal in ETFs investieren – noch nie war es so leicht wie jetzt. Dabei gibt es jedoch Fallstricke.
Welche das sind, verrät Johannes Hansen, Honorarberater mit Fokus auf Altersversorgung und Geldanlage bei der Kölner Honorarberatung Maiwerk.
Aktive Fonds performen schlechter als ETFs – das steckt dahinter
Mal ganz laienhaft gefragt: Was kann man sich unter einem ETF vorstellen?
Im Kern ist ein ETF ein Korb aus vielen verschiedenen Aktien und Anleihen, die man mit nur einem Klick kaufen kann. Wenn ich zum Beispiel in die 40 größten deutschen Unternehmen investieren will, kann ich, anstatt jede Aktie einzeln zu kaufen, einfach einen ETF auf den Deutschen Aktienindex finden. ETF steht dabei für Exchange Traded Fund, also ein börsengehandelter Fonds, und er bildet immer einen Index nach.
Bei ETFs gibt es keinen Fondsmanager, der aktiv entscheidet, welche Aktie in den Fonds kommt – man kauft immer das Gesamtpaket. Sie haben dabei weniger Risiken als Einzelaktien, weil sie eben so breit gestreut sind. Vereinfacht gesagt: Ein ETF ist eine simple und kostengünstige Möglichkeit, mit wenig Aufwand in viele Unternehmen gleichzeitig zu investieren.
Chancen und Risiken gehen miteinander einher.
Das heißt, wenn der nachgebildete Index sinkt, geht auch der Kurs des ETFs nach unten, ohne dass man etwas dagegen tun kann?
Genau. Man investiert in die Unternehmen, die da hinterlegt sind. Das bietet natürlich Chancen, aber auch Risiken, das geht beides miteinander einher. Dabei muss man aber ganz klar sagen, dass über 95 Prozent der aktiven Fonds – also die, die versuchen, besser zu performen als der Markt – über einen Zehnjahreszeitraum schlechter abschneiden als ein ETF, der den Weltmarkt abbildet.
Warum das?
Wenn wir uns die Ergebnisse aus der Kapitalmarktforschung ansehen, dann zeigt sich, dass es einfach nicht möglich ist, exakte Prognosen darüber zu tätigen, wann der Markt herauf- und wann herabgeht. An der Börse wird immer die erwartete Zukunft gehandelt und diese ist eben nicht prognostizierbar. Wenn man aber die richtigen Anlagezeiträume wählt, dann kann man in der Tat von relativ gut planbaren Renditen ausgehen.
Crash-Airbags für schlechte Zeiten – Vorteile von ETFs in Krisenzeiten
Worauf muss ich als frischer Investor besonders achten, wenn ich in ETFs investieren will?
Man sollte sich auf jeden Fall das Ziel klarmachen: Wofür mache ich das Ganze eigentlich? Welchen Anlagehorizont habe ich? Geld, das ich innerhalb der nächsten vier Jahre benötige, würde ich nicht in Kapitalanlagen stecken. Ab Jahr fünf kann man das machen, unter der Voraussetzung, dass man auch Anleihen dazu nimmt.
Aktien-ETFs sind da gerade in aller Munde. Bei einem reinen ETF-Aktienportfolio ohne Anleihen würde ich aber einen Anlagenzeitraum von mindestens 13 Jahren nehmen.
Was hat es mit den Anleihen auf sich?
Anleihen sind sowas wie Crash-Airbags für schlechte Zeiten. Wenn Aktien fallen, dann steigen Anleihen normalerweise. Bei einer Aktienquote von 40 Prozent und 60 Prozent Anleihen sollte man mindestens einen Anlagezeitraum von fünf Jahren nehmen, wenn man an den Kapitalmärkten investiert.
Und dann sollte man sich genau anschauen, welche ETFs man auswählt. Welche Risiken will man eingehen und welche vermeiden? Themen-ETFs gehören dabei eher auf die „Spielwiese“, wir reden jetzt erstmal von weltweiten ETFs.
„32 Jahre im Minus“ – die Rolle von Anleihen in ETF
Was sind denn Themen-ETFs?
Das sind ETFs, die beispielsweise in bestimmte Technologie investieren, zum Beispiel Wasserstoff oder Clean Energy. Da kann man natürlich sehr gute Renditen erzielen, aber das kann auch extrem nach hinten losgehen. Wer investiert, muss sich genau überlegen, ob er wirklich Geld anlegen oder spekulieren will.
Sie hatten eben von Risiken gesprochen. Welche sind denn die häufigsten Fallgruben, in die man als neuer Anleger gerne mal fällt?
Man sollte sich das Marktrisiko bewusst machen. ETFs können stark im Wert schwanken, eben weil die Aktienkurse schwanken. Schauen wir uns mal den MCSI World an: Der ist in den vergangenen 50 Jahren dreimal um gute 50 Prozent gefallen. Dementsprechend ist es wichtig, die Anlagehorizonte auszudehnen und gegebenenfalls Anleihen-ETFs mit hereinzunehmen.
Bei Branchen-ETFs hat man schnell ein Klumpenrisiko, das extrem teuer werden kann.
Der Anleihenmarkt ist insgesamt übrigens größer als der Aktienmarkt. Trotzdem werden Anleihen in der öffentlichen Diskussion, wenn es um Aktien geht, kaum erwähnt. Der dritte Punkt wäre die Auswahl der ETFs. Bei Branchen-ETFs oder Themen-ETFs hat man sehr schnell ein Klumpenrisiko, das extrem teuer werden kann.
Wenn wir hier in Themen-ETFs investieren, die beispielsweise auf Cannabis-Aktien spezialisiert sind oder auf Clean Energy, dann sind die Risiken hier noch viel größer. Viele setzen genau auf solche Trends und das Interessante hierbei ist, dass solche Themen-ETFs von den Fondsgesellschaften oft erst dann aufgesetzt werden, wenn der Trend schon sehr populär ist.
Das heißt, wenn eine große Nachfrage da und der Kurs schon hoch ist. Dann steigt man ein und das ist der Grund, warum solche Themen-ETFs im Durchschnitt eben auch schlechter abschneiden als ein einfaches weltweit gestorbenes ETF-Portfolio – und dazu wesentlich höhere Risiken haben.
Trends um ETF – wer auf Geld angewiesen ist: „Finger weg“
Das heißt, man sollte die Finger von ETF-Trends lassen?
Da komme ich wieder zur „Spielwiese“. Plane ich die Anlage beispielsweise nicht für meine Altersvorsorge ein, dann sind solche Trend-ETFs vollkommen in Ordnung. Aber nur, wenn man sich bewusst macht: Das Ganze kann gut werden, man kann aber auch Geld verlieren, wenn man dieses Risiko bewusst eingeht. Wenn man aber auf das Geld angewiesen ist, würde ich sagen: Finger weg. In dem Fall würde ich nicht in Themen-ETFs und Trend-ETFs investieren.
Welche aktuellen Trends sehen Sie bei ETFs und wie schätzen Sie die ein?
Durch diese ganzen Neobroker wie Trade Republic oder Scalable ist es erstmal super einfach geworden, an den Kapitalmärkten und in ETFs zu investieren. Die Hürden werden immer niedriger. Das ist ein positiver Trend, finde ich, und es ist wichtig, dass man erst einmal ins Machen kommt. Soll heißen, man recherchiert nicht ewig herum, sondern einfach mal mit kleineren Summen anfängt. Wenn man klein anfängt, kann man auch durchaus Fehler verkraften. Daraus kann man dann lernen.
Interessant sind auch Geldmarkt-ETFs als Tagesgeld-Ersatz. Bei der richtigen Auswahl hat man gar keine Schwankungen und die besten Tagesgeldzinsen. So kann man Tagesgeldhopping vermeiden. Man kommt innerhalb von drei Werktagen an sein Geld ran und es gibt eine unbegrenzte Einlagensicherung.
Bei größeren Summen sollte man schon genauer hinschauen. Was ich aber oft sehe – und das ist ein Fehler – ist das ständige Rein- und Rausgehen in oder aus ETFs.
Die größten Kurssprünge erfolgen in der Krise, wenn die Nachrichtenlage im Ungewissen ist.
Aber kann man damit nicht schnelle Gewinne mitnehmen, wenn zum Beispiel ein Trump die Märkte auf Talfahrt schickt?
Das ist kontraproduktiv, weil es letztendlich nicht möglich ist, die Kurse zu prognostizieren. Wenn wir uns mal die größten Krisen seit 1987 anschauen, dann ist es so, dass die größten Kurssprünge oft gemacht wurden, wenn die Nachrichtenlage im Ungewissen ist. Das heißt, wenn die Aktienkurse abrauschen, verkaufen viele Anleger – sie haben Angst vor weiteren Einbrüchen.
Die großen Sprünge sind allerdings im Durchschnitt nur drei Tage entfernt, das heißt, diese Erholung verpasse ich dann. Außerdem fallen bei jedem An- und Verkauf Transaktionskosten an, und Steuern kosten nochmal extra Geld. Das ist ein nicht zu vernachlässigender Punkt.
Nachhaltige ETF und Trends – es gibt keine Altersgrenze
Wie ist Ihre Einschätzung zu nachhaltigen ETFs, angesichts dessen, dass die Merz-Regierung offenbar zunehmend von den Nachhaltigkeitszielen in verschiedenen Sektoren abrückt?
Das ist auf jeden Fall nachvollziehbar. Es ist gerade viel Umbruch in der Weltpolitik. Ein Blick in die letzten 50 Jahre zeigt aber, dass nachhaltige Investitionen im Schnitt besser abgeschnitten haben als nicht nachhaltige Investitionen. Die Kosten waren allerdings lange Zeit höher, was heutzutage nicht mehr der Fall ist.
Nur sind nachhaltige ETFs nicht unbedingt das Nachhaltigste, was es gibt – da wird viel Greenwashing betrieben. Aus Diversifikationsgründen sind sie dennoch eine Option. Nachhaltige ETFs haben sich in Krisenzeiten auch als resilienter herausgestellt als nicht nachhaltige ETFs.
Nehmen wir an, ich habe gerade geerbt oder im Lotto gewonnen und will anlegen. Was sind die größten Dos and Don'ts?
Was man auf keinen Fall machen sollte, ist, direkt einen Fonds oder eine Aktie oder einen ETF zu wählen und sofort einzusteigen. Es geht immer zuerst darum, die Geschichte der Menschen zu kennen. Heißt: Status Quo anschauen, Ziele definieren und einen entsprechenden Finanzplan machen, mit einem professionellen Finanzplanungstool, das auch Steuern und Inflation berücksichtigt. Im nächsten Schritt muss man dann schauen, wie man die zur Verfügung stehenden Vermögenswerte optimal einsetzt.
Gelder, die ich in fünf Jahren benötige, sollte ich defensiver anlegen – in einem Portfolio mit mindestens 60 Prozent Anleihenquote. Gelder, bei denen ich einen 20-jährigen Anlagenhorizont habe, können in ein anderes Portfolio mit einer riesigen Aktienquote, weil ich da mehr Spannung aushalten kann.
Gibt es da eine Altersgrenze, wo man zum Beispiel sagen muss: Jetzt lohnt das Anlegen nicht mehr?
Man kann durchaus immer einsteigen. Voraussetzung ist, dass man es handwerklich sauber macht. Jeder kann in ETFs investieren, aber man sollte eben sich genau überlegen, welche Ziele man hat und welche Risiken man eingehen will.