„Nur mit Sparen wird das nichts“ – Experte verrät: So funktioniert gute Altersvorsorge trotz kleiner Rente
VonLisa Gilz
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Eine Lebensversicherung abschließen oder doch an der Börse spekulieren? Finanztip-Redakteur Saidi Sulilatu rät von beidem ab. Und verrät im Interview bessere Alternativen.
Geld und Investitionen sind eine komplizierte Sache. Oder? Mit diesem Märchen will die Stiftung Finanztip aufräumen. Über YouTube, einen Online-Ratgeber, einen Podcast sowie Instagram informierten sie etwa über Stromkosten, Steuererklärung und Aktien. Ganz vorne dabei: Finanztip-Chefredakteur Saidi Sulilatu. Im Interview mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media erzählt er von seinen ersten Fehlern in der Finanzwelt und ob er Kunden zur Geldanlage in der Schweiz rät. Nicht nur damit, dass er im Gespräch direkt das Du anbietet und lieber im Kapuzenpullover als im Anzug Ratschläge rund ums Geld gibt, setzt er sich vom gewöhnlichen Finanzberater ab. Am 3. November erscheint Sulilatus neues Buch „Finanzen ganz einfach“.
Saidi, auf dem Weg Finanztipps zu geben muss man sicherlich auch selbst seinen Anteil an Fehlern gemacht haben. Was waren Deine?
Ende der 90er, also mit Anfang 20, hab ich ein bisschen Geld in Aktien reingesteckt. Nach einer Weile hab ich es sein lassen. Und so habe ich wertvolle Zeit verloren. Also mein erster Fehler: von Anfang bis Ende 20 nichts zu tun.
Die aktuelle Grundproblematik: „Die Rente ist sicher, aber sie wird auch sicher nicht reichen“
Und der zweite?
Ein Finanzvertriebsmitarbeiter sagte mir, wie schlimm der demografische Wandel sei. Und dass man doch was dagegen unternehmen kann. Er hat mir dann eine Lebensversicherung verkauft, deren Kosten ich zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht überblickt habe.
Grundlegend aber keine schlechte Idee, in Hinblick auf die Rente etwas tun zu wollen, oder?
Völlig richtig. Die Rente ist sicher, aber sie wird auch sicher nicht reichen. Du musst was dagegen unternehmen, und nur mit Sparen wird das nichts. Aber es geht darum, was ein Finanzvertrieb aus so einer Idee macht: viel zu teure und intransparente Produkte, die Leute Zehntausende von Euro kosten. Ich wurde damals systematisch belogen, und ich glaube, dass das keine Ausnahme ist. Mittlerweile habe ich meine Lebensversicherung natürlich gekündigt und in ETFs angelegt.
Wer jung ist, eine Ausbildung macht oder studiert, hat vielleicht gerade mal genug Geld, um über die Runden zu kommen. Ab welchem Betrag „lohnt“ es sich denn, in ETFs investieren?
Technisch geht es ab einem Euro. Damit gewinnt man natürlich keinen Blumentopf. Ich würde sagen, mit 25 Euro im Monat kann man gut anfangen. Aber ich würde auch sagen: Schaffst du es vielleicht, zehn Prozent zurückzulegen von deinem Einkommen? Wenn du mit ganz grob Anfang 20 das anfängst, dann reichen dir dein Leben lang diese zehn Prozent.
Leistungsentzug, Geldgeschenk, Umzug – was Bürgergeld-Empfängern erlaubt ist und wo Urteile Grenzen setzen
Je später ich anfange, desto schwerer wird’s mir fallen, die Lücke zu schließen: zwischen dem, was ich an Einkommen gewöhnt bin, und dem, was ich an gesetzliche Rente bekomme. Aber es ist immer besser, noch was zu tun, als nichts zu tun. In Deutschland liegt Erspartes oft auf unverzinsten oder schlecht verzinsten Konten herum. Man kann auch in seinen Sechzigern in ETFs investieren. Voraussichtlich hat man da ja noch ein paar Jahrzehnte zu leben.
Mit den richtigen Investitionen für die Rente vorsorgen
Sagen wir mal, ich habe ein Girokonto, ein Sparbuch, ein Depot und einen Bausparvertrag. Was wäre Dein Rat?
Im Buch schreibe ich über das Finanztip-Prinzip. Das besteht aus vier Töpfen und davon erfüllt das Beispiel zwei, nämlich ein Girokonto und das Depot mit den ETFs. Jetzt würde ich ein Tagesgeldkonto empfehlen. Das sollte jeder haben. Es ist einfacher als ein Sparbuch und gibt, wenn man es richtig macht, ein bisschen mehr Zinsen. Das ist vermutlich auch besser als die meisten Bausparverträge.
Fehlt uns in Deutschland das nötige Selbstvertrauen, mehr mit unserem Geld zu machen?
Das ist ein Märchen, gegen das ich mich wende: lieber dem Vertreter vertrauen, der kann das dann schon richtig. Banken und Versicherungen wollen uns weismachen, dass man für alles einen Berater braucht. Dabei ist so ein ETF-Sparplan total easy aufgesetzt. Du brauchst keine Bankfiliale, du brauchst keinen Berater für deine Geldanlage. Es reicht eine App auf dem Handy. Finanzen müssen kein Buch mit sieben Siegeln sein. Und natürlich macht man selbst auch mal Fehler, aber es ist immer besser, einen Fehler selber zu machen, als blind jemand anderem zu vertrauen.
Was ist für Dich der goldene Weg bei der Altersvorsorge?
Grundlegend gilt: Ein Tagesgeldkonto passt für so kurz bis mittelfristige sichere Sachen. Null Risiko, bisschen Zinsen – was mehr zum Inflationsausgleich als irgendwas anderes ausreicht. Das ist der sichere Anlagetopf. Es gibt aber noch eine zweite Sache.
Und zwar?
Die langfristige Rendite: das Depot mit ETFs. Das kann auch mal ordentlich nach unten gehen. Weil ein weltweiter Aktien-ETF aber meist über 1000 Aktien weltweit enthält, hat er sich in der Vergangenheit auch von den schwersten Einbrüchen immer wieder erholt.
Gold als Absicherung, aber nicht als Altersvorsorge
Ein Blick auf die tägliche Nachrichtenlage könnte einen dennoch nervös machen, etwa mit Blick auf Donald Trump und wie die US-Zölle europäischen Unternehmen Probleme bereiten.
Man muss Ruhe bewahren. Das ist wahrscheinlich das Schwierigste an dieser ganzen Nummer. Das durchzuhalten, gerade dann, wenn es auf der Welt eben kracht und auf dem Handy die nächste Push-Nachricht aufploppt.
Was ist denn das Ziel? Was sollte am Ende rauskommen?
Es geht darum, dass dein Geld deutlich schneller wächst, als die Inflation es entwertet. Das ist the Name of the Game. Wir rechnen langfristig mit sechs Prozent Gewinn, so als grobes Mittelmaß.
In Hinblick auf die aktuellen Entwicklungen: Sollte man – wenn man das Geld dafür hat – in Edelmetalle und Rüstungsindustrie investieren?
Ich würde nicht auf einzelne Branchen setzen, sondern immer auf den breiten Markt. Wir nennen das passiv investieren: Geld rein, 15 Jahre liegen lassen und am besten auch nicht so oft anschauen. Gold ist eine andere Nummer. Seit Jahren geht es von Rekordhoch zu Rekordhoch. Aber wenn man sich die Entwicklung langfristig anschaut, dann sieht man, dass Gold auch lange Phasen hatte, wo es schlecht gelaufen ist. Der Preis basiert rein aus Angebot und Nachfrage. Das heißt, du hast keine laufenden Erträge, keine Zinsen oder Dividenden. In Hinblick auf die Altersvorsorge ist es keine so gute Geldanlage, sondern eher eine Absicherung für ein Worst-Case-Szenario.
Wieso es sich lohnt, die Steuererklärung zu machen: Meist bekommt man was zurück
Bleiben wir bei den typischen „investier in“-Ratschlägen. Du widmest Dich in Deinem Buch auch dem Thema Immobilien – ist das noch eine Investition, die für junge Menschen realistisch ist?
Da ist diese große Frage: kaufen oder mieten? Die gute Nachricht: Es wird zwar noch ein paar Jährchen dauern, aber früher oder später wird der blöde Wohnungsbau in Deutschland aber in die Gänge kommen. Und es gibt noch einen anderen Effekt, den darf ich nicht so laut sagen: Es wird in Zukunft ein Teil der Hausbesitzer sterben. Eine günstige Immobilie in einer guten Lage zu kaufen, ist immer noch eine gute Investition. Aber es ist kein Muss. Wenn du aus deinem Geld was machst, etwa mit Aktien-ETFs, dann kannst du letztendlich vergleichbar gut dastehen, wie jemand, der sich eine Wohnung gekauft hat oder gebaut hat.
Und vielleicht noch ein Finanzthema, über das man sich in Deutschland immer wieder gerne ärgert: die Steuern. Was ist Dein Rat dazu?
Der größte, ja der allergrößte Fehler beim Thema Steuern ist, keine Steuererklärung zu machen. Von 26,1 Millionen unbeschränkt Steuerpflichtigen gaben für das Steuerjahr 2021 nur 14,9 Millionen eine Steuererklärung ab. Es ist erschreckend, wie viel Leute keine Steuererklärung machen und damit natürlich Geld herschenken. Denn: Wenn du nicht eh verpflichtet bist, eine Steuererklärung zu machen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass du vom Finanzamt Geld kriegen würdest. In den meisten Fällen dreistellig, wenn nicht sogar mehr, der Durchschnitt liegt bei ungefähr 1000 Euro. Aber lieber drückt man sich um diese lästige Bürokratie.
Und mit Blick auf die Kapitalanlagen, die man hat: Fragen Dich die Menschen manchmal auch danach, wie sie ein Konto in der Schweiz oder auf den Bahamas eröffnen?
Es gilt eigentlich genau das Gleiche: Wenn du eine Steuererklärung machst, hast du 1000 Euro steuerfrei. Aber diese 1000 Euro werden dir nicht automatisch angerechnet. In deine Steuersoftware trägst du deine Zahlen ein. In vielen Fällen bekommst du etwas zurück von dem, was bei von der Bank durch die Steuer abgezogen wird. Und klar, die Fragen kriege ich auch immer wieder auf Social Media: Saidi, hast du irgendwelche Tipps, wie ich Steuern vermeiden kann? Wenn du im Ausland irgendwelche Konten hast, die nicht angibst, obwohl du müsstest, nennt sich das Steuerhinterziehung. Punkt. Solche Tipps bekommt man von mir nicht.