„Keine positiven Effekte“

Wirtschaftsweise hält nichts von 35-Stunden-Woche: „Man kann nicht in 35 Stunden so viel schaffen wie in 40“

  • schließen

Die Vorsitzende der Wirtschaftsweisen Monika Schnitzer widerspricht Forderungen nach einer kollektiven 35-Stunden-Woche. Sie sieht „keine positiven Effekte“.

München – Die Lokführergewerkschaft GDL hat am Ende doch die eigene Kernforderung einer 35-Stunden-Woche durchgesetzt. Ab 2029 haben Lokführer dann die Wahl, ob sie 35 Stunden arbeiten oder mehr Geld verdienen wollen. Damit ist auch eine Debatte über weniger Arbeitsstunden erneut entbrannt. Von einer allgemeinen 35-Stunden-Woche hält die Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, Monika Schnitzer, wenig.

„Einen positiven Effekt kann ich jetzt erstmal nicht sehen“, sagte Schnitzer am Mittwoch, 27. März, dem Fernsehsender Phoenix. „Es ist auch nicht zu erwarten, dass man in 35 Stunden so viel Arbeit leisten kann wie in 40 Stunden.“ Es hänge sehr vom Beruf ab, in welchen Branchen eine verkürzte Wochenarbeitszeit möglich sei.

Wirtschaftsweise sieht keinen positiven Effekt einer 35-Stunden-Woche: „Nicht so viel schaffen wie sonst in 40“

Dabei bemüht die Wirtschaftsweise auch Lokführer als ein Beispiel. „Denken Sie an Lokomotivführer: die müssen einfach vor Ort sein“, sagte Schnitzer im Phoenix-Interview. „Und da kann man nicht in 35 Stunden so viel schaffen wie sonst in 40, weil man eben gar nicht vor Ort sein kann.“

Wirtschaftsweise Monika Schnitzer sieht „keine positiven Effekte“ bei einer 35-Stunden-Woche. (Archivfoto)

Der Grünen-Arbeitsmarktexperte und frühere Verdi-Chef Frank Bsirske hält eine Arbeitszeitverkürzung dagegen bei besonders stark belasteten Berufen als eine Option. „Sie hilft, die Tätigkeit länger und gesund ausüben zu können und macht es einfacher, Berufsnachwuchs zu gewinnen“, sagte der Bundestagsabgeordnete dem Tagesspiegel. „Ich bin überzeugt davon, dass weitere Berufsgruppen wie die Beschäftigten im ÖPNV, Erzieherinnen und Pfleger folgen werden“, erklärte Linken-Politiker Bernd Riexinger nach der Bahn-Einigung. Erst kürzlich hatte die Linke ein Konzept zur Vier-Tage-Woche vorgestellt.

CDU-Generalsekretär sieht 35-Stunden-Woche als Gefahr: „Anstrengungslosen Wohlstand gibt es nicht“

CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann hält eine Arbeitszeitverkürzung mittelfristig für eine Gefahr für Wirtschaft und Wohlstand. „Einen anstrengungslosen Wohlstand gibt es nicht“, sagte er bei Welt TV. Ihn stört, dass „jeder nur an sich denkt, zulasten der Allgemeinheit“.

Differenzierter sieht es Reinhard Houben, wirtschaftspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion: „Man kann Arbeitszeit dann reduzieren, wenn man produktiver wird“, erklärte er im ARD-Morgenmagazin. Wo die Produktivität nicht gesteigert werden könne, sei solch ein Modell schwierig.

Stiftung sieht positive Effekte der Arbeitszeitverkürzung auf Produktivität

Kürzere Arbeitszeiten können jedoch positive Effekte wie geringere Fehlzeiten und höhere Motivation der Beschäftigten haben, erklärte dagegen Forscher Eike Windscheid-Profeta von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Die 1996 eingeführte 35-Stunden-Woche in der Metall- und Elektroindustrie habe sich Analysen zufolge zudem positiv auf die Produktivität ausgewirkt. Weder die Tests der Vier-Tage-Woche noch die Erfahrungen mit Arbeitszeitverkürzung in Deutschland weisen laut Windscheit-Profeta darauf hin, dass damit Wohlstandsverluste einhergehen.

Oliver Stettes vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sieht dagegen gesamtwirtschaftlich keine Spielräume für kollektive Arbeitszeitverkürzungen. „Um zum Beispiel eine Verkürzung von 40 auf 32 Wochenstunden wirtschaftlich tragfähig zu gestalten, benötigen wir eigentlich einen Produktivitätszuwachs von 25 Prozent pro Arbeitsstunde.“ Er verweist zudem auf den Ruhestand der Babyboomer-Generation, durch den in erheblichem Ausmaß Arbeitsstunden verloren gingen. Eine kollektive Arbeitszeitverkürzung würde den Rückgang noch verstärken.

Der IW-Ökonom erkennt jedoch auch, dass es für einzelne Firmen sinnvoll sein könne, „kürzere Arbeitszeiten anzubieten, wenn dies wirtschaftlich tragfähig und organisatorisch umsetzbar ist“. Dadurch könnten die Arbeitgeber ihre Attraktivität erhöhen. Es lasse sich aber nicht pauschal sagen, ob dies zweckmäßig oder möglich sei. (ms/dpa/afp)

Rubriklistenbild: © Bernd von Jutrczenka/dpa

Kommentare