Stahlindustrie ist alarmiert

Politik gibt Milliarden für grünen Stahl aus – aber der wird kaum verwendet

  • schließen

Die Zukunft soll dem grünen Stahl gehören. Trotz staatlicher Unterstützung für die Industrie wird überwiegend mit der traditionellen Alternative konstruiert.

Berlin – Union und SPD messen der Stahlindustrie eine zentrale strategische Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Deutschland bei. So steht es im Koalitionsvertrag, demzufolge die Branche von der Politik dabei unterstützt werden soll, die Produktionsprozesse auf dem Weg zur Klimaneutralität anzupassen. Auch von einer Quote für die emissionsarme Herstellung von Stahl ist zu lesen.

Dabei soll dann der sogenannte grüne Stahl herausspringen. Laut Thyssenkrupp Schulte verbergen sich hinter diesem häufig verwendeten Begriff nachhaltig produzierte Stähle. Beispiele sind unter Verwendung von grünem Wasserstoff hergestellter Stahl, Stahl mit zertifiziertem Emissionsgehalt, Co2-reduzierter Stahl bzw. Stahl mit geringem Emissionsgehalt und klimaneutraler Stahl. Noch sind Co2-neutrale Stähle nicht verfügbar.

Grüner Stahl in Deutschland: Trotz Milliarden-Subventionen noch kaum nachgefragt

Es besteht die Hoffnung, einen echten Gamechanger im Kampf gegen den Klimawandel zur Verfügung zu haben. Doch bis dahin ist es offenbar noch ein weiter Weg. Denn die Produktion von grünem Stahl ist teurer, wie die Zeit am Beispiel des Stahlwerks Peiner Träger erläutert, wo die Kosten im Vergleich zu konventionell hergestelltem Stahl fünf bis zehn Prozent höher ausfallen.

Stahlproduktion: Wie hier bei Thyssenkrupp Steel soll mit politischer Unterstützung künftig klimafreundlich produziert werden.

Demnach fragt bislang vor allem der deutsche Staat als größter Auftraggeber die klimafreundlichere Variante kaum nach. Die neue U-Bahn-Linie in Hamburg und ein Schulgebäude in Dortmund werden als zwei der wenigen Beispiele aufgeführt, bei denen mit grünem Stahl hantiert wird.

Dabei ist die Umstellung in der Produktion ein wichtiger Schritt mit Blick auf Deutschlands Klimaziele bis 2045. Und der Staat investiert auch in den Aufbau grüner Stahlwerke, gewährt den Unternehmen Subventionen in Milliardenhöhe. Im vergangenen Sommer gab die Ampel-Koalition auf eine Kleine Anfrage mehrerer Linken-Politiker an, allein durch die vier ausgewählten Stahl-Dekarbonisierungs-Projekte von Salzgitter, Thyssenkrupp Steel, SHS und ArcelorMittal würden mittelfristig 17 Millionen Tonnen Co2 eingespart werden.

Grüner Stahl wird kaum genutzt: Unternehmen schrecken wohl vor Mehrkosten zurück

Doch noch fremdeln wohl auch große Auftraggeber. Die Zeit fragte nach, warum nicht auf grünen Stahl gesetzt werde. Von der Deutschen Bahn kam die Antwort, sie könne sich nicht dazu äußern, solange die neue Bundesregierung nicht stehe. Die Autobahn GmbH antwortete demnach gar nicht.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Dass allein die höheren Kosten als Grund herhalten können, bestreitet das Bundeswirtschaftsministerium, demzufolge der Zuschlag an das Angebot mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis geht. Berücksichtigt würden dabei auch qualitative Aspekte wie Umweltfolgen.

Klaus Uphoff, technischer Geschäftsführer des Hamburger U-Bahn-Projekts, das offenbar als Vorreiter herhalten kann, verweist aber auch auf die Unsicherheit vieler Unternehmen, wenn es um grünen Stahl geht. Die Mehrkosten würden als abschreckend angesehen, habe er in Gesprächen vernommen.

Grüner Stahl und die Förderung: Wirtschaftsverbände regen grüne Leitmärkte an

Die Wirtschaftsvereinigung Stahl hatte bereits im Jahr 2022 angeregt, mithilfe grüner Leitmärkte die Nachfrage nach klimafreundlichem Stahl gezielt anzukurbeln. „Solange grüner Stahl signifikant höhere Betriebskosten in der Herstellung verursacht und keine Wirtschaftlichkeit sichergestellt werden kann, solange bedarf es staatlicher Anschubfinanzierungen zur Realisierung der massiven CO₂-Abbaupotentiale im Stahlsektor zu vergleichsweise niedrigen Vermeidungskosten“, heißt es in einem Papier des wirtschaftspolitischen Verbandes der Stahlindustrie.

Müssen sich auch über grünen Stahl austauschen: SPD-Chef Lars Klingbeil (l.) und CDU-Chef Friedrich Merz sind nun die Führungsfiguren der neuen Bundesregierung.

Und weiter: „Die staatliche Förderung zum Erreichen der Klimaschutzziele lässt sich mit dem Etablieren grüner Leitmärkte minimieren und perspektivisch sogar vollständig ablösen.“ Die Hoffnung auch der Stahlunternehmen lautet: Hat sich die grüne Variante erst einmal etabliert und wird häufiger nachgefragt, steigt damit die Produktion und der Preis sinkt.

IG Metall warnt die Politik: „Ohne grünen Stahl ist die Stahlindustrie in Deutschland am Ende“

Die IG Metall und damit die Arbeitnehmer-Seite hat sich ebenfalls klar positioniert. Deren Zweiter Vorsitzender Jürgen Kerner verdeutlichte im Januar als Reaktion auf zweifelnde Aussagen vom mittlerweile zum Bundeskanzler gewählten CDU-Chef Friedrich Merz, dass es keine Alternative zum Umstieg gibt: „Wer nicht an grünen Stahl glaubt, befördert das Ende der Stahlindustrie in Deutschland – mit fatalen Wirkungen weit über die Branche hinaus.“

Zehntausende Arbeitsplätze gingen verloren, die Branche würde in „gefährliche Abhängigkeit vor allem von China“ geraten. So weit soll es keinesfalls kommen. Dafür will die frisch gekürte schwarz-rote Regierung sorgen. Zumindest, wenn es nach dem Koalitionsvertrag geht. (mg)

Rubriklistenbild: © IMAGO / Sven Simon

Kommentare