Politik gibt Milliarden für grünen Stahl aus – aber der wird kaum verwendet
VonMarcus Giebel
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Die Zukunft soll dem grünen Stahl gehören. Trotz staatlicher Unterstützung für die Industrie wird überwiegend mit der traditionellen Alternative konstruiert.
Berlin – Union und SPD messen der Stahlindustrie eine zentrale strategische Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Deutschland bei. So steht es im Koalitionsvertrag, demzufolge die Branche von der Politik dabei unterstützt werden soll, die Produktionsprozesse auf dem Weg zur Klimaneutralität anzupassen. Auch von einer Quote für die emissionsarme Herstellung von Stahl ist zu lesen.
Dabei soll dann der sogenannte grüne Stahl herausspringen. Laut Thyssenkrupp Schulte verbergen sich hinter diesem häufig verwendeten Begriff nachhaltig produzierte Stähle. Beispiele sind unter Verwendung von grünem Wasserstoff hergestellter Stahl, Stahl mit zertifiziertem Emissionsgehalt, Co2-reduzierter Stahl bzw. Stahl mit geringem Emissionsgehalt und klimaneutraler Stahl. Noch sind Co2-neutrale Stähle nicht verfügbar.
Grüner Stahl in Deutschland: Trotz Milliarden-Subventionen noch kaum nachgefragt
Es besteht die Hoffnung, einen echten Gamechanger im Kampf gegen den Klimawandel zur Verfügung zu haben. Doch bis dahin ist es offenbar noch ein weiter Weg. Denn die Produktion von grünem Stahl ist teurer, wie die Zeit am Beispiel des Stahlwerks Peiner Träger erläutert, wo die Kosten im Vergleich zu konventionell hergestelltem Stahl fünf bis zehn Prozent höher ausfallen.
Demnach fragt bislang vor allem der deutsche Staat als größter Auftraggeber die klimafreundlichere Variante kaum nach. Die neue U-Bahn-Linie in Hamburg und ein Schulgebäude in Dortmund werden als zwei der wenigen Beispiele aufgeführt, bei denen mit grünem Stahl hantiert wird.
Dabei ist die Umstellung in der Produktion ein wichtiger Schritt mit Blick auf Deutschlands Klimaziele bis 2045. Und der Staat investiert auch in den Aufbau grüner Stahlwerke, gewährt den Unternehmen Subventionen in Milliardenhöhe. Im vergangenen Sommer gab die Ampel-Koalition auf eine Kleine Anfrage mehrerer Linken-Politiker an, allein durch die vier ausgewählten Stahl-Dekarbonisierungs-Projekte von Salzgitter, Thyssenkrupp Steel, SHS und ArcelorMittal würden mittelfristig 17 Millionen Tonnen Co2 eingespart werden.
Grüner Stahl wird kaum genutzt: Unternehmen schrecken wohl vor Mehrkosten zurück
Doch noch fremdeln wohl auch große Auftraggeber. Die Zeit fragte nach, warum nicht auf grünen Stahl gesetzt werde. Von der Deutschen Bahn kam die Antwort, sie könne sich nicht dazu äußern, solange die neue Bundesregierung nicht stehe. Die Autobahn GmbH antwortete demnach gar nicht.
Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“
Dass allein die höheren Kosten als Grund herhalten können, bestreitet das Bundeswirtschaftsministerium, demzufolge der Zuschlag an das Angebot mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis geht. Berücksichtigt würden dabei auch qualitative Aspekte wie Umweltfolgen.
Klaus Uphoff, technischer Geschäftsführer des Hamburger U-Bahn-Projekts, das offenbar als Vorreiter herhalten kann, verweist aber auch auf die Unsicherheit vieler Unternehmen, wenn es um grünen Stahl geht. Die Mehrkosten würden als abschreckend angesehen, habe er in Gesprächen vernommen.
Grüner Stahl und die Förderung: Wirtschaftsverbände regen grüne Leitmärkte an
Die Wirtschaftsvereinigung Stahl hatte bereits im Jahr 2022 angeregt, mithilfe grüner Leitmärkte die Nachfrage nach klimafreundlichem Stahl gezielt anzukurbeln. „Solange grüner Stahl signifikant höhere Betriebskosten in der Herstellung verursacht und keine Wirtschaftlichkeit sichergestellt werden kann, solange bedarf es staatlicher Anschubfinanzierungen zur Realisierung der massiven CO₂-Abbaupotentiale im Stahlsektor zu vergleichsweise niedrigen Vermeidungskosten“, heißt es in einem Papier des wirtschaftspolitischen Verbandes der Stahlindustrie.
Müssen sich auch über grünen Stahl austauschen: SPD-Chef Lars Klingbeil (l.) und CDU-Chef Friedrich Merz sind nun die Führungsfiguren der neuen Bundesregierung.
Und weiter: „Die staatliche Förderung zum Erreichen der Klimaschutzziele lässt sich mit dem Etablieren grüner Leitmärkte minimieren und perspektivisch sogar vollständig ablösen.“ Die Hoffnung auch der Stahlunternehmen lautet: Hat sich die grüne Variante erst einmal etabliert und wird häufiger nachgefragt, steigt damit die Produktion und der Preis sinkt.
IG Metall warnt die Politik: „Ohne grünen Stahl ist die Stahlindustrie in Deutschland am Ende“
Die IG Metall und damit die Arbeitnehmer-Seite hat sich ebenfalls klar positioniert. Deren Zweiter Vorsitzender Jürgen Kerner verdeutlichte im Januar als Reaktion auf zweifelnde Aussagen vom mittlerweile zum Bundeskanzler gewählten CDU-Chef Friedrich Merz, dass es keine Alternative zum Umstieg gibt: „Wer nicht an grünen Stahl glaubt, befördert das Ende der Stahlindustrie in Deutschland – mit fatalen Wirkungen weit über die Branche hinaus.“
Zehntausende Arbeitsplätze gingen verloren, die Branche würde in „gefährliche Abhängigkeit vor allem von China“ geraten. So weit soll es keinesfalls kommen. Dafür will die frisch gekürte schwarz-rote Regierung sorgen. Zumindest, wenn es nach dem Koalitionsvertrag geht. (mg)