Präsident Trump und die Preise: Wie stark steigt die Inflation in den USA?
VonStephan Kaufmann
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Die US-Bevölkerung erwartet von Donald Trump eine Senkung der Inflation. Doch jetzt entfesselt er sie selbst. Die ersten Anzeichen sind beunruhigend.
Washington, D.C. – Donald Trump war außer sich: Am Dienstagmorgen berichtete das Nachrichtenportal Punchbowl News, der Onlinehändler Amazon werde auf seinen Webseiten die Kosten von Trumps Zöllen auf Produkte neben den Warenangeboten anzeigen. Damit würde deutlich, was die Zölle die US-Verbraucher:innen kosten. Dies sei ein „feindseliger und politischer Akt“, wetterte die Pressesprecherin des Weißen Hauses, Karoline Leavitt. Trump rief umgehend bei Amazon-Chef Jeff Bezos an, um sich zu beschweren. Und am Nachmittag teilte der Konzern mit, der Plan sei „nie genehmigt worden“ und werde auch nicht umgesetzt.
Die Episode zeigt: Beim Thema Preise ist die US-Regierung empfindlich. Schließlich war die hohe Inflation der vergangenen Jahre einer der wesentlichen Gründe für die US-Bevölkerung, die Biden-Regierung abzuwählen. Steigende Preise beschädigen also Trumps Image. Fest steht aber auch: Die von ihm angedrohten oder bereits eingeführten Zölle auf Importgüter werden das Leben der Amerikaner:innen teurer machen und die US-Wirtschaft schwächen. Wie stark diese Effekte ausfallen, davon dürfte abhängen, wie radikal Trump sein Programm umsetzt – und damit, wie sich das globale Handelsgefüge entwickeln wird.
Wer leidet mehr unter den Folgen von Trumps Zollpolitik: die USA oder das Ausland?
Nicht nur für US-Verbraucher und Verbraucherinnen werden die Zölle Importware verteuern, auch für US-Unternehmen, was ihre Kosten in die Höhe treibt. Dazu lastet eine außergewöhnliche Unsicherheit auf dem gesamten Markt, da unklar ist, welche Zölle die US-Regierung in welcher Höhe überhaupt umsetzen wird. Unabhängig davon ist jedoch klar: Die Zölle werden das US-Wachstum auf jeden Fall schwächen. Die zentrale Frage aus Sicht Washingtons ist es dabei allerdings, wer die größeren Schäden zu verkraften hat: die Vereinigten Staaten oder das Ausland?
Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel sieht die USA als größeren Verlierer. Der Handelskrieg mindere ihre Wirtschaftsleistung um 1,6 Prozent. Der Internationale Währungsfonds (IWF) ist weniger pessimistisch, sieht den größten Schaden aber ebenfalls in den USA. Im Vergleich zu seiner Prognose von Januar erwartet der IWF dort nun ein 0,9 Prozentpunkte geringeres Wachstum. Im Vergleich dazu steht ein erwarteter Wachstumsverlust in der Eurozone von nur 0,2 Prozentpunkten, für Japan 0,5 und für Kanada und China jeweils 0,6 Prozentpunkte.
Noch allerdings steht die US-Wirtschaft gut da. Das zeigten am Mittwoch die Zahlen zum Wirtschaftswachstum in den ersten drei Monaten des Jahres: Zwar schrumpfte das BIP leicht. Dies lag aber daran, dass erstens der Staat sparte und weniger ausgab. Zweitens wendeten Unternehmen und Haushalte in Erwartung der Zölle deutlich mehr für ausländische Güter auf. Die Importe zogen massiv an, was das Handelsbilanzdefizit nach oben drückte. Klammert man diese Effekte aus, blieb ein kräftiges Plus übrig.
Kann die Trumps Regierung auf die US-Firmen zählen?
Ein schlechtes Vorzeichen für die nächsten Monate ist indes die Stimmung der US-Verbraucher:innen. Der entsprechende Index des Conference Board fiel im April von 93,9 auf 86,0, der Index der Konsumentenerwartungen rauschte sogar von 66,9 auf 54,4 nach unten – das ist ein Rezessionsniveau. Entscheidend für die Stimmung im Land ist vor allem eine Frage: Wie stark steigt die Inflation?
Erste Anzeichen sind beunruhigend. In Erwartung der Zölle haben zum Beispiel die chinesischen Online-Riesen Temu und Shein die Preise ihrer Güter in den USA massiv nach oben gesetzt. Laut Finanzdienst Bloomberg kosten Küchenhandtücher bei Shein nun knapp das Vierfache, der Preis für Augenbrauen-Gel hat sich verdoppelt, Pinzetten verteuerten sich um 168 Prozent. Nach Berechnungen von The Budget Lab Yale dürften kurzfristig Lederwaren in den USA um 87 Prozent teurer werden, Textilien um 45 Prozent und Computer um ein Fünftel. Insgesamt, prognostiziert das IfW, treibt der Verzicht auf günstige Vor- und Endprodukte die Preise in den Vereinigten Staaten innerhalb eines Jahres um 5,5 Prozent nach oben.
Wie sich Wachstum und Inflation tatsächlich entwickeln werden, ist allerdings sehr unsicher – Prognosen sind angesichts der schwankenden Politik Trumps äußerst fehleranfällig. Daher sind in der laufenden Berichtssaison viele US-Konzerne dazu übergegangen, vorerst keine Gewinnprognosen mehr abzugeben.
So könnte das Wachstum deutlich stärker ausfallen, sollten die USA die Steuern senken und dies mit einer höheren Verschuldung bezahlen. Das funktionierte bereits in der Vergangenheit: Zwischen 2018 und 2024 betrug das Haushaltsdefizit im Durchschnitt 7,4 Prozent, in der EU waren es bloß 3,2 Prozent. Der Effekt auf das Wachstum: Die USA verzeichneten ein kumuliertes Plus der Wirtschaftsleistung von 15,3 Prozent, die EU dagegen nur von 8,4 Prozent. Entsprechend entwickelten sich die Unternehmensgewinne, was sich in den Börsenkursen widerspiegelt: Einem Anstieg des US-Aktienmarktes von 118 Prozent gegenüber steht ein Plus von nur 31 Prozent in Europa.
Viele US-Unternehmen könnten höhere Kosten aufgrund von Zöllen abfangen
Auf die hohen Profite der US-Firmen kann Trump vielleicht auch zählen, wenn es darum geht, die Inflation im Zaum zu halten. Denn die US-Konzerne verzeichneten zuletzt Gewinnspannen in Rekordhöhe. Der Anteil der Gewinne an der Bruttowertschöpfung der nichtfinanziellen Unternehmen – ein Maß für die aggregierten Gewinnmargen – lag Ende 2024 bei 15,9 Prozent und damit über dem Niveau, das von den 1950er Jahren bis zum Ausbruch der Pandemie 2020 herrschte.
Zeitlinie: So hat Trump den Zoll-Krieg vom Zaun gebrochen
Dies deutet darauf hin, dass die US-Unternehmen möglicherweise Spielraum haben, um höhere Kosten aufgrund von Zöllen aufzufangen, ohne sie an die Verbraucher weiterzugeben. Die Großhandels- und Vertriebsspanne ist bei den Warenkategorien, die am stärksten von chinesischen Importen betroffen sind, besonders groß. Die Firmen haben also ein beträchtliches Polster, um die Zollkosten selbst zu bezahlen.
Die Unsicherheit ist also groß. Der US-Präsident selbst bleibt bei seiner Linie, nach der er am besten weiß, wie die Lage ist. Es gebe in den USA „praktisch keine Inflation“, sagte Trump jüngst. Und im Kampf um Anteile am Wachstum habe das Ausland keine Chance: „Wir leben an einem großartigen Ort. Er heißt Vereinigten Staaten von Amerika, und er wird seit Jahren und Jahren abgezockt.“