Der InterCityExperimental war der schnellste Zug, der je durch Deutschland fuhr
VonOliver Schmitz
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Mit dem InterCityExperimental hat die Bahn wichtiger Erfahrungen für die Einführung des ICEs gesammelt. Nicht nur das Aussehen des Schnellzuges war besonders.
Köln – Zugfahrten über 200 Km/h sind noch eine recht junge Entwicklung in Deutschland. Die ersten ICEs rasten erst ab 1991 durch die Bundesrepublik – doch bereits davor gab es einen echten Hochgeschwindigkeitszug: den InterCityExperimental (heute ICE/V genannt). Wie der Name schon nahelegt, war er der direkte Vorgänger der heutigen Vorzeige-Züge der Deutschen Bahn. Mit dem InterCityExperimental wurde ab 1985 der reguläre Hochgeschwindigkeitsverkehr erprobt und vorbereitet. Dabei stellte der ICE/V sogar einen Geschwindigkeitsrekord auf, der bis heute nicht gebrochen wurde.
ICE-Vorgänger: Wie der InterCityExperimental aussah und was ihn besonders machte
► Als Testzug war der InterCityExperimental eher kurz gehalten. Neben zwei Triebkopfzügen vorne und hinten bestand er aus drei Mittelwagen. Einer diente lediglich für Messungen, die beiden anderen zur Demonstration, wie die Innenausstattung der zukünftigen ICE aussehen konnte. Der genaue Zugaufbau:
Triebkopf (Nummer 410 001)
Demonstrationswagen 1. Klasse (Nummer 810 001)
Messwagen (Nummer 810 0003)
Demonstrationswagen 2. Klasse (Nummer 810 002)
Triebkopf (Nummer 410 002)
Beim InterCityExperimental setzte die Bahn erstmals auf das heute ICE-typische Außendesign. Die Triebkopfzüge liefen spitz nach vorne hin zu, zudem gab es an der Seite des ganzen Zuges einen farbigen Streifen auf weißem Grund. Dieser war aber nicht knallig rot, sondern eher Richtung Pink. Das war schon auffällig, wenn auch nicht so knallig wie der gelbe Lufthansa-Airport-Express, der früher zwischen Düsseldorf und Frankfurt verkehrte.
Wie sich der ICE der Deutschen Bahn über die Jahre verändert hat
InterCityExperimental: Flugzeug-Feeling auf Schienen
► Auch im Inneren unterschied sich der InterCityExperimental von heutigen ICEs. Demnach sollte das Design des Zuges zeigen, welchen Innenraumkonzepte für Hochgeschwindigkeitsbahnen möglich seien. So war der 1. Klasse-Wagen teils wie eine Lounge mit Tischen und Sitzecken gestaltet. Die normalen Sitze hatten eine verlängerte Rückenlehne, ein Kopfkissen und waren zum Teil mit Displays des Fahrgastinfo-Systems sowie Telefonen ausgestattet. Die Gepäckablagen waren wie im Flugzeug mit Klappen verschlossen. Auch die WCs waren denen in Flugzeugen nachempfunden. Ähnlich großen Luxus bot auch der „Metropolitan“-Zug der Bahn, der als eins Sprinter-Vorgänger zwischen Köln Hamburg fuhr.
Einige Elemente des InterCityExperimentals wurde auch in spätere ICE-Züge übernommen. So zum Beispiel die offene Innenraumgestaltung, Garderoben in der Wagenmitte sowie gläserne Automatiktüren. Auch das Konzept des 2. Klasse-Wagen ähnelte der heutigen ICE-Einrichtung. Dieser verfügte bereits über 2er- (Klapptisch) und 4er-Sitzgruppen (Tisch in der Mitte). Weitere Neuheiten beziehungsweise Besonderheiten des InterCityExperimentals waren:
Neu konzipierte Drehgestelle, Antriebe, Stromabnehmer
Druckdichte Einstiegstüren und Fahrzeugübergänge
Geschlossene WC-Systeme
Wirbelstrombremsen
Neu konstruierte Wagenkästen aus Aluminium
Ein durchgehendes Fensterband aus schalldämpfendem Glas
Datenübertragung im Zug per Glasfaserkabel
Ein elektronisches Fahrgastinformationssystem
Der InterCityExperimental fuhr über 400 km/h schnell
Bereits 1979 wurde der Grundstein für den InterCityExperimental gelegt. Die Deutsche Bundesbahn, der Vorgänger der heutigen Deutschen Bahn, erhielt vom Bund den Auftrag, ein Konzept für ein „Rad/Schiene-Versuchs- und Demonstrationsfahrzeug“ (R/S-VD) für Hochgeschwindigkeitsfahrten zu entwickeln. Nach der Konzeption wurde der Testzug dann schließlich ab 1983 gebaut und am 19. März 1985 der Öffentlichkeit präsentiert. Ab dem Sommer 1985 fuhr der InterCityExperimental dann zu Testzwecken durch Deutschland.
► Am 26. November 1985 war der InterCityExperimental der erste Zug, der auf deutschen Schienen über 300 km/h fuhr. Doch dabei sollte es nicht bleiben. In Rahmen einer geplanten Weltrekordfahrt auf der Schnellfahrstrecke Hannover–Würzburg erreichte die Bahn sogar über 400 km/h – genauer gesagt 406,9 km/h. Zwar wurde die Geschwindigkeit noch im selben Jahr vom französischen TGV überboten, doch in Deutschland wurde seitdem kein höheres Zugtempo erreicht.
Neben Testzwecken wurde der InterCityExperimental auch für viele zahlreiche Präsentationsfahrten eingesetzt. Unter anderem, um Rückmeldungen von Journalisten und regulären Fahrgästen zu erhalten. Außerdem gab es auch einige Sonderfahrten, wie beim Besuch des damalige sowjetische Staats- und Parteichefs Michail Gorbatschow. Er nutze den Zug am 15. Juni 1989 für eine Fahrt von Bonn nach Dortmund und zurück nach Düsseldorf.
► Der Betrieb des InterCityExperimental – ein voller Erfolg. Auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse wurde anschließend die erste Hochgeschwindigkeitsserie der Bahn, der ICE 1, entwickelt und ab 1991 regulär eingesetzt. Für eine einheitliche Namensgebung wurde der Testzug parallel zum „ICE V“ (V steht für Versuch) umbenannt. Nach 13 Jahren Betrieb und 1,2 Millionen zurückgelegten Kilometern wurde der Testzug schließlich ab 1998 eingestellt und zum 1. Januar 2000 offiziell ausgemustert.
Seitdem stehen ein Triebkopf und ein Mittelwagen des ICE V auf dem Gelände der DB Systemtechnik in Minden (Westfalen). Der Mittelwagen ist der einzige von den ehemals drei Wagen, der noch erhalten ist. Der zweite Triebkopf steht heute derweil im Verkehrszentrum des Deutschen Museums in München-Freimann. (os) Fair und unabhängig informiert, was in Köln, Düsseldorf und NRW passiert – hier unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.