VonPatrick Freiwahschließen
Die deutsche Rente hat ein Zukunftsproblem. Das System ist reformbedürftig, sonst könnten der Bundesrepublik düstere Zeiten bevorstehen, diskutieren Lanz und Precht.
München – Das deutsche Rentensystem belastet den Staatshaushalt und erzeugt bei vielen Menschen Sorgenfalten. Ist die Rente überhaupt noch sicher und wenn ja, reicht sie bei Erreichen des Ruhestandes zur Finanzierung des Lebensunterhalts? In Folge 104 des Podcasts „Lanz und Precht“ gingen Moderator Markus Lanz und Philosoph Richard David Precht der Problematik auf den Grund.
Inhaltlich ging es in dem Gespräch (veröffentlicht am Freitag, 1. September) um den Generationenkonflikt zwischen „Boomern“ und der „Generation Z“ – und somit auch um Ungerechtigkeiten und wohlstandsbasierte Vorteile, die im Zuge des Klimawandels auf der Kippe stehen. Zwangsläufig kam die Sprache auf das deutsche Rentensystem, das in eine immer größere, finanzielle Schieflage gerät.
Rente in Deutschland: Altes Umlagesystem trifft auf „katastrophale Wirklichkeit“
Erwähnt wird eine Aussage von Roman Herzog, welche der Ex-Bundespräsident (1994 – 1999) einst gegenüber der Süddeutschen tätigte: Darin ist von einer sich anbahnenden „Rentner-Demokratie“ die Rede und dass die Älteren immer mehr werden. Deutschlands Parteien würden überproportional Rücksicht auf deren Bedürfnisse nehmen und das führe dazu, dass „die Älteren die Jüngeren ausplündern“. Aus heutiger Sicht besteht kein Zweifel, dass diese Prophezeiung bittere Realität wurde.
Für Precht ist die Wirklichkeit sogar „viel katastrophaler“: Beim Blick hinter die Kulissen würde sich ein „unglaubliches Drama“ zeigen, weil jüngere Generationen nicht in der Lage sein werden, „unsere Renten zu bezahlen“. Der Trend bewege sich dahin, dass künftig zwei Arbeitnehmer einen Rentner finanzieren müssten und dies nicht funktioniere.
Wer für das Debakel verantwortlich ist, daran lässt der Philosoph keinen Zweifel: in der Regierungsverantwortung stehende Parteien, die es seit Jahrzehnten versäumten, das Rentensystem einer grundlegenden Reform zu unterziehen. An die Jugend gerichtet führt er aus: „Ihr kriegt nur deswegen keine Rente, weil wir es nicht verändern.“ Das 1957 eingeführte Umlagesystem der Rente in Deutschland sei „klug und richtig“ gewesen. Jedoch hätten damalige Gesetzesmäßigkeiten heute keinen Bestand mehr:
- - Die These von Ex-Bundeskanzler Konrad Adenauer, „Kinder kriegen die Leute immer“ erwies sich als falsch.
- - Lange Arbeitszeiten unter der Voraussetzung, dass es keine Frühverrentung gibt, gehören der Vergangenheit an.
- - Junge Menschen bereichern nicht mehr früh den Arbeitsmarkt. Es gibt immer mehr Studierende, die im Alter von Ende 20 oder Anfang 30 noch nicht in die Sozialversicherungssysteme einbezahlen.
Rentensystem nicht reparierbar? Precht und die Mär vom längeren Arbeiten
Laut Precht steht das deutsche Rentensystem aufgrund der Demografie vor dem Zusammenbruch und muss jährlich mit 100 Milliarden Euro (!) zusätzlich bezuschusst werden, weil es sich nicht mehr von selbst trägt. Dieser Betrag komme zusätzlich zu den Zahlungen in die Rentenkasse hinzu - und werde weiter steigen. Kritik gibt es an dieser Stelle besonders für die Politik (und Medien): Das Thema komme in Deutschland trotz der Dringlichkeit im Wahlkampf höchstens „am Rande“ vor.
Das Podcast-Duo von „Lanz und Precht“ ist sich einig, dass man den jungen Generationen damit „einen Haufen Schrott vor die Füße“ kippt und bezieht sich damit auch auf Aussagen des Schriftstellers Harald Welzer, einem Precht-nahen Kritiker von Kapitalismus und des deutschen Rentensystems. Precht hält dies ebenfalls für reformbedürftig, sieht es allerdings als nicht „reparabel“. Vielmehr bedürfe es ihm zufolge einer grundlegenden „Neuerfindung“.
Kritik übt der Philosoph an der Forderung von Arbeitgeber-Verbänden und Co., dass der Renteneintritt angesichts Fachkräftemangel nach hinten verschoben werden soll: „Ich sehe, dass viele Leute in meiner Generation (Precht ist 1964 geboren, Anm. d. Red.) ihren Job kaum noch machen können, weil sie den technischen Herausforderungen nicht mehr gewachsen sind. Leute mit 60 - oder zum Teil darunter - kriegen Angebote von ihren Firmen, die sie nicht ablehnen wollen.“ Zwei Gesichtspunkte seien laut dem 58-Jährigen bedeutend, dass ein Großteil der Menschen nicht bis 70 arbeiten kann:
- - In harten, körperlichen Jobs funktioniere das nicht.
- - In anderen Bereichen wie Management oder Logistik würde man oftmals nur noch den Laden aufhalten, weil man „nicht mehr Herr der Lage ist“.
Deutsches Rentensystem eine „demografische Katastrophe“
Markus Lanz pflichtet seinem Gesprächspartner bei und attestiert dem deutschen Rentensystem eine „demografische Katastrophe“, angesichts der Tatsache, dass die Ausgaben für die Altersvorsorge stetig steigen. Das ist jedoch nicht nur in Deutschland der Fall: Der ZDF-Talkmaster erläutert die These, dass etwa 2050 in Europa das Durchschnittsalter der Bevölkerung bei Mitte 50 liegen soll. „Wir vergreisen tatsächlich.“ In Amerika sei dies anders - es handele sich laut Prognosen dann um eine vergleichsweise junge Gesellschaft, in der Menschen im Durchschnitt nicht mal 40 seien. Precht erinnert ihn daran, dass der Grund dafür „die vielen Einwanderer“ sind.
Ausschlaggebend für das Rentendrama in Deutschland und vielen weiteren Ländern ist unweigerlich die gesunkene Geburtenrate, was eine Folge des errungenen Wohlstandes sei. Also ein Phänomen, dass besonders in erfolgreich gewachsenen Industrieländern zu erkennen ist. „Arme Länder haben im Regelfall deutlich mehr Kinder“, lässt Precht wissen. Während Lanz angesichts des drohenden Bevölkerungsrückgangs (stark betroffen ist auch Italien) Alarm schlägt, verweist Precht auf die Vorteile dieser Entwicklung, angesichts des „Riesenproblems“ Überbevölkerung.
Deutsche Rente: Vorbild Südkorea? „Staatliche Aufforderung zum Paaren“
Das allerdings hilft Ländern wie Deutschland, Italien, oder auch asiatischen Ländern wie Japan, Südkorea und mittlerweile China nicht, die Finanzierung der Rentensysteme aufrechtzuerhalten. Einen interessanten Ansatz verfolgt offenbar Südkorea: Um der sinkenden Geburtsrate Herr zu werden, erstellte das Land ein Regierungsprogramm, dass in Büros abends die Lichter pünktlich um 18 Uhr ausgehen. Angestellte sollen pünktlich nach Hause kommen und sich „dann mit sich selbst beschäftigen“, so Lanz, für den es sich um eine „staatliche Aufforderung zum Paaren“ handelt. Doch obwohl dieses Land dem Vernehmen nach 200 Milliarden US-Dollar in derartige Maßnahmen steckte, sei die Mission offenbar gescheitert.
Eine derartige Entwicklung sei überall dort zu beobachten, wo es ein schnelles Wirtschaftwachstum gab und die Menschen eine „deutliche materielle Verbesserung“ erlangten. Auch die zunehmende Emanzipation von Frauen komme hinzu, so Precht.
Wie sollte das Rentensystem der Bundesrepublik in der Zukunft aussehen? Nicht einfach „durch eine Million mehr Kinder“, glaubt Precht. Denn die würden nicht alle im Pflegesektor eine überalternde Gesellschaft betreuen, aufgrund unattraktiver Arbeitsbedingungen. Für den Buchautor ist es kein Problem, wenn die Menschen weniger werden, das sei sogar „gut“. Vielmehr müssten jedoch die damit einhergehenden Probleme gelöst werden - und die Gesellschaft „umorganisiert“.
Precht fordert „kreative Lösungen“ statt die reine Fokussierung auf Zahlen und Statistiken, was die demografische Entwicklung betrifft. Dabei erneuert er seine Wachstumskritik und bezieht sich auf Forderungen nach einer steigenden Bevölkerungszahl: „Dass wir immer mehr werden müssen und dann noch mehr, und dann noch mehr, kann doch keine Lösung sein.“.
Kann eine gelungene Zuwanderung das deutsche Rentensystem retten?
Inwiefern zur Behebung des Rentendebakels die Zuwanderung von Fachkräften hilft, ist fraglich. Zwar fordert Lanz im Podcast: „Irgendwann musst du den Arbeitsmarkt öffnen.“ Jedoch würden Neuankömmlinge nicht einfach top ausgebildet dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Der 54-Jährige setzt fort: „Mit den Leuten, die kommen, müssen wir arbeiten, die müssen wir ausbilden“. Einig ist sich das polarisierende Duo, dass weder ein Wachstum der Geburtenrate noch die erträumte Zuwanderung von Fachkräften das Problem der scheiternden Rentenfinanzierung ausreichend behebt. Vielmehr benötige es eine grundlegende Transformation. Was genau dafür vonnöten ist, darauf wird in der entsprechenden Folge nicht eingegangen.
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Precht und Lanz kommen denn auch zu einem ernüchternden Fazit. Über das bestehende politische Klima erklärt der Philosoph: „Wenn man keine Lösungen hat, wird man polemisch. Man beschimpft das Bestehende oder man beschimpft die anderen.“ In Deutschland sei man noch nicht an dem Punkt, sich „konstruktive Gedanken“ zu machen, wie Gesellschaften im Hinblick auf den demografischen Wandel verändert werden müssen. „Sollen doch nächste Generationen die große Rentenreform machen“, so Precht. (PF)
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