„Wird nötig sein“

Rente mit 70 reicht nicht: Wirtschaftsweiser nennt unangenehmen Plan

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Ein Wirtschaftsweiser erklärt, warum eine Erhöhung des Renteneintrittsalters nicht ausreiche und nennt weitere Maßnahmen. Die seien zwar unattraktiv, aber nötig.

Das Bundeskabinett hat am Mittwoch (6. August) ein Gesetz für ein stabiles Rentenniveau bis 2031 und verbesserte Mütterrenten auf den Weg gebracht. Mit dem Entwurf von Sozialministerin Bärbel Bas (SPD) soll das Rentenniveau bei 48 Prozent gehalten werden und Eltern von vor 1992 geborenen Kindern bekommen ab 2027 drei statt bisher zweieinhalb Jahre Erziehungszeit angerechnet.

Wirtschaftsexperten und -expertinnen sehen das geplante Gesetz kritisch. „Die Bundesregierung hat den Ernst der Lage offensichtlich immer noch nicht begriffen“, sagt die Wirtschaftsweise Veronika Grimm. Das deutsche Rentensystem steht aufgrund des demografischen Wandels unter massivem Druck, denn die gesetzliche Rente ist umlagefinanziert. Die arbeitenden Jüngeren finanzieren die Rente der Älteren. Geburtenrückgang und steigende Lebenserwartung führen dazu, dass immer weniger Beitragszahlende auf Menschen in Rente kommen – das System schwankt.

„Boomer-Soli“: Wirtschaftsweiser findet ihn „bedenkenswert“, aber warnt vor „falschem Signal“

Um das System zu stabilisieren, schlug das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung Mitte Juli einen „Boomer-Soli“ vor. Reichere Rentnerinnen und Rentner sollen mit einer Solidaritäts-Sonderabgabe stärker zur Finanzierung des Rentensystems beitragen und ärmere Rentnerinnen und Rentner entlasten. „Bedenkenswert“ findet der Wirtschaftsweise Martin Werding dabei den Ansatz, bei der Umschichtung alle Arten von Alterseinkommen einzubeziehen – gesetzliche Renten, Beamtenpensionen und Versorgungsrenten der berufsständischen Werke. „Freiwillige Vorsorge und längeres Arbeiten sollten dagegen außen vor bleiben, um keine falschen Signale zu senden“, sagt er BuzzFeed News Deutschland von Ippen.Media.

Der „Boomer-Soli“, der das Rentensystem stabilisieren soll, hat für hitzige Diskussionen gesorgt.

Der Boomer-Soli entlaste jedoch die Jüngeren nicht und löse das grundlegende Problem unseres Rentensystems nicht. Die demografische Alterung in Deutschland gehe weit über die Babyboomer hinaus. Jede neue Generation sei nur noch zwei Drittel so groß wie die vorherige. „Ein Umlagesystem allein kann das nicht auffangen. Es würde die Jüngeren übermäßig belasten, was nicht nur ungerecht ist, sondern auch unsere wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit gefährdet“, mahnt Werding.

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) plädierte für eine Erhöhung des Renteneintrittsalters. Bas hingegen lehnte eine generelle Rente mit 70 ab. „Eine schrittweise Anhebung der Regelaltersgrenze ist eine der wenigen Stellschrauben, die wir haben“, sagt Werding BuzzFeed News. Sie dämpfe den Beitragssatzanstieg für die Jüngeren und stabilisiere zugleich das Rentenniveau. „Gleichzeitig sorgt sie für mehr Gerechtigkeit, da die steigende Lebenserwartung berücksichtigt wird.“

Rente statt Pension: Wirtschaftsweiser ist dafür, Beamte in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen

Bas wiederholte eine Idee für eine Erwerbstätigenversicherung, in die auch Selbstständige und Beamte einzahlen würden. „Unser Problem ist doch, dass nicht alle in dieses System einzahlen“, sagte sie im ZDF. Auch Werding, spricht sich dafür aus, Beamte in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen – „aber nicht, um die Rentenfinanzen zu retten, sondern um mehr Transparenz zu schaffen“, sagt der Professor für Sozialpolitik und öffentliche Finanzen.

Dasselbe System für alle würde Reformen leichter machen, denn solange wir Ungleichheiten zwischen den Versorgungssystemen hätten, fühle sich immer eine Gruppe als Verlierer, sobald man ihr System reformieren wolle. „Finanziell wäre das für das Rentensystem jedoch annähernd neutral. Beamte leben im Durchschnitt länger, was das System sogar leicht belasten könnte“, sagt der Wirtschaftsweise.

Wirtschaftsweiser nennt drei mögliche Maßnahmen für Rentenreform

Das Rentenalter und ergänzende Kapitaldeckung allein würden nicht ausreichen, um den beschleunigten Alterungsprozess durch die Babyboomer aufzufangen, erklärt Werding. „Wir brauchen zusätzliche Maßnahmen“, fordert er und nennt drei mögliche Beispiele. Etwa eine Umverteilung von Reich zu Arm oder eine Inflationsanpassung der Renten. Dabei werden die Renten beim Renteneintritt großzügiger bemessen, steigen danach aber nur noch mit der Inflation. Das würde das System entlasten, weil die Renten derjenigen, die besonders lange leben, am Ende niedriger ausfallen. Allerdings belaste es langlebige Menschen.

Die dritte Möglichkeit wäre, den Nachhaltigkeitsfaktor in der Rentenanpassung so zu verändern, dass die Lasten zwischen Jung und Alt gerechter verteilt werden würden. Bisher tragen die Jüngeren drei Viertel der Belastung und die Älteren nur ein Viertel. Eine Anpassung auf halb-halb würde das Rentenniveau schneller sinken lassen, was jedoch vor allem Menschen mit niedrigen Renten treffen würde. „Keine dieser Lösungen ist attraktiv, aber eine davon wird nötig sein“, sagt Werding BuzzFeed News Deutschland.

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