VonMarcel Reichschließen
Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger sieht dringenden Handlungsbedarf bei Rente und Arbeitszeiten. Er warnt vor einem drohenden Loch in der Rentenkasse.
Frankfurt – Rainer Dulger, Präsident der Arbeitgeber, hat eine Reform der Renten- und Arbeitszeitregelungen angemahnt. Er äußerte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, dass eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten notwendig sei. Zudem warnte er vor einer drohenden Finanzlücke in der Rentenkasse.
Dann würde ein erheblicher Teil des Bundeshaushalts zunehmend in Sozialleistungen fließen
„Wenn jetzt die Babyboomer in Rente gehen, dann wechseln ungefähr vier Millionen Menschen ihren Status vom Beitragszahler zum Leistungsempfänger. Und dafür braucht man nicht studiert haben, um zu verstehen, dass, wenn man von mehr als 45 Millionen Erwerbstätigen in wenigen Jahren auf 40 Millionen oder gar auf 39 Millionen runterfährt, nicht nur in der Rentenkasse ein Loch entsteht. Dann müssen wir darüber reden, können wir das zukünftige Rentenniveau halten?“
Sollte dieses Niveau gehalten werden, würde ein erheblicher Teil des Bundeshaushalts zunehmend in Sozialleistungen fließen. „Das macht mir große Sorge. Und wir müssen uns gemeinsam die Frage stellen: Können wir uns vorstellen, das Renteneintrittsalter an die durchschnittliche Lebenserwartung zu koppeln? Darüber müssen wir ehrlich reden. Das ist übrigens in vielen anderen Ländern längst üblich.“
„Wir stehen mit unserem Arbeitszeitgesetz in einer Zeit von Telex und Wählscheibe“, so der Vorsitzende der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. „Es beschränkt sich auf die tägliche Arbeitszeit. Wir leben aber mittlerweile im digitalen Zeitalter und verfügen über ein modernes und flexibles europäisches Arbeitszeitgesetz.“ Die Arbeitgeber fordern von der Bundesregierung die Implementierung dieses Gesetzes in Deutschland, mit einem modernen Schwerpunkt auf der Wochenarbeitszeit.
Neues Arbeitszeitmodells: „Was wir brauchen, ist etwas mehr Vertrauen vom Staat“
„Damit schafft man den passenden Zeitrahmen zur tatsächlichen Arbeitsflexibilisierung. Ein Beispiel: ein Mitarbeiter, der in der Verwaltung tätig ist, der am Computer arbeitet, der durchaus auch mal mobil arbeiten kann, egal ob er das von zu Hause oder von irgendwo anders her tut. Der arbeitet von morgens neun bis eins oder zwei, dann holt er sein Kind aus der Kita und setzt sich abends von 22 und 23 Uhr nochmal an den Rechner, um ein paar E-Mails zu beantworten. Der darf dann aber am nächsten Tag erst gegen zehn Uhr weiterarbeiten, weil er sonst die gesetzlichen Ruhezeiten nicht einhält. Das ist doch Irrsinn und geht an der Lebensrealität vieler Familien einfach komplett vorbei.“
Die Ausgestaltung des jeweiligen Arbeitszeitmodells sollte zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern verhandelt werden. „Was wir brauchen, ist etwas mehr Vertrauen vom Staat.“
In Bezug auf die Forderungen der Gewerkschaften nach einer Vier-Tage-Woche äußerte Dulger: „Eine Vier-Tage-Woche und dann noch bei vollem Lohnausgleich ist genau das Gegenteil von dem, was wir brauchen in einer Zeit des massiven Fachkräftemangels. Wir spüren alle, dass wir die Aufgaben nicht mehr bewältigt bekommen.“ Die Überlegung, dass alle noch weniger arbeiten sollten, würde zu einem falschen Ergebnis führen. „Unsere Wettbewerber arbeiten länger als wir. Wie kommen wir darauf, unsere heute schon weltweit niedrigen Arbeitsstunden weiter zu senken? Wenn wir unseren Wohlstand in diesem Land erhalten wollen, müssten wir alle mehr arbeiten, aber auf jeden Fall nicht weniger.“
Mit Material von dpa
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