Russlands Wirtschaft „beeindruckt“ mit Wachstum - auch im Rüstungssektor
VonPatrick Freiwah
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Die russische Wirtschaft floriert trotz der vom Westen auferlegten Sanktionen. Oder gerade deswegen? Es gibt auch eine Kehrseite der jüngeren Entwicklung.
Moskau/München - Vor mehr als 18 Monaten hat der Ukraine-Krieg begonnen. Je länger der Krieg dauert, desto mehr werden auch die Sanktionen gegen Russland angezogen. Statt das flächenmäßig größte Land der Erde damit in die Knie zu zwingen, zeigt sich tatsächlich offenbar eine andere Wirkung: Die russische Wirtschaft hat sich auf die veränderten Rahmenbedingungen eingestellt und befindet sich sogar auf einem Wachstumspfad. Währenddessen ist in Deutschland die Konjunktur eingebrochen, das Land in eine Rezession gerutscht. Damit einher geht ein Verlust der Kaufkraft angesichts der überdurchschnittlich hohen Inflation sowie die Abwanderung einiger - auch großer - Unternehmen in Richtung Ausland.
Russland gelingt Wirtschaftswachstum trotz Sanktionen
Die Entwicklung der Russischen Föderation bietet dahingehend eine Art Kontrastprogramm: Nach Einschätzung von Finanzminister Anton Siluanow wächst das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2023 „deutlich stärker“ als zuletzt angenommen. In einem TV-Interview (via Interfax) in Russland habe der Ökonom erklärt: „Wir erwarten in diesem Jahr eine Erholung der Wirtschaft um 2,5 Prozent, vielleicht auch mehr.“
Inwieweit die Wachstumsprognose der Realität entspricht, ist unklar. Eine positive Entwicklung scheint jedoch nicht von der Hand zu weisen: Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet für Russlands Wirtschafts- und Industriezweig ein Wachstum, die Rede ist von etwa 1,5 Prozent. Im Frühjahr dieses Jahres tätigte auch das russische Wirtschaftsministerium eine optimistische Schätzung mit einem Wachstum von 1,2 Prozent, später war Regierungskreisen die Marke zwei Prozent zu entnehmen.
Nicht wenigen Experten imponiert der russische Aufschwung. Vasily Astrov vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche sprach gegenüber Capital.de von einer „wirklich beeindruckenden Entwicklung“ und dass sich das Land von Wladimir Putin rapide an die Sanktionen anpassen konnte. Die Reallöhne in Russland seien zuletzt gestiegen, insbesondere in den unteren Einkommensschichten. Profitieren würden aktuell auch die heimische Textilindustrie sowie die Lebensmittelproduktion.
Erschreckenderweise haben sich bereits 2022 die finanziellen Verhältnisse infolge des Ukraine-Kriegs und dessen Auswirkungen wohl teils massiv geändert: Der jährliche Global Wealth Report der Schweizer Großbanken UBS und Credit Suisse ermittelte, dass das private Gesamtvermögen Russlands anstieg, während die Bevölkerung der USA und auch in Europa Billionen von US-Dollar bzw. Euro verloren habe. Allerdings gibt es wohl auch eine Kehrseite dieser „Erfolgsstory“:
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Russlands Aufschwung hat eine Kehrseite - Baerbock erklärt Scheitern
Nichtsdestotrotz würden in Russland einige Wirtschaftszweige brach liegen, schildert die Deutsche Presse-Agentur (dpa). Das liege zum einen an den verhängten Sanktionen, dazu spielt offenbar auch die Fokussierung auf den Rüstungszweig eine Rolle. Die Berliner Zeitung führt derweil weitere Missstände in Russland auf, die sich im Schatten des mutmaßlichen Wirtschaftsaufschwungs auftun: Momentan werde mehr importiert als exportiert, wodurch die Einnahmen sinken. Durch den Rubel-Absturz (für 100 davon gibt es derzeit nicht mal einen Euro) zieht die Inflation an, Finanzminister Siluanow bezifferte kürzlich die Inflationsrate für 2023 mit sechs Prozent.
Auch der technologische Rückstand beispielsweise soll sich im Zuge des Krieges und der Sanktionen verstärken. Eine Ausnahme dürfte die Kriegswirtschaft spielen, denn die Fertigung und auch der Import moderner Waffen wurde genauso wie im Westen gesteigert. Dennoch gibt es letztlich keinen Zweifel daran, dass Russland mit den wirtschaftlichen Bestrafungen der einstigen Partnerländer überraschend gut zurechtkommt.
Wie erklärt die Bundesregierung das bisherige Scheitern der westlichen Sanktionen gegen Russland? „Eigentlich hätten wirtschaftliche Sanktionen wirtschaftliche Auswirkungen. Das ist aber nicht so. Weil eben die Logiken von Demokratien nicht in Autokratien greifen“, ließ Außenministerin Annalena Baerbock kürzlich in einem Interview mit Journalist Stephan Lamby im Rahmen einer Buchveröffentlichung wissen. (PF mit Material der dpa)