Russische Wirtschaft bricht ein: Diese Zahlen zeigen Putins Dilemma
VonLennart Schwenck
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Die russische Wirtschaft steckt in der Krise: Der wichtige PMI-Index ist im September auf den tiefsten Stand seit drei Jahren gefallen. Selbst Wladimir Putin musste Schwierigkeiten eingestehen.
Moskau – Die russische Wirtschaft gerät immer stärker unter Druck. Laut einer aktuellen Erhebung von S&P Global ist die Geschäftstätigkeit im Privatsektor im September 2025 auf den niedrigsten Stand seit drei Jahren gefallen. Der Purchasing Managers Index (PMI) sank von 49,1 im August 2025 auf 46,6 Punkte und liegt damit deutlich unter der kritischen 50-Punkte-Marke, die Wachstum von Schrumpfung trennt.
Besonders dramatisch: Die russische Fertigungsindustrie schrumpft bereits den vierten Monat in Folge, während der Dienstleistungssektor den stärksten Rückgang seit Dezember 2022 verzeichnete. Der zusammengesetzte Index erreichte damit seinen tiefsten Wert seit drei Jahren.
PMI-Index signalisiert Abschwung: Auftragsmangel und schwächere Kaufkraft belasten Russlands Wirtschaft
Der Abschwung wird hauptsächlich durch einen dritten aufeinanderfolgenden monatlichen Rückgang bei Neuaufträgen angetrieben. Unternehmen beklagen laut The Moscow Times einen schrumpfenden Kundenstamm und eine schwächere Kaufkraft ihrer Kunden. Gleichzeitig stiegen die Kosten für Lieferanten, Löhne und Versorgungsleistungen, wobei die Inputkosten (Material-, Personal-, Betriebskosten) im schnellsten Tempo seit fünf Monaten zulegten. Die Krux ist, dass Firmen diese gestiegenen Kosten nur schwer an die Verbraucher weitergeben können. , was ihre Gewinnmargen wiederum unter Druck setzt. Die Verkaufspreise stiegen sowohl im Dienstleistungssektor als auch in der Fertigung langsamer als die Kosten.
Auch die Zahlen aus dem russischen Zentrum für makroökonomische Analyse und kurzfristige Prognosen (CMASF) liefern ein ähnlich depressives Bild. Die regierungsnahe Denkfabrik schätzt, dass die Produktion in den meisten zivilen Industriezweigen in diesem Jahr bereits um 5,4 Prozent gefallen ist. Über die letzten zwölf Monate beträgt der Rückgang sogar 6,3 Prozent. Ökonom Dmitry Nekrasov vom CASE-Institut erklärte gegenüber The Moscow Times, dass Russlands Zivilwirtschaft leidet, da Ressourcen in den Militärsektor umgeleitet werden. Die steilen Zinserhöhungen der Zentralbank, die zur Bekämpfung der durch Kriegsausgaben angeheizten Inflation eingeführt wurden, belasten die Privatindustrie zusätzlich.
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Russische Wirtschaft unter Druck: Autobranche rutscht in schwere Krise
Ein besonders betroffener Sektor ist die Automobilindustrie. Wie berichtet, hat der Lada-Produzent Avtovaz, der größte Konzern der Branche, seit dem 29. September eine Vier-Tage-Woche eingeführt. Bereits zuvor mussten der Wolga-Produzent Gaz, der Lkw-Bauer Kamaz und der Bus-Produzent Liaz auf Kurzarbeit umsteigen. Die Zahlen sind dramatisch: Bei Kamaz brachen die Absätze bei Bussen um 60 Prozent ein, bei schweren Lkw ähnlich stark. Gaz meldet ein Minus von 30 Prozent bei Kleintransportern. Laut dem Branchenverband AEB lag der Nachfragerückgang bei Pkw in den ersten sieben Monaten 2025 bei 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Derzeit stauen sich rund 400.000 Pkw in den Lagern.
Die Situation wird durch die massive chinesische Konkurrenz verschärft. Chinesische Autokonzerne haben die Lücke gefüllt, die westliche Hersteller beim Rückzug aus Russland hinterlassen haben. Ihr Marktanteil bei Neuwagenkäufen lag im ersten Halbjahr bei etwa 55 Prozent und könnte bis August auf 60 bis 65 Prozent gestiegen sein, schätzte Sergej Zelikow von der Consultingagentur Avtostat.
Das Moskauer Finanzzentrum Moscow-City: Während die Hochhäuser weiterhin das Stadtbild prägen, kämpft Russlands Privatsektor mit dem schwersten Einbruch seit drei Jahren.
Steuererhöhungen und schwindende Reserven belasten Bevölkerung – Putin räumt Probleme ein
Selbst Präsident Wladimir Putin musste die Schwierigkeiten mittlerweile eingestehen. Er räumte ein, dass die „Lage in einzelnen Sektoren schwierig“ sei, sprach aber dennoch von einer „weichen Landung“ für die Wirtschaft. Deutlichere Worte fand German Gref, Chef der Sberbank: Die Zahlen von Juli und August deuteten darauf hin, „dass wir uns dem Nullwert nähern“, erklärte er. Die Regierung musste seither ihre Wachstumsprognosen drastisch nach unten korrigieren. Statt der ursprünglich prognostizierten 2,5 Prozent erwartet sie nun nur noch ein Prozent Wachstum für 2025 und 1,3 Prozent für 2026. Sofia Donets, Chefökonomin bei T-Investments, prognostiziert sogar weniger als ein Prozent Wachstum sowohl 2025 als auch 2026, berichtet The Moscow Times.
Die finanzielle Belastung wird für die russische Bevölkerung zudem noch weiter steigen. Das Finanzministerium in Moskau plant gar eine Erhöhung der Mehrwertsteuer von 20 auf 22 Prozent für 2026, um den kostspieligen Ukraine-Krieg zu finanzieren. Bereits jetzt fließen etwa 40 Prozent aller staatlichen Ausgaben in Militär und Sicherheit. Analysten schätzen, dass die Mehrwertsteuererhöhung etwa eine Billion Rubel – umgerechnet knapp 11,9 Milliarden US-Dollar – an zusätzlichen Einnahmen generieren würde. Die wirtschaftlichen Reserven schwinden allerdings dramatisch: Laut Friedrich-Ebert-Stiftung verbrauchte die russische Regierung bereits 67 Prozent der liquiden Reserven des Nationalen Vermögensfonds – bis Ende 2026 könnte dieser vollständig erschöpft sein. (ls)