Russlands Kriegswirtschaft im Abschwung: Wichtige Branche schrumpft nach Boomphase
VonLennart Schwenck
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Russlands Kriegswirtschaft stottert: Rüstungsindustrie mit stark rückläufigen Wachstumsraten. Experten bezweifeln langfristige Stabilität.
Moskau – Fast vier Jahre nach Beginn der Invasion in der Ukraine zeigt Russlands Rüstungsindustrie erste Ermüdungserscheinungen. Während Präsident Wladimir Putin noch im Dezember verkündete, sein Land sei bereit, Europa in einem direkten militärischen Konflikt entgegenzutreten, deuten aktuelle Wirtschaftsdaten auf eine Verlangsamung in der kriegswichtigen Produktion hin.
Die russischen Militärausgaben sind laut der oppositionellen The Moscow Times seit dem Vorkriegsjahr 2021 um fast 300 Prozent gestiegen – von 3,6 Billionen Rubel (etwa 38 bis 40 Milliarden Euro) auf 13,5 Billionen Rubel (145 Milliarden Euro) für das Jahr 2025. Doch trotz dieser massiven Investitionen verliert die Rüstungsproduktion an Dynamik.
Militärausgaben auf Rekordhoch – doch das Wachstum bröckelt
Das russische Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung prognostiziert für 2025 ein Wachstum der Industrieproduktion von lediglich einem Prozent – ein drastischer Rückgang gegenüber 5,6 Prozent im Vorjahr. Besonders deutlich wird die Abschwächung in kriegsrelevanten Sektoren: Die Produktion von Computern, Elektronik und Optik, die Kernkomponenten für Waffensysteme umfasst, wuchs zwischen Januar und Oktober 2025 nur noch um 13,6 Prozent. Im Jahr 2024 hatte das Wachstum noch 27,9 Prozent betragen, 2023 sogar 39,4 Prozent.
Auch die Herstellung von Metallprodukten für Artillerie und Munition zeigt einen ähnlichen Trend. Laut den offiziellen Zahlen stieg die Produktion im Zeitraum Januar bis Oktober 2025 um 15,9 Prozent – deutlich weniger als die 31,6 Prozent des Vorjahres. Einzig die Kategorie „sonstiger Transportausrüstung“, zu der Panzer und Drohnen gehören, blieb mit einem Wachstum von 33,1 Prozent gegenüber 34,2 Prozent im Jahr 2024 relativ stabil.
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Rückgang bei Munition und Importe aus China – Arbeitsmarkt kühlt ab
Parallel dazu gehen die Importe sogenannter Dual-Use-Güter aus China zurück, die trotz westlicher Sanktionen für militärische Zwecke über Umwege nach Russland geliefert werden. Laut chinesischer Zollstatistik sanken die Importe dieser Waren zwischen Januar und November 2025 um 3,7 Prozent im Jahresvergleich auf 2,6 Milliarden US-Dollar. Im Vergleich zum gleichen Zeitraum 2023 bedeutet dies sogar einen Rückgang um 14,4 Prozent.
Ein weiteres Indiz für die Abkühlung liefert der russische Arbeitsmarkt. Das im Exil erscheinende Medium Novaya Gazeta Europe berichtete im September 2025, dass die Rekrutierung im Verteidigungssektor auf das Niveau der frühen Kriegsmonate zurückgefallen sei. Die Analyse von Online-Stellenanzeigen ergab etwa 34.500 offene Stellen bei Verteidigungs- und Militärunternehmen im Sommer 2025 – ein deutlicher Rückgang gegenüber rund 52.000 Stellen ein Jahr zuvor. Dabei hatten zwischen 2023 und 2024 schätzungsweise 600.000 bis 700.000 Menschen eine Anstellung im militärisch-industriellen Komplex gefunden, angelockt durch Gehälter von bis zu 150.000 Rubel monatlich – fast das Doppelte des nationalen Medianeinkommens. Insgesamt arbeiten mittlerweile etwa 3,8 Millionen Menschen in diesem Sektor, was rund fünf Prozent der Arbeitskräfte entspricht.
Strukturelle Probleme und Korruption: Neuer Gesellschaftsvertrag unter Druck
Neben den sinkenden Wachstumsraten deuten sporadische Berichte auf strukturelle Probleme wie Korruption und Lücken in der staatlichen Beschaffung hin. Staatsanwälte leiteten kürzlich Schritte zur Verstaatlichung bzw. Enteignung von KIMP ein, einem Unternehmen, das Lager an Rüstungsbetriebe liefert. Den Eigentümern wird vorgeworfen, sich „auf Kosten der vitalen Interessen der Gesellschaft und des Staates“ bereichert zu haben.
Mathieu Boulegue, Experte für das russische Militär beim Thinktank Chatham House, beschrieb gegenüber The Moscow Times die Entwicklung als „eine Form des Verteidigungs-Keynesianismus“. Er erklärte: „Dies läuft wirklich auf einen neuen Gesellschaftsvertrag und ein Wirtschaftsmodell hinaus, in dem das Wachstum durch militärbezogene Produktion angetrieben wird.“ Diese Dynamik werde voraussichtlich die gesamte Wirtschaft weiterhin prägen. Doch während dieses Modell 2023 und 2024 für industrielles und wirtschaftliches Wachstum sorgte, verliert es nun offenbar an Kraft. Die Frage, wie lange Moskau unter Sanktionen und finanziellen Belastungen das aktuelle Niveau militärischer Produktion aufrechterhalten kann, wird zunehmend relevant.
Sergei Chemezov, langjähriger Vertrauter Putins und Chef des staatlichen Rüstungskonzerns Rostec, warnte westliche Länder dennoch davor, Russlands militärisch-industrielle Kapazität zu unterschätzen. „Ich sage es mal so“, sagte er. „Unsere Gegner könnten nicht einmal von solchen Mengen träumen.“ Allerdings sind solche Aussagen angesichts der rückläufigen Produktionszahlen und der mangelnden Transparenz über die tatsächliche wirtschaftliche Lage des Sektors mit Vorsicht zu genießen. (ls)