Russlands Wirtschaft in der Krise: Maschinenbau-Riese zieht Reißleine
VonLennart Schwenck
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Landmaschinenhersteller Rostselmash führt Kurzarbeit ein. Der Umsatz bricht um 25 Prozent ein. Russlands wirtschaftliche Krise erfasst mehrere Branchen.
Rostow am Don – Der russische Landmaschinenhersteller Rostselmash steht vor finanziellen Problemen. Das Unternehmen kündigte an, 2026 erneut verkürzte Arbeitszeiten einzuführen, wie Miteigentümer Konstantin Babkin gegenüber der staatlichen Nachrichtenagentur TASS mitteilte. „Es wird Phasen im nächsten Jahr geben, in denen wir drei oder vier Tage pro Woche arbeiten“, sagte Babkin laut der oppositionellen Moscow Times. Er hoffe, langfristige Zwangsbeurlaubungen vermeiden zu können.
Der Umsatz von Rostselmash sank Informationen zufolge 2025 um 25 Prozent. Das Management sah sich daher gezwungen, den jährlichen Betriebsurlaub zu verschieben und die Produktion zu drosseln. Medienberichten zufolge wurden bereits 2.000 Beschäftigte am Hauptproduktionsstandort entlassen. Das Unternehmen, das vor dem Ukraine-Krieg etwa 70 Prozent der russischen Landmaschinen produzierte, plant für 2025 eine Produktionskürzung um 30 Prozent auf 2.700 Mähdrescher und 800 Traktoren.
Babkin macht für den Abschwung die hohen Leitzinsen der russischen Zentralbank und sinkende Einkommen in der Landwirtschaft verantwortlich. Staatliche Unterstützungsprogramme seien unzureichend, um den Nachfragerückgang auszugleichen. Vor diesem Hintergrund hat Rostselmash langfristige Investitionspläne aufgegeben, darunter den Bau einer Fabrik für hydrostatische Getriebe und die Modernisierung einer Präzisionsgussanlage – Projekte mit einem geplanten Volumen von 17 Milliarden Rubel, was in etwa 182,6 Millionen Euro entspricht.
Die Kombination aus wirtschaftspolitischen Maßnahmen im Inland und internationalen Sanktionen stellt mehrere Schlüsselbranchen der russischen Wirtschaft vor ihre größten Herausforderungen der vergangenen Jahre.
Umsatzeinbruch und Massenentlassungen belasten Traditionsunternehmen: 15.000 Beschäftigte betroffen
Rostselmash ist ein bedeutender Arbeitgeber in Rostow am Don. Es betreibt 13 Produktionsstätten mit rund 15.000 Mitarbeitern und bietet über 150 Modelle an. Im Sommer warnte die stellvertretende Duma-Sprecherin Viktoria Abramchenko Premierminister Michail Mischustin, dass Rostselmash einen vollständigen Produktionsstopp riskiere. Fast 3.000 unverkaufte Mähdrescher und Traktoren lagerten auf Halde, während die Produktion aufgrund zusammenbrechender Nachfrage, geringerer Agrareinkommen und teurer Kredite auf den niedrigsten Stand seit 2006 gefallen sei.
Der Nettogewinn von Rostselmash brach 2024 um das 2,4-fache ein – von 16,2 Milliarden Rubel (etwa 173,9 Millionen Euro) im Vorjahr auf 6,9 Milliarden Rubel. Der Gewinn aus Verkäufen sank fast um das Siebenfache auf 1,9 Milliarden Rubel. Babkin bezeichnete das Jahr als „das schlechteste des vergangenen Jahrzehnts“ sowohl für das Unternehmen als auch für die gesamte Branche.
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Russische Wirtschaft im Krisenmodus: Forstwirtschaft warnt vor massivem Produktionseinbruch
Die Krise zieht sich mittlerweile durch nahezu sämtliche Branchen Russlands. Auch die Forstwirtschaft steht vor erheblichen Herausforderungen. Vizeminister für Industrie und Handel Mikhail Yurin warnte Ende November vor einem Ausschuss des Föderationsrates vor einem möglichen Produktionseinbruch von 20 bis 30 Prozent im Jahr 2026. Die Branche befinde sich in einem „Abwärtstrend“, der sich bei einer Verschlechterung der geopolitischen Lage bis 2027 fortsetzen könnte. Laut Yurin wirken mehrere Belastungsfaktoren zusammen: Der hohe Leitzins der russischen Zentralbank, verschärfte Sanktionen, ein anhaltend starker Rubel sowie der schrumpfende Zugang zu verbliebenen Exportmärkten durch sekundäre und tertiäre Beschränkungen setzen dem Sektor massiv zu, zitierte die Nachrichtenagentur Interfax den Vizeminister.
Das Wirtschaftsentwicklungsministerium stuft die Holzverarbeitung als einen der schwächsten Bereiche der russischen Industrielandschaft ein. Die Produktion sank im dritten Quartal um 4,3 Prozent, im Oktober beschleunigte sich der Rückgang bereits auf 7,8 Prozent. Die Holzeinschlagmengen werden voraussichtlich in diesem Jahr mit 182 Millionen Kubikmetern einen Tiefststand der vergangenen vier Jahre erreichen.
Holzexporte brechen um über 20 Prozent ein, Energieeinnahmen sinken um 35 Prozent
Die Krise macht sich bereits bei einzelnen Unternehmen bemerkbar. Im September 2025 leitete der föderale Steuerdienst ein Insolvenzverfahren gegen Tobol ein, das größte Holzunternehmen in der Region Tjumen. Im selben Monat stellte das Birkensperrholzwerk Svyezha-Tyumen, Teil der Sveza-Gruppe des Milliardärs Alexei Mordaschow, den Betrieb ein und entließ 323 Mitarbeiter. Das Mutterunternehmen begründete dies mit einem starken Produktionsrückgang und einer gesunkenen Kapazitätsauslastung, die das Werk tief in die roten Zahlen getrieben hätten.
Die Forstwirtschaft ist nicht die einzige Branche, die unter den Sanktionen leidet. Besonders das Öl- und Gasgeschäft gerät zunehmend unter Druck. Laut Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters vom 24. November könnten die russischen Staatseinnahmen aus dem Energiegeschäft im November im Vergleich zum Vorjahr um etwa 35 Prozent auf 520 Milliarden Rubel (etwa 5,58 Milliarden Euro) sinken. Besonders problematisch für Moskau: Selbst langjährige Partner zeigen sich zunehmend zurückhaltend. Der chinesische Staatskonzern Yanchang Petroleum hat seine Ölkäufe aus Russland eingestellt und stattdessen drei Millionen Barrel Rohöl aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und Kasachstan für Januar-Lieferungen erworben. Auch Sinopec hatte bereits im Oktober seine russischen Rohölkäufe gestoppt, um das Risiko von Sekundärsanktionen zu reduzieren. (ls)