„Die Rezession ist kein Fehler“

Russlands Wirtschaft taumelt: Nach Kriegsboom droht der Sturz in die Rezession

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Wegen des Kriegs hatte Russland ein starkes Wachstum erzielt. Damit soll es jetzt vorbei sein. Ökonomen sprechen eine deutliche Warnung aus.

Moskau – Russlands Wirtschaft steht am „Rande der Rezession“: Davor warnte der russische Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow bereits im Juni. Die Zentralbank müsse „ein bisschen Liebe für die Wirtschaft“ zeigen, um dies abzuwenden. Lange Zeit hatte sich Russlands Wirtschaft durch Militärausgaben über Wasser gehalten – und zwar in einer Art und Weise, dass Ökonomen vor der Überhitzung warnten. Jetzt soll die Abkühlung folgen: Das Land steht vor der Rezession.

Russlands Wirtschaft vor Rezession – zweites Quartal mit schwächerem Wachstum möglich

Eigentlich ist das bereits seit einigen Monaten der Fall. Die Zentralbank hatte Maßnahmen ergriffen, um das Wachstum zu verlangsamen, was wiederum der Inflation entgegenwirken sollte. Im ersten Quartal war das Bruttoinlandsprodukt Russlands erstmalig seit 2022 wieder zurückgegangen. Zwar stehen die offiziellen Zahlen für das zweite Quartal noch nicht fest, aber Analysten gehen von einem Wachstum bei null Prozent aus. Damit würde Russland nur knapp einer technischen Inflation entgehen.

Wladimir Putin im Kreml (Symbolfoto).

Reschetnikow hatte bereits davor gewarnt, jetzt zeigen auch die neuesten Vorhersagen der Analysten einen enormen Pessimismus für Russlands Wirtschaft. Der Ökonom Dmitri Polevoi geht von einem Wachstum im zweiten Quartal von „saisonbereinigt nahe null“ aus, zitierte die Moscow Times. Bei Bloomberg heißt es, Russlands Wirtschaft soll „im Vergleich zum Vorquartal leicht“ wachsen. Liam Peach, Analyst bei Capital Economics, und Stanislaw Muraschow, der bei der Raiffeisenbank in Moskau arbeitet, gehen beide von einem Wachstum von 0,3 Prozent aus.

„Stagnation“ oder langsameres Wachstum für Russlands Wirtschaft – das ist anders

Dabei steht die Frage im Raum: Was hat sich geändert? Hatte Russland nicht wiederholt deutlich positive Zahlen vorgelegt? Abseits dessen, dass diese Zahlen stets mit Vorsicht zu genießen sind (immerhin ist dem Kreml sehr daran gelegen, sich gegenüber dem Westen als resilient und stark zu präsentieren), liegt das Problem bei der Art und Weise, wie das vorige Wachstum zustande kam.

Sowohl 2023 als auch 2024 hatte Russland ein starkes wirtschaftliches Wachstum berichtet. Das lag allerdings vorrangig an den massiven Investitionen in den Rüstungssektor und die hohe Kriegsproduktion. Ökonomen hatten früh davor gewarnt, dass ein solches Wachstum nicht nachhaltig sei – die produzierten Güter dienten nicht dem Fortkommen des Landes, sondern landeten auf den Schlachtfeldern in der Ukraine, wo sie einem inhärenten Zerstörungsrisiko ausgesetzt waren.

Darüber hinaus vermischten sich bald schon verschiedene Risiken, die mehr oder weniger direkt aus dem Ukraine-Krieg resultierten. Zum Beispiel musste der Kreml-Chef Wladimir Putin wiederholt wichtige Reserven anzapfen, um liquide zu bleiben, die Inflation stieg auf ein Rekordniveau und darüber hinaus sorgten Kriegsdienst und Landflucht für ein massives Defizit am Arbeitsmarkt, was wiederum zu einem Anstieg der Löhne führte, weil die Unternehmen in stärkeren Wettbewerb zueinander traten. „Zusammen genommen sorgen diese Faktoren voraussichtlich für eine Periode langsameren Wachstums, wenn nicht Stagnation“, schrieb der Thinktank Atlantic Council in einer Analyse aus dem Winter 2024.

Die Konsequenz: Russlands Industrieproduktion und die Ausgaben gingen zuletzt deutlich zurück. Der „Boost“ durch die Kriegsproduktion ist aufgebraucht. „Die Wirtschaft könnte, und wird wahrscheinlich, im Jahr 2025 schrumpfen“, zitierte die Moscow Times den Ökonomen Wladislaw Inozemtsew.

„Die Rezession ist kein Fehler, sondern Merkmal“ – wie Russland seine Entwicklung aufgab

Etwa ein halbes Jahr später äußerte sich Reschetnikow mit der eingangs erwähnten Warnung. Im Juni 2025 kam es im Rahmen des St. Petersburg Economic Forum zu seiner Aussage, Russland stehe am Rande einer Rezession. „Die Rezession, die Russland nun droht, ist kein Fehler, sondern ein Merkmal seiner Militarisierungspolitik“, erklärte Elina Ribakova, Vize-Präsidentin für Auslandspolitik an der Kyiv School of Economics, bei bruegel dazu. Kurz gesagt: Russland hat dem Militärsektor eine höhere Priorität eingeräumt als der Entwicklung des Landes, was sich nun am Wirtschaftswachstum zeigt.

Russlands Zentralbank hatte reagiert, indem sie die Leitzinsen in mehreren Schritten auf bis zu 21 Prozent anhob. Das wiederum sorgt dafür, dass eine Menge russischer Unternehmen Probleme bei der Kreditrückzahlung haben. Selbst Putin hatte das ein „alarmierendes Signal“ genannt und angegeben, dass es die Aufgabe der Regierung und der Zentralbank sei, eine „sanfte Landung“ der Wirtschaft abzuliefern. Ob es dazu kommt, muss sich herausstellen.

Rubriklistenbild: © IMAGO / SNA

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