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Autor Sascha Lübbe hat die Ausbeutung von Arbeitsmigrantinnen und -migranten erforscht. Manches erinnert auch heute noch an Günter Wallraffs Recherchen vor 40 Jahren.
Frankfurt - In einem Wohnheim in Frankfurt beginnt Sascha Lübbe seine Reise durch die Welt der Arbeitsmigranten und -migrantinnen in Deutschland. Hier trifft er den Rumänen Fabiu, der seit neun Jahren für wenig Geld auf deutschen Baustellen schafft, sechs Tage die Woche, oft zehn Stunden lang. Wie leben er und die anderen? Davon handelt Lübbes Buch „Ganz unten im System“.
Herr Lübbe, Sie haben bei Ihrer Recherche Arbeitsmigrantinnen und -migranten in Deutschland getroffen. Wie verbreitet ist ihre Ausbeutung?
Ich habe mich auf drei Branchen konzentriert: Bau, Fleischbranche und Transportwesen. Da gibt es in jeder Branche eine bestimmte Form von Ausbeutung. Wenn man den Bau nimmt: Es gibt ständig Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz, die Leute arbeiten zehn Stunden, am Samstag nochmal fünf. Sie bekommen ihren Urlaub nicht bezahlt. Es gibt oft keinen Lohn im Krankheitsfall. Und die Leute, die ich getroffen habe, arbeiten alle zum Teil schwarz. Das Problem ist dieses System dahinter mit General- und Subunternehmen. Die Generalunternehmen gliedern Arbeiten aus an Subfirmen, die oft Kontakte ins Milieu der organisierten Kriminalität haben. Und diese kleinen Firmen sind für die Verstöße verantwortlich. Die Ausbeutung von Arbeitsmigranten und -migrantinnen ist aber auch in anderen Bereichen an der Tagesordnung, etwa in der Reinigungsbranche oder in der Landwirtschaft.
Was wären notwendige politische Folgerungen?
Ein Hauptproblem dieses Systems sind die Ausschreibungen der öffentlichen Hand, bei denen man angehalten ist, das günstigste Angebot zu nehmen. Etwa beim Wohnungsbau oder wenn eine Behörde einen Reinigungsauftrag vergibt. Da ist ein Tariftreuegesetz auf Bundesebene geplant, für das es aber bislang nur einen Arbeitsentwurf gibt. Ziel ist, dass öffentliche Aufträge des Bundes nur noch an Firmen gehen, die Tariflöhne zahlen. Das wäre wichtig. Ein anderer Punkt wäre ein Verbandsklagerecht im Arbeitsrecht. Dann könnten zum Beispiel Gewerkschaften einen Arbeitgeber verklagen, ohne dass der Arbeitnehmer direkt involviert sein muss. Er könnte anonym bleiben. Das würde die Hürden, rechtliche Schritte zu unternehmen, deutlich senken.
Müsste es auch mehr Kontrollen geben?
Mangelnde Kontrollen sind definitiv ein Riesenproblem. Eine besondere Bedeutung hat die Finanzkontrolle Schwarzarbeit des Zolls. Da steht die geringe Kontrolldichte schon lange in der Kritik. In der Landwirtschaft werden etwa nur 1,1 Prozent aller Betriebe vom Zoll kontrolliert.
Ausbeutung in der Fleischindustrie: Verbesserungen seit dem Tönnies-Skandal?
In der Fleischbranche hat man Konsequenzen gezogen nach dem Tönnies-Skandal von 2020.
Genau, da gibt es seit 2021 das Arbeitsschutzkontrollgesetz, das ein Schritt in die richtige Richtung ist. Da sind die Leute fest angestellt und arbeiten auch nicht mehr zwölf bis 16 Stunden, wie das früher der Fall war. Aber auch da gibt es immer noch Ausbeutung. Das Hauptproblem ist: Dieses Gesetz gilt für den Kernbereich der Arbeiten, also für das Schlachten, Zerlegen und Weiterverarbeiten des Fleisches. Aber in so einem Schlachtbetrieb gibt es auch noch andere Arbeiten, zum Beispiel das Reinigen der Geräte. Da sind es immer noch die Subunternehmer, die die Leute beschäftigen. Da kommt es häufig zu Verstößen.
Was war Ihr eindrücklichstes Erlebnis bei der Recherche?
Eindrücklich heißt leider: erschreckend. Das sind die Lebensbedingungen und die persönlichen Geschichten.
Zur Person
Sascha Lübbe (45) arbeitet als Reporter und Autor in Berlin. Sein Fokus liegt auf den Themen Migration, Integration und soziale Ungleichheit.
Welche Lebensbedingungen haben Sie gesehen?
Ich erinnere mich an eine Wohnung in Fürth, die war total heruntergekommen. Da lebten sieben rumänische Bauarbeiter in zwei Zimmern. Jemand hatte Parfüm gesprüht, um die Luft besser zu machen – das hat es noch schlimmer gemacht. Die Leute haben 350 Euro Miete pro Bett bezahlt, insgesamt also 2450 Euro. Mietwucher.
Warum halten die Menschen das aus?
Weil sie in der Heimat keine Perspektive für sich sehen und aus Verantwortung für ihre Familien. Was mich sehr bewegt hat, war ein 25-jähriger Rumäne, der in einem Schlachthof in NRW gearbeitet hat. Den hat man mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt. Man hat ihn mit seinem Cousin in ein kleines Zimmer gesteckt, in dem die Wand nass war und später schimmelte. Der Mann hatte einen einjährigen Sohn, den hat er nur fünf Monate lang gesehen. Er hat den Absprung geschafft, er arbeitet jetzt als Lagerist in den Niederlanden. Aber die Ehe hat es nicht überstanden. Das ist mir mehrfach begegnet. Männer gehen für ihre Familien ins Ausland, aber dann gehen die Ehen in die Brüche.
Trauen die Leute sich zu wehren?
Auch das ist ein Riesenproblem. Dahinter steckt ein extremes Abhängigkeitsverhältnis. Die meisten Leute, die zum Arbeiten nach Deutschland kommen, werden von ihren Arbeitgebern in Wohnungen gesteckt. Wenn sie sich beschweren würden, würden sie nicht nur ihren Job verlieren, sondern auch auf der Straße stehen. Drittstaatler, die nicht aus der EU kommen, müssen dann mitunter sogar das Land oder die EU verlassen. Diese Abhängigkeit sorgt dafür, dass viele es mit sich machen lassen und nichts sagen.
Bulgarische Frau klagt erfolgreich gegen Arbeitsbedingungen: „Ziemlich tragisch“
Ein Fall, wo man Widerstand gesehen hat, waren die Streiks der Lkw-Fahrer in Gräfenhausen. Hier haben die Fahrer ihr Geld bekommen. Sonst ist aber nichts passiert, oder?
Gräfenhausen war erstaunlich. Denn da haben sich Leute zusammengeschlossen, die den ganzen Tag in ihrem Lkw sitzen und vereinzelt sind in ihrem Arbeitsumfeld. Ich glaube, dass der Streik wichtig war, weil er vielen die Augen geöffnet hat für die Lebensbedingungen dieser Menschen. Ich habe für das Buch zwei usbekische Lkw-Fahrer begleitet, an einem Wochenende auf der Raststätte. Die leben in ihren Autos. Die sehen ihre Familie nicht. Es gibt viele Dinge, an die man gar nicht denkt: Die wollten einkaufen gehen und mussten von der Raststätte vier Kilometer laufen, um einkaufen zu können, denn mit so einem Lkw kann man da nicht hinfahren.
Sie haben auch mit einer bulgarischen Frau gesprochen, die erfolgreich vor deutschen Gerichten geklagt hat. Sie schreiben, es gebe trotzdem kein Happy End...
Der Fall ist ziemlich tragisch. Die Frau – ich nenne sie Mariana – ist inzwischen 72 Jahre alt. Sie lebt wieder in Bulgarien, zu viert in zwei Zimmern, mit zwei Enkeln und einem Urenkel. Sie ist, weil ihr Mann krank geworden war und sie die Krankenhausrechnungen nicht bezahlen konnte, 2013 nach Deutschland gegangen, um in einem Privathaushalt als 24-Stunden-Betreuerin zu arbeiten. Sie wurde nur für die Tage bezahlt, musste aber rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Sie hat geklagt bis zum Bundesarbeitsgericht und Recht bekommen, dass auch in Bereitschaftszeiten Mindestlohn gezahlt werden muss.
Das wurde als großer Erfolg angesehen.
Auf den ersten Blick war das der totale Erfolg, richtungsweisend für die Branche. Das Tragische ist, dass Mariana bis heute ihr Geld nicht gesehen hat. Der Fall wurde an einen bulgarischen Anwalt übermittelt und der unternimmt nichts. Mariana hat den Verdacht, dass er mit dem Geschäftsführer der Firma, bei der sie angestellt war, unter einer Decke steckt. Der Geschäftsführer hat eine neue Firma gegründet, die inzwischen insolvent ist. Man kommt an dieses Geld nicht heran.
Der Titel Ihres Buches enthält den Anklang an Günter Wallraffs legendäre Reportage „Ganz unten“. Sehen Sie Parallelen?
Die Herangehensweise von Herrn Wallraff war ganz anders. Er hat sich verkleidet als türkischer Arbeiter und hat zwei Jahre lang alle möglichen Jobs angenommen, in einem Stahlwerk, in einem Fastfood-Restaurant, auf dem Bau. Davor habe ich ungeheuren Respekt. Interessant finde ich: Dieses System von General- und Subunternehmen gab es bei Wallraff auch schon. Das Buch stammt von 1985. Schon damals wurden Arbeiten systematisch ausgelagert. Die Leute wurden schwarz bezahlt und mussten ihren Löhnen hinterherrennen, damals wie heute. Da gibt es Parallelen, aber auch einen Unterschied: Wallraff widmet sich den ausländischen Arbeitern, in seinem Buch tauchen aber vereinzelt noch deutsche Kollegen auf. Die gibt es in Branchen wie dem Bau oder in der Fleischwirtschaft auf der Helfersebene heute kaum noch. Da arbeiten fast nur noch ausländische Beschäftigte.
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