VonFabian Hartmannschließen
Enorme Regenfälle haben in Teilen Europas ein Szenario der Verwüstung hinterlassen. Während die Unwetter Richtung Süden abziehen, wird ihr Ausmaß offensichtlich. Auch in finanzieller Hinsicht
Prag/Wien – Weite Teile Mittel- und Osteuropas haben es aktuell mit den schwersten Überschwemmungen seit Jahrzehnten zu tun. Am Donnerstag der Vorwoche, 12. September, begann das in Deutschland „Anett“ genannte und international als „Boris“ bekannte Sturmtief über die mittleren und östlichen Gebiete des Kontinents hinwegzuziehen. In Gebieten entlang der Donau, der Oder, der Elbe und ihren zahlreichen Nebenflüssen fielen teilweise bis zu 400 Liter Regen pro Quadratmeter – so viel, wie sonst durchschnittlich in drei bis sechs Monaten.
Besonders schwer traf es Österreich, Polen, Rumänien und Tschechien. Die Zahl der Todesopfer liegt aktuell bei 23, Tendenz steigend. Zehntausende Menschen mussten evakuiert werden, allein in Rumänien rissen die Fluten rund 6000 Häuser mit sich. In Sachsen steigt der Pegelstand der Elbe, auch Brandenburg bereitet sich auf mögliche Überschwemmungen vor. Während in Österreich, Polen und Tschechien Aufräumarbeiten beginnen, tritt neben dem sichtbaren Ausmaß der Zerstörung auch der finanzielle Schaden für Mittel- und Osteuropa immer deutlicher hervor.
Hochwasser könnte Europa bis zu einer Milliarde Euro kosten – Tschechien wohl am stärksten betroffen
In Gänze ist das Ausmaß der enormen Regenfälle über Mittel- und Osteuropa gegenwärtig noch nicht abzusehen, denn vielerorts gehen die Fluten nur langsam zurück. Jedoch liegt schon eine erste Schätzung vor: So geht die Ratingagentur Morningstar DBRS davon aus, dass die Kosten möglicher Schäden zwischen mehreren Hundert Millionen und mehr als einer Milliarde Euro liegen könnten, wie Reuters nun meldete.
Nach gegebenem Informationsstand wird erwartet, dass „die höchsten versicherten Schäden möglicherweise in Tschechien auftreten können“. Dies erklärte Mario De Cicco, Vizepräsident für globale Versicherungs- und Rentenratings bei Morningstar DBRS, nun gegenüber Euronews. Jedoch seien Versicherungen für Naturkatastrophen in der Tschechischen Republik verbreiteter als in anderen von den Überschwemmungen betroffenen Ländern, wie etwa in Polen oder Rumänien.
Überschwemmungen sind die teuerste natürliche Bedrohung für Europa
Angaben des britischen Umweltberaters JBA Risk Management zufolge, sind Hochwasser ohnehin die kostenintensivste natürliche Bedrohung in und für Europa. So verursachten schon allein Überschwemmungen von Flüssen jedes Jahr Kosten in Höhe von 7,8 Milliarden Euro. Auch hier ist die Tendenz steigend, da Wirtschaftsstandorte in hochwassergefährdeten Gebieten stetig wachsen und davon auszugehen ist, dass der Klimawandel künftig zu häufigeren und massiveren Niederschlägen und Starkregen-Szenarios führen dürfte.
Inzwischen haben die Regierungen Österreichs, Polens und Rumäniens Hochwasser-Soforthilfemittel von mehreren Hunderten Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um die Herausforderungen der Hochwasser in betroffenen Gebieten zu bewältigen. Die tschechische Regierung erwägt unterdessen gar, ihren nationalen Wirtschaftshaushalt für 2024 zu ändern.
„Wir schätzen den gesamten Hochwasserschaden auf 0,5 Prozent des tschechischen nominalen BIP, während die gemeldeten versicherten Schäden 0,2 Prozent ausmachen“, schrieb der Chefökonom Tschechiens, David Havrlant, am Dienstag, 17. September, in einem Artikel für ING Think. Nicht nur könnten sich der finanzielle Aufwand der Hochwasserschäden auf den diesjährigen Staatshaushalt der Republik auswirken, sondern auch auf die mittelfristige Inflation des Landes.
Polnischer Analyst: Überschwemmungen werden „sehr schmerzhaft und kostspielig für die Bevölkerung sein“
Grzegorz Dróżdż, Marktanalyst beim polnischen Finanzdienstleister Contoxia Invest, wies derweil neben den direkt durch die Hochwasser verursachten Schäden auf weitere Faktoren hin, die als Resultat der Starkregenfälle wirtschaftlich problematisch werden könnten. So könnten Schäden an Infrastruktur und Gebäuden sowie massiv gestiegene Ausgaben für Evakuierungen und medizinische Versorgung auch einen Rückgang der Wirtschaftstätigkeit und Produktion im Allgemeinen nach sich ziehen.
„Die Überschwemmungen, mit denen Polen, die Tschechische Republik und Österreich derzeit konfrontiert sind, werden nun sicherlich sehr schmerzhaft und kostspielig für die Bevölkerung sein und sich negativ auf die bereits belasteten Haushalte auswirken“, so Dróżdż.
Bereits jetzt wurden in einigen Katastrophengebieten Produktionsstätten temporär geschlossen. In Ostrava im äußersten Osten Tschechiens etwa stellte das Chemieunternehmen BorsodChem seinen Betrieb vorübergehend ein. Auch der Getränkehersteller Kofola CeskoSlovensko beendete die Herstellung seiner Produkte vorerst, ebenso wie die Kokerei OKK Koksovny, wie Reuters berichtete.
Von der Leyen trifft Vertreter der Hochwasser-Länder in Polen – Unwetter zieht nach Italien
Am Donnerstag wird EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im polnischen Breslau erwartet, wo sie sich auf Einladung des polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk ein Bild der Katastrophenlage vor Ort machen will. Auch der österreichische Kanzler Karl Nehammer und die Regierungschefs der Slowakei und Tschechiens, Robert Fico und Petr Fiala, werden dort sein.
Nachdem der Starkregen nun aus den Katastrophengebieten in Mittel- und Osteuropa abgezogen ist, hat nun Italien mit übermäßigen Niederschlägen zu kämpfen. In der Region Emilia-Romagna im Norden des Landes bleiben viele Schulen geschlossen, zudem sind bereits fünf Zugverbindungen ausgesetzt worden, berichtet RAI News. Auch in den Marken findet weitgehend kein Schulunterricht statt. Zudem wurde die Staatsstraße 16 Adriatica, die wichtigste Verbindung im Osten des Landes und einer der bedeutendsten Straßen Italiens, aufgrund des anhaltenden Starkregens geschlossen. Auch in den Marken findet weitgehend kein Schulunterricht statt. In der Provinz Foggia in der Region Apulien im Süden des Landes ertrank ein Feuerwehrmann bei einem Rettungseinsatz. (fh)
Rubriklistenbild: © IMAGO / ZUMA Press Wire

