- VonMax Schäferschließen
Die älter werdende Gesellschaft belastet das Sozialsystem. Eine Studie zeigt nun, wer die größte Last tragen muss – und am meisten profitiert.
Berlin – Wer in Deutschland krank ist, kann sich ebenso auf Unterstützung der Gemeinschaft verlassen wie Menschen, die ihre Stelle verlieren und einen neuen Job suchen. Das ist das Versprechen des Sozialstaats. Genau wie der Generationenvertrag der Rente: Wer sein Leben lang gearbeitet hat, profitiert im Alter von der Rente.
Das Versprechen hat jedoch seinen Preis. „Die statistische Durchschnittsperson arbeitet in Deutschland mehr als drei Monate für die Finanzierung des Sozialstaates“, sagte Ökonom Bernd Raffelhüschen von der Universität Freiburg laut Welt. Rechnerisch müssten Durchschnittsbürger:innen bis zum 4. April arbeiten, um die Sozialleistungen in Deutschland zu finanzieren. Das ist das Ergebnis einer Erhebung, die Raffelhüschens Forschungszentrum Generationenverträge für die marktliberale Stiftung Marktwirtschaft erstellt hat. Die Welt hatte zuerst darüber berichtet.
Sozialsystem in Deutschland bevorzugt Boomer-Generation
Der Tag wird sich durch die alternde Gesellschaft immer weiter in Richtung Sommer verschieben. Eine ältere Gesellschaft braucht mehr Gesundheits- und Pflegeleistungen. Wenn die Babyboomer-Generation in den Ruhestand geht, steigt der Bedarf an Rentenzahlungen. Immer weniger Erwerbstätige müssen diese Leistungen damit stemmen.
Laut der Analyse von Bernd Raffelhüschen gehören damit die Boomer zu den klaren Gewinnern des deutschen Sozialsystems. Die größten Profiteur:innen sind Personen, die heute zwischen 65 und 70 Jahre alt sind. Bis zum Alter von 36 Jahren und 3 Monaten profitierten die Menschen jedoch noch vom System.
Wer nach 1987 geboren ist, gehört laut Studie zu den Verlierern des deutschen Sozialsystems
Damit ist laut der Auswertung der Stiftung Marktwirtschaft der 10. Oktober 1987 der Stichtag. Wer nach diesem Tag zur Welt kam, trage statistisch gesehen über die restliche Lebenszeit mehr zur Finanzierung des Sozialstaates bei, als er umgekehrt an beitragsfreien Leistungen erhält, erklären die Ökonomen.
Die Forschenden machen das an den Generationenkonten fest. Das ergibt sich aus dem Verhältnis dessen, was eine durchschnittliche Person eines Jahrgangs an den Staat und Sozialversicherungen zahlt, zu den Leistungen, welche die Person dann erhält.
Junge Erwachsene zahlen deutlich mehr ins Sozialsystem ein, als sie selbst bekommen werden
Die größten Verlierer:innen sind dabei heute zwischen 15- und 20-Jährige. Diese zahlen laut der Erhebung der Stiftung Marktwirtschaft etwa 10.000 Euro mehr ein, als sie – beispielsweise als Rente – erhalten werden. Die größten Gewinner:innen, die 65-Jährigen, erhalten dagegen noch knapp 60.000 Euro mehr, als sie selbst einzahlen. Wer heute 50 Jahre alt ist, erhält etwas mehr als 20.000 Euro mehr, als er oder sie selbst einzahlen.
Den Ökonomen des marktliberalen und laut Lobbycontrol der Versicherungswirtschaft nahestehenden Forschungszentrums Generationenverträge zufolge verschärft sich das Ungleichgewicht zukünftig. 2025 werde der Anteil der Steuereinnahmen für die Bezuschussung des Rentensystems auf 27 Prozent ansteigen. Bleiben die Leistungen unverändert, würden 60 Prozent der Steuereinnahmen zur Finanzierung des Sozialsystems nötig.
Die Bundesregierung plant in ihrem im März vorgestellten Rentenpaket tatsächlich die Stabilisierung des Rentenniveaus. Damit wird auch die Erhöhung der Beiträge absehbar. Um die Belastung zu begrenzen, hat die Ampel-Koalition jedoch das Generationenkapital, die sogenannte Aktienrente beschlossen. Die Einnahmen aus dem Fonds sollen den Anstieg der Leistungen dämpfen. Dennoch gibt es Kritik am Rentenpaket, da es junge Menschen belaste. (ms)
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