Ein höheres Renteneintrittsalter hätte Vorteile, ein „anständiges Sicherungsniveau“ für Rentner könnte finanziert werden. Von aktuellen Forderungen hält er aber wenig.
Berlin – Die Rente kostet den Bund immer mehr Geld. Dabei verschärft sich das Problem zusehends, denn noch sind nicht alle Jahrgänge der geburtenstarken Boomer-Generation im Ruhestand. Immer weniger Beitragszahler müssen damit immer mehr Rentner finanzieren, die Rentenbeiträge könnten schon 2028 über 20 Prozent steigen.
Streit um spätere Rente: „Könnte die Finanzierung eines anständigen Sicherungsniveaus erleichtern“ Um dem Problem entgegenzutreten, fordern einige Ökonomen immer wieder ein höheres Renteneintrittsalter . Damit würde die Bezugsdauer der Rente reduziert, gleichzeitig zahlen die betroffenen Arbeitnehmer länger in die gesetzliche Rentenversicherung ein. Die sogenannten Wirtschaftsweisen hatten etwa vorgeschlagen, die Regelaltersgrenze an die Lebenserwartung zu koppeln .
Der Streit um ein höheres Rentenalter sei „nicht die richtige Debatte in der momentanen Krise“, findet der Wirtschaftsweise Achim Truger.
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„Wenn die Leute perspektivisch immer älter werden, kann man auch über das Renteneintrittsalter sprechen“, sagte auch Achim Truger, der selbst Teil des Sachverständigenrats Wirtschaft ist, der Frankfurter Rundschau . „Das könnte die Finanzierung eines anständigen Sicherungsniveaus erleichtern.“
Wirtschaftsweise bei Renten-Vorschlag „skeptisch“ An der Verschiebung der Regelaltersgrenze gibt es jedoch Kritik, etwa von SPD -Chef und Bundesfinanzminister Lars Klingbeil, der auf Beschäftigte in körperlich anspruchsvollen Berufen verweist . Diese würden schon jetzt kaum bis ins Alter von 67 Jahren durchhalten.
Renten-Meilensteine in Deutschland in Bildern – von Bismarck über Riester bis Müntefering Der Name Bismarck hallt bis heute nach. Auch weil Otto von Bismarck im Juni 1889 nach jahrelanger Debatte das „Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung“ durch den Reichstag brachte. Die Geburtsstunde der Rente in Deutschland. © Photo 12/www.imago-images.de Altersrente gab es damals aber erst ab dem vollendeten 70. Lebensjahr – die Lebenserwartung betrug damals nicht mal 50 Jahre. Der Holzstich zeigt Dreher, Gießer und Former in einer Porzellanfabrik um 1880. © imago stock&people/Imagebroker Bismarcks politisches Kalkül war klar: Er wollte die Arbeiter besänftigen. Rentenversichert waren zunächst Arbeiter und „kleine Angestellte“ mit Einkommen bis 2.000 Mark. Die Beiträge zahlten Arbeitgeber und -nehmer zu gleichen Teilen. © IMAGO/GRANGER Historical Picture Archive Größere Reformen gab es Anfang des 20. Jahrhunderts. Angestellte waren ab 1913 bei der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte angesiedelt. Sie konnten schon ab 65 Jahren in Rente gehen – anders als Arbeiter. © imago stock&people/Arkivi Das Bild zeigt verwundete deutsche Soldaten in Frankreich. Vor dem Ersten Weltkrieg hatten die deutschen Rentenversicherungsanstalten Überschüsse, die sie etwa in Wohnungsbau steckten. Entlassungswellen und Hinterbliebenenrenten änderten das schnell. Das Bild zeigt verwundete deutsche Soldaten in Frankreich. © imageBROKER/GTW Frauen im Ghetto Warschau bei erzwungener Näharbeit Im NS-Regime werden Jüdinnen und Juden und andere verfolgte Gruppen aus der Rentenversicherung ausgeschlossen. Millionen von Zwangsarbeitern - im Foto: Frauen 1941 im Ghetto Dambrowa Gornicza bei erzwungener Näharbeit – bleiben ohne Rentenansprüche. Überschüsse der Kassen flossen in Kriegsanleihen. © Imago/Reinhard Schultz Bundeskanzler Konrad Adenauer (r) gibt in Bonn seine Stimme für die Bundestagswahl 1957 ab „Keine Experimente“ lautete Konrad Adenauers Slogan zur Bundestagswahl 1957. Bei der Rente wagte er aber eine Reform. Bis dato waren die Renten enorm gering, 50 DM war der Mindestsatz, der Durchschnitt nur unwesentlich höher. Nun änderte sich die Berechnung, Arbeiterrenten stiegen um etwa 60 Prozent. © DB/picture alliance/dpa Willy Brandt im Jahr 1972. Die nächste große Neuerung gab es unter Willy Brandt. Seit (dem Wahljahr) 1972 können auch Nicht-Pflichtversicherte in die Rentenversicherung einzahlen – etwa Selbstständige und Hausfrauen. Letzteres war ein Schritt zur Unabhängigkeit von den Ehemännern. Ab 1977 gab es dann auch einen „Versorgungsausgleich“ bei Scheidung. © Imago/Sven Simon Norbert Blüm klebt Rentenplakat „Die Rente ist sicher“: Auch mit diesem Satz blieb der mittlerweile verstorbene Arbeitsminister Norbert Blüm in Erinnerung. Auch Blüm kümmerte sich aber um die Lage der Rentnerinnen – er führte 1986 die „Mütterrente“ ein. Seither zählen Kindererziehungszeiten für die Rentenhöhe. © Peter Popp/picture-alliance/dpa 13 09 1985 Berlin Deutsche Demokratische Republik DDR Alte Frauen unterhalten sich Die nächste große Herausforderung ist die Eingliederung der Bürger der ehemaligen DDR (hier ein Foto aus Ostberlin 1985) in die bundesdeutsche Rentenkasse. Die Deutsche Rentenversicherung preist rückblickend die Stärke des umlagefinanzierten Systems: „Die Rentenversicherung zahlte von einem Tag auf den anderen fast vier Millionen zusätzlicher Renten. Das wäre in einem kapitalgedeckten Rentensystem nicht vorstellbar gewesen.“ © imago stock&people/Franksorge Kanzler Helmut Kohl (re.), Blüm und Finanzminister Theo Waigel Die nächste Reform folgt dennoch – Kanzler Helmut Kohl (re.), Blüm und Finanzminister Theo Waigel (li.) müssen sparen, auch angesichts der alternden Bevölkerung. Ab 1992 steigen Altersgrenzen. Frauen und Arbeitslose (bislang bis 62 Jahren) und langjährige Versicherte (bis 63) müssen nun bis 65 arbeiten. Nur noch ein Jahr Kindererziehungszeit ist anrechenbar. © Michael Jung/dpa/picture-alliance Koalitionsverhandlungen Riester Schröder Auch Gerhard Schröders Rot-Grün hat ebenfalls Rentenpläne im Gepäck. Arbeitsminister Walter Riester leiht der „Riester-Rente“ seinen Namen – der Staat fördert auf ihrem Wege private Altersvorsorge. Das Modell gilt mittlerweile aber als Flop. Riester arbeitete später auch für Carsten Maschmeyers Finanzdienstleister AWD, dem die Reform gelegen gekommen sein dürfte. © picture-alliance / dpa | Hermann_J._Knippertz Franz Münterfering und Angela Merkel 2007 im Bundestag. Heikle Operation: SPD-Vizekanzler Franz Müntefering brachte 2007 die „Rente mit 67“ auf den Weg. Angela Merkels GroKo plante allerdings lange Übergangsfristen, noch bis 2031 dauert die Anhebung des Eintrittsalters an. Für Menschen, die 45 Jahre einzahlten, gab es eine Sonderregel. © Imago/Metodi Popow Angela Merkel und Andrea Nahles 2017 bei einer Kabinettssitzung. Müntefering war nicht mehr dabei als Merkels zweite GroKo 2017 das nächste „Rentenpaket“ schnürte. Arbeitsministerin war nun Andrea Nahles. Diesmal ging es um Erleichterungen. Langjährig Versicherte konnten nun ab 63 in Rente, die Mütterrente wurde ausgeweitet. 2018 kamen im „Rentenpakt“ (ohne drittes e) „Haltelinien“ für Beiträge und Rentenniveau hinzu. © Michael Kappeler/dpa/picture alliance 19 02 2017 Angleichung der Rente Rente Ostrente Westrente Ost West Altersruhegeld Angleichu Fast 35 Jahre wird es gedauert haben – aber ab 2025 werden für die Rente in Ost- und Westdeutschland die gleichen Berechnungsgrößen gelten. Ein durchaus historischer Schritt. Beschlossen wurde er schon 2017. © imago stock&people/Steinach Arbeitsminister Hubertus Heil – zuständig auch für die Rente – im Bundestag. Die Evolution der Rente geht weiter: Seit 2021 gibt es die Grundrente als Zuschlag für Menschen, die unterdurchschnittlich verdient haben. Es wird nicht der Schlusspunkt sein: Angedacht – aber umstritten – ist die Aktienrente. Zugleich altert die deutsche Bevölkerung weiter, das Umlagesystem ist unter Druck. Ist die Rente sicher, auch über die Amtszeit von Hubertus Heil hinaus? Die Zukunft wird es zeigen. © Hannes P. Albert/dpa/picture-alliance Dabei gibt es den Vorschlag, eine Unterscheidung nach Berufen zu machen. Beschäftigte in körperlich anstrengenden Jobs arbeiten weniger bis zum vollen Rentenanspruch, Beschäftigte mit Schreibtisch-Tätigkeiten müssen länger arbeiten. Truger zeigte sich jedoch „skeptisch“.
Streit um das Rentenalter „nicht die richtige Debatte in der momentanen Krise“ – findet Truger „Auch Schreibtischberufe können körperlich anstrengend sein, Angestellte klagen über zunehmenden Stress“, sagte Truger. „Manche Leute arbeiten erst in der Fertigung, später in der Verwaltung.“ Er sieht dabei die Frage, wie dann die Anteile im Lebenslauf für die Berechnung der Lebensarbeitszeit festgelegt werden.
„Das ist nicht die richtige Debatte in der momentanen Krise“, sagte der Wirtschaftsweise. „Sowieso steigt doch die Lebensarbeitszeit an. Die 67 Jahre für alle werden erst 2031 erreicht.“ Tatsächlich liegt die Regelaltersgrenze derzeit 66 Jahren und sechs Monaten. Es steigt schrittweise um jeweils zwei Monate pro Jahr an , ehe 2031 dann die Zielmarke von 67 Jahren erreicht ist. Dieser Anstieg ist die Hauptursache, weshalb Beschäftigte in Deutschland länger arbeiten und beim Rentenbeginn immer älter werden .
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