VonFabian Hartmannschließen
In der Industrie treten die Folgen der Krise sichtbar zutage – auch für Beschäftigte. Ökonom Enzo Weber zufolge mangelt es an Bereitschaft zur Transformation.
München – Die deutsche Wirtschaft schwächelt, und das nicht erst seit gestern. Sichtbar wird das auch auf dem Arbeitsmarkt: Viele Unternehmen stellen keine neuen Beschäftigten mehr ein, andere reagieren gar mit Massenentlassungen auf die schwierigen ökonomischen Bedingungen. Auch in der Industrie kriegen immer mehr Betriebe und Beschäftigte die Auswirkungen zu spüren. Daneben sei eines der größten Probleme der Industrie, dass zu wenig Neues entsteht, sagt der Ökonom Enzo Weber.
Pessimismus in der Industrie – Ökonom hält Lage für „besorgniserregend“
Im Vorjahr schrumpfte die deutsche Wirtschaft und auch für 2025 rechnet das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) mit einer Stagnation. Gleichzeitig fehlt es an Fachkräften: Fast 400.000 fehlen aktuell, für 2027 gehen manche Prognosen gar von einem Defizit von 700.000 aus, wie der Deutschlandfunk unlängst berichtete. Mitunter ein Grund seien die Umbrüche am Arbeitsmarkt und die dadurch entstehenden neuen Anforderungen von Arbeitgebern, die sich in vielen Fällen nicht mit den Qualifikationen von Arbeitnehmern decken.
In Schlüsselindustrien wird an der Zukunftsfähigkeit gezweifelt, wie eine jüngst durchgeführte Umfrage unter 169 Industrieunternehmen im Auftrag der Restrukturierungsberatung FTI-Andersch zeigte, über die das Handelsblatt berichtete. In 51 Prozent der befragten Unternehmen wird eine weitere Stagnation oder Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation befürchtet. Energieintensiven Unternehmen wie aus der Chemie- und Stahlindustrie fürchten gar 94 Prozent der Betriebe eine Abwanderung aus Deutschland.
Von einer „handfesten Industriekrise“ spricht auch Weber, Leiter des Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). „In der Industrie gehen seit gut zwei Jahren Monat für Monat über 10.000 Jobs verloren. Das ist besorgniserregend“, sagt der Ökonom der Welt im Interview.
Wirtschaftsforscher resümiert, „Deutschland steckt in einer Erneuerungskrise“
Eine der hauptsächlichen Hürden der Industrie sieht der IAB-Forscher darin, dass sie keine neuen Arbeitsplätze schaffe. „Das gilt leider für die gesamte Wirtschaft, aber für die Industrie besonders. Die Chance, jetzt aus der Arbeitslosigkeit einen neuen Job zu finden, war noch nie so schlecht. So wenige neu ausgeschriebene Stellen wie heute gab es noch nie, außer im April 2020 während des Corona-Lockdowns“, so Weber.
Die aktuelle Phase erfordere eigentlich, mitzugehen und der Transformation zu begegnen, doch gerade das verpasse die Industrie seit Jahren, so Weber. „Deutschland steckt in einer Erneuerungskrise“, fügt der Ökonom gegenüber der Welt weiter hinzu. Das visualisiert Weber an einem Beispiel: „In der gesamten Wirtschaft arbeiten sieben Prozent aller Beschäftigten in Unternehmen, die innerhalb der vergangenen fünf Jahre gegründet wurden. In der Industrie sind es nur zwei Prozent. So gelingt keine industrielle Transformation.“
Ökonom Weber fordert, Gründer mit innovativen Technologien zu fördern
Wie aber geht es weiter in der deutschen Industrie, für die das IW nach dem Abschwung im Vorjahr auch nicht mehr als eine Stagnation für 2025 vorhersagt, und was verspricht der von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ausgerufene „Herbst der Reformen“? Ökonom Weber hält die Unterstützung für die Automobil- und Stahlindustrie alleine zumindest nicht für ausreichend: „Die Stabilisierung des Bestehenden genügt nicht“, so der IAB-Ökonom.
„Wenn die Politik eine starke Industrie will, muss sie Gründer fördern und Investitionen in neue Bereiche unterstützen“, fordert Weber gegenüber der Welt. Das Geld aus den Rüstungs- und Infrastrukturpaketen etwa solle eher Start-ups und kleineren Unternehmen mit innovativen Konzepten zugute kommen und „nicht nur an die Großkonzerne fließen“, so Weber weiter. „Deindustrialisierung ist kein Automatismus. Die deutsche Industrie kann wieder die weltweite Nummer eins werden, wenn sie neue Geschäftsmodelle entwickelt“, gibt Weber zu bedenken. (Quellen: IW, Deutschlandfunk, Welt) (fh)
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