- VonMark Simon Wolfschließen
Chinas Autokonzerne etablieren sich auf Europas Markt und kämpfen auf der IAA um die Gunst der Kunden. Was heißt das für deutsche Marken wie VW und BWM?
München – Lange Zeit konnten sich die deutschen Autobauer immerhin noch auf die Treue ihrer Kundschaft verlassen: Laut einer Umfrage der Boston Consulting Group (BCG) bleiben 50 Prozent der Käufer derselben Marke treu, die sie bereits zuvor gewählt haben. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass neue Player am Markt es schwerer haben. Doch die Frage ist, wie lange dieser letzte Unique Selling Point noch trägt. Mit der selbst als überlegen vermarkteten Technologie und den günstigeren Preisen greifen die chinesischen Hersteller längst nach der Vorherrschaft am deutschen beziehungsweise dem europäischen Markt – egal ob Verbrenner oder Elektroauto.
IAA 2025: Chinas Angriff auf Europas Autothron – Mehr Präsenz, Testfahrten und leistungsstarke Modelle
Auf der Automesse IAA in München wird dieser Angriff einmal mehr sichtbar: Von insgesamt 748 Ausstellern stammen 116 aus China – rund 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Wettbewerb auf dem chinesischen Markt, auf dem inzwischen über 100 Autohersteller konkurrieren, ist so groß geworden, dass Europa mittlerweile als wichtigster Absatzmarkt gilt. Das erklärt auch den Boom auf der IAA: Zwar galt sie einst in Frankfurt als wichtigste Automesse der Welt, doch mittlerweile haben ihr die Standorte Shanghai und Peking längst den Rang abgelaufen.
Doch für Chinas Vorzeigemarken wie BYD, Geely oder Nio sind derartige Kontaktpunkte mit der deutschen und europäischen Öffentlichkeit unverzichtbar. Während der Messe bieten die Hersteller zahlreiche Testautos an und sind auch in der Münchner Innenstadt mit ihren vollelektrischen und Hybrid-Modellen präsent.
BYD, Geely und Nio: Vorzeigemarken aus China wollen Vertrauen von Europas Kundschaft gewinnen
Darüber hinaus liegt der Fokus der Chinesen auf dem Aufbau eines Service- und Händlernetzwerkes in der Bundesrepublik – nach dem Vorbild von VW oder BMW. Die deutschen Platzhirsche verfügen über rund 700 beziehungsweise 400 Standorte, während die Chinesen laut Institut für Automobilwirtschaft erst langsam aufholen: „BYD hatte im Frühjahr noch keine 30 Händler in Deutschland, MG Roewe rund 150 und Xpeng aktuell 35“, erklärte IA-Experte Stefan Reindl gegenüber dem Onlineportal Ingenieur.de. Die kleine Offensive bedeutet aber auch: Chinas Hersteller haben schnell gelernt, dass die deutsche Skepsis nicht nur mit Technologie-Neuerungen und niedrigen Preisen zu brechen ist.
Laut Kraftfahrt-Bundesamt wurden zwischen Januar und August 2025 35.000 Autos aus China neu zugelassen, was einen Anteil von 1,9 Prozent am Gesamtmarkt ausmacht. Zusammen mit Volvo und Polestar, die im Besitz von Geely sind, übersteigt der Marktanteil allerdings die vier Prozent-Marke – und damit auch den Anteil von Toyota und Tesla zusammen.
Deutsche Autokäufer sind noch skeptisch – doch Chinas Marken planen Expansionsoffensive
Die bisherigen Erfolge stehen damit erst am Anfang – zumindest legt das die Studienlage nahe: Laut einer BCG-Studie können sich nur 16 Prozent der Befragten vorstellen, ein chinesisches Elektroauto zu kaufen. Die WirtschaftsWoche spricht in ihrem E-Auto-Monitor davon, dass nur 27 Prozent der Autokäufer in Deutschland sich vorstellen können, ein chinesisches Auto zu kaufen.
Weitere Erfolgshebel liegen im Tempo und in der Konsequenz, mit der Chinas Autobauer ihre Expansion vorantreiben. Während deutsche Hersteller für neue Modellreihen Jahre brauchen, schaffen es die Konkurrenten aus Shenzhen oder Shanghai, Fahrzeuge in halb so langer Zeit und laut einer McKinsey-Studie um bis zu 50 Prozent günstiger zu entwickeln. Demnach planen die chinesischen Hersteller bis 2027 rund 278 neue Modelle, davon etwa 60 von BYD. Zum Vergleich: VW brachte in den Jahren 2024 und 2025 zusammen rund 60 Modelle auf den Markt.
Wendepunkt IAA 2025: China trachtet nach Europas Automarkt – VW, BMW und Mercedes in der Defensive?
Parallel sichern sich die Chinesen ihre Basis in Europa: Insgesamt haben sie bereits 24 Autowerke außerhalb der Volksrepublik fertiggestellt – in den kommenden Monaten sollen weitere zehn Fabriken hinzukommen. BYD eröffnet zum Beispiel noch Ende dieses Jahres ein Werk in Ungarn, das eine Maximalkapazität von 200.000 Fahrzeuge pro Jahr bietet. Das entspricht zwar nur rund einem Viertel der Produktionsmenge der VW-Fabrik in Wolfsburg, ist für den Start in Europa jedoch beachtlich. Die Marke XPeng baut ein Forschungs- und Entwicklungszentrum direkt in München auf. Anders als in den USA umgehen die Hersteller damit die Strafzölle und rücken zugleich näher an die europäischen Kunden heran.
Genau hier könnte die IAA 2025 zum Wendepunkt für China werden. Sie zeigt, dass es nicht nur um Reichweite, Akkus oder Preise geht – sondern um die Fähigkeit, Märkte systematisch zu erobern. Für BMW, VW und Mercedes ist das mehr als ein Warnsignal: Sollte es den chinesischen Herstellern gelingen, ihre Skepsis-Barriere in Europa zu überwinden, drohen die heimischen Autobauer nach China den nächsten Milliardenmarkt zu verlieren.
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