Nahrungsmittelversorgung in Gefahr?

Glyphosat-Gegner in der Trump-Regierung: Droht ein Verbot in den USA?

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Glyphosat brachte Bayer in den USA jede Menge Klagen ein. Ein Gegner des Herbizids gehört jetzt zur Trump-Regierung. Droht ein Verbot?

Washington, D.C. – Ein neuer Vorstoß von US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy könnte den deutschen Agrarchemie-Konzern Bayer in Schwierigkeiten bringen. Offenbar hat Kennedy dem Weißen Haus einen Bericht vorgelegt, der eine Übersicht über potenzielle Auslöser von chronischen Krankheiten in Kindern aufzeigen soll. Unter anderem geht es hier um Ernährung, um den Gebrauch von Technologie, Bildschirmzeit von Kindern sowie um Pestizide. Der Bericht soll am 22. Mai auf einem Event veröffentlicht werden, liegt aber dem Wall Street Journal, das darüber berichtete, bereits vor.

Kontroverse um Glyphosat – US-Minister als Pestizid-Feind

Was den Bericht für Bayer so pikant macht: Angeblich soll Kennedy sich darin auch auf Glyphosat konzentrieren, einen wichtigen Bestandteil im Unkrautbekämpfungsmittel Roundup. Dieses – hergestellt von Bayer – gilt als am weitesten verbreiteter „Weedkiller“ der Welt. Glyphosat wird international kontrovers behandelt, ist in der Europäischen Union (EU) allerdings erlaubt.

Ein Landwirt fährt mit seinem Traktor über ein Feld und düngt. (Symbolfoto). Der Chemie-Riese Bayer kämpft wegen Glyphosat mit Hunderten Klagen. Jetzt sitzt ein Glyphosat-Gegner im Weißen Haus. Steht ein Verbot bevor?

„Das HHS (Ministerium für Gesundheitspflege und Soziale Dienste in den USA), EPA (Environmental Protection Agency), die USDA (das US-Landwirtschaftsministerium) und andere föderale Partner arbeiten eng zusammen, damit der endgültige Bericht den Goldstandard der Wissenschaft und praktische Überlegungen darstellt, wie Amerika wieder gesund werden kann“, zitierte das WSJ einen Sprecher des Gesundheitsministeriums.

Kommt das Glyphosat-Verbot in den USA? – Trump will USA „wieder gesund“ machen

Was heißt das für Glyphosat, und damit auch für Bayer? Von einem Verbot ist bislang nicht die Rede, allerdings ist die Haltung des Gesundheitsministers Kennedy zu Glyphosat lange bekannt. „Diese Chemikalien verunreinigen unsere Körper, genauso wie sie die Erde verunreinigen“, zitierte ihn die New York Times im Februar. Vor mehreren Jahren hatte Kennedy eine Schlüsselrolle in einem Gerichtsprozess gespielt, an dessen Ende Monsanto einem krebskranken Hausmeister viele Millionen Dollar in Schadensersatz zahlen musste. Jetzt sitzt Kennedy an einer der Schaltzentralen des Weißen Hauses.

Neben seinem Amt als Gesundheitsminister gehört Kennedy zu einer eigens eingerichteten Kommission, die US-Präsident Donald Trump „Make America Healthy Again“ taufte. Diese soll untersuchen, welche Rolle Pestizide, Mikroplastik und auch Impfungen bei chronischen Erkrankungen spielen. „Präsident Trump hat geschworen, dass er für die höchste Lebensqualität sorgen will, die sichersten und reichsten und gesündesten Gemeinschaften der Welt aufbauen will“, hieß es dazu vom Weißen Haus.

Vonseiten der Landwirte kamen bereits erste Sorgen, dass die Regierung Glyphosat als ungesund einstufen und verbieten könnte. Kenneth Hartman Jr., Präsident der National Corn Growers Association, geht davon aus, dass der MAHA-Bericht die wissenschaftlichen Erkenntnisse und Tests rund um Pestizide ignorieren und Zweifel über den sicheren Einsatz dieser Technologien säen werde.

300 Millionen Pfund Glyphosat – ist die Nahrungsmittelversorgung ohne das Herbizid in Gefahr?

Für die Landwirte in den USA wäre ein Verbot fatal: Mehr als 90 Prozent der Sojabohnen-, Mais- und Baumwollpflanzen, die in den USA angepflanzt werden, sind genetisch modifiziert, um auf Glyphosat basierenden Pestiziden zu widerstehen. Jedes Jahr verteilen die Landwirte mehr als 300 Millionen Pfund auf ihren Feldern. So zeigen es jedenfalls Daten der US Geological Survey. Trumps genauer Standpunkt ist hier nicht so ganz klar, allerdings sprach auch er im Wahlkampf davon, dass sich viele Amerikaner Sorgen über „Pestiziden in unserem Essen“ machen.

Offizielle des Weißen Hauses haben bereits gegengesteuert, kaum dass Kennedys neuer Vorstoß bekannt wurde. Laut dem WSJ besteht auch hier ernsthafte Sorge darüber, dass die Anstrengungen des Gesundheitsministers am Ende zu Unterbrechungen der globalen Versorgungskette für Nahrungsmittel führen könnten. „Ohne solche Pflanzenschutzmittel würden bis zu 40 Prozent der Ernten verloren gehen“, teilte ein Sprecher des Bayer-Konzerns auf Anfrage durch IPPEN.MEDIA mit.

„In der Landwirtschaft wird es hauptsächlich eingesetzt, um Felder vor der Aussaat von unerwünschtem Pflanzenbewuchs zu befreien. Nicht nur im Boden baut es sich schnell ab. Auch bei Mensch und Tier werden Rückstände von Glyphosat in kurzer Zeit aus dem Magen-Darm-Trakt absorbiert und mit dem Urin vollständig ausgeschieden“, erklärte der Sprecher außerdem. Das Herbizid nehme nur auf einen Stoffwechselweg Einfluss, der zwar in Pflanzen und Mikroorganismen vorkomme, nicht aber im Menschen.

Glyphosat-Klagewelle in den USA – Krebs durch Pflanzenschutz?

Aber auch ohne ein Verbot hat der Agrarkonzern Bayer wegen Glyphosat Ärger in den USA. 2018, mit der Übernahme des Glyphosat-Entwicklers Monsanto, hatte sich Bayer eine Klagewelle eingekauft, weil eine gewaltige Menge von Kunden das Unternehmen wegen angeblich krebserregender Wirkung des Pflanzenschutzmittels verklagt hatte. Privatkunden können „Roundup“ schon nicht mehr kaufen; das Geschäft mit der Landwirtschaft floriert dagegen.

Anfang April hatte Bayer sich erst an den Obersten Gerichtshof in den USA gewandt. Widersprüchliche Urteile von Bundesberufungsgerichten zu angeblichen Krebsschäden durch Glyphosat hätten eine Überprüfung durch das Oberste Gericht notwendig gemacht, erklärte der Konzern dazu. Es sei im Kern darum gegangen, ob Klagen wegen fehlender Krebs-Warnhinweise auf Herbizid-Verpackungen durch US-Bundesrecht ausgeschlossen sein könnten.

Ob Glyphosat tatsächlich krebserregend ist, ist international nicht zu 100 Prozent geklärt. Sowohl die US-Umweltbehörde EPA als auch die Aufsichtsbehörden in der EU und Deutschland gelangten zu dem Schluss, dass von dem Herbizid keine Krebsgefahr ausgeht. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), die zur Weltgesundheitsorganisation WHO gehört, ist anderer Ansicht.

Preisdruck aus Asien – Bayer restrukturiert Produktion beim Pflanzenschutz

Zuletzt hatte Bayer angekündigt, sein Pflanzenschutz-Geschäft neu aufstellen zu wollen. Dazu sollte der Standort in Frankfurt geschlossen werden. Wegen Kostendrucks aus Asien will der Dax-Konzern seine Agrarsparte künftig stärker auf „innovative“ Technologien und Produkte ausrichten. Das soll im Preiskampf mit Herstellern von Nachahmerprodukten einen Vorteil einbringen.

Bis Ende 2028 will Bayer den Standort in Frankfurt mit 500 Beschäftigten aufgeben. Forschung und Entwicklung würden dann in Monheim am Rhein gebündelt. Auch die Produktion am Standort Dormagen soll verschlankt werden – es entfallen noch einmal 200 Stellen.

„Insbesondere asiatische Hersteller von Pflanzenschutzmittel-Generika haben in den vergangenen Jahren große Überkapazitäten aufgebaut und drängen mit bleibenden Niedrigstpreisen in den Markt, die teilweise unter den Herstellungskosten von Pflanzenschutzmitteln in Europa liegen“, erklärte der Konzern.

Rubriklistenbild: © IMAGO / Sven Simon

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