Pflanzenschutzmittel

Gefahr durch Pestizide vergleichbar mit Rauchen

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Pestizide tragen möglicherweise zur Bildung vieler Krebsarten bei, wie eine große Untersuchung von Forschenden aus den USA ergab.

Frankfurt – Dass Pestizide die Gesundheit schädigen können, ist nichts Neues. Das trifft nicht nur auf akute Vergiftungen zu, an denen laut Heinrich-Böll-Stiftung jedes Jahr weltweit rund 385 Millionen Menschen erkranken, sondern auch auf die langfristigen Folgen eines regelmäßigen Kontakts mit den Substanzen. Nachgewiesen ist etwa ein Zusammenhang mit Morbus Parkinson, der mittlerweile sogar als Berufskrankheit anerkannt wurde, wenn jemand bei der Arbeit häufig mit diesen Pflanzenschutzmitteln tun hatte. Auch Leukämien im Kindesalter durch Pestizide sind belegt, daneben werden sie mit Allergien, Asthma, Typ-2-Diabetes sowie negativen Einflüssen auf das Immunsystem und die Hormondrüsen in Verbindung gebracht.

Pestizide stehen auch seit langem in Verdacht, das Krebsrisiko – nicht nur für Leukämien bei Kindern – zu erhöhen. Doch um welche Größenordnung es dabei geht und um welche Tumorarten, ließ sich bislang nur schwer benennen. Forschende mehrerer US-amerikanischer Universitäten haben den Zusammenhang von Pestiziden und Krebs nun in einer bevölkerungsweiten Studie in den Vereinigten Staaten untersucht. In ihrer Arbeit berücksichtigten sie nicht nur Landwirtinnen und Landwirte, die Pestizide zum Pflanzenschutz verwenden, sondern schauten sich auch umliegende Gemeinden an.

In der Landwirtschaft werden Pestizide gegen Unkraut und Insekten eingesetzt. Erika Arndt/Imagebroker

Krebsrisiko durch Pestizide ist hoch

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass das Krebsrisiko durch Pestizide mit dem durch das Rauchen zu vergleichen ist – und zwar nicht allein für Menschen, die diese Substanzen aktiv nutzen, sondern auch für Menschen, die in einer Gegend leben, wo Pestizide in starkem Umfang eingesetzt werden. Rauchen gilt als einer der größten Risikofaktoren für Krebs überhaupt. Die Ergebnisse wurden im Fachmagazin Frontiers in Cancer Control and Society veröffentlicht.

„In unserer Studie haben wir festgestellt, dass die Auswirkungen des Einsatzes von Pestiziden in der Landwirtschaft bei einigen Krebsarten in ihrer Größenordnung mit den Auswirkungen des Rauchens vergleichbar sind“, erklärt Leitautor Isain Zapta, Medizinprofessor an der Rocky Vista University in Colorado, in einem begleitenden Artikel im Fachmagazin „Frontiers“. Den stärksten Zusammenhang gibt es demnach mit Non-Hodgkin-Lymphom, Leukämie bei Kindern und Erwachsenen sowie Blasenkrebs. Die Studie zeigt daneben auch eine erhöhte Inzidenz für Dickdarm-, Lungen- und Bauchspeicheldrüsenkrebs „sowie für alle Krebsarten zusammen“.

Kombination mehrerer Pestizide ist der Hauptübeltäter

Insbesondere für Glyphosat, das wohl bekannteste Pestizid, war in früheren Studien bereits ein Zusammenhang mit verschiedenen Tumorarten vermutet worden, darunter vor allem Bauchspeicheldrüsenkrebs, aber auch Blasenkrebs, Schilddrüsen-, Leber- und Nierenkrebs sowie myeloische Leukämie.

Was die Ergebnisse der aktuellen Studie betrifft, so gehen die Forschenden aber nicht davon aus, dass ein einzelnes Pestizid der Hauptübeltäter ist. Vielmehr sehen sie es als wahrscheinlich an, dass die Kombination mehrerer dieser Stoffe verantwortlich für das erhöhte Krebsrisiko ist. Der Grund für diese Annahme: In der realen Welt seien die Menschen meist nicht nur einem einzelnen Pestizid ausgesetzt, sondern einem „Chemikaliencocktail, der spezifisch für die Landnutzung und die in einer Region angebauten Nutzpflanzen“ sei.

69 Pestizide wurden für die Studie untersucht

In ihre Untersuchung schlossen die Forschenden deshalb 69 Pestizide ein. Die Daten für die Studie stammen aus dem „United States Geological Survey“. Wie die Autorinnen und Autoren schreiben, sei ihre Studie die erste groß angelegte, die das Gesamtbild untersuche und die den Pestizideinsatz zudem in Bezug setze mit dem Rauchen als einem gut erforschten und nicht in Frage gestellten eindeutigen Risikofaktor für Krebs.

Pestizide

Der Begriff Pestizide (lateinisch pesitis: Seuche und caedere: töten) bezeichnet chemisch synthetisierte Pflanzenschutzmittel, die unerwünschte Organismen – „Schädlinge“ – beseitigen sollen. Dazu gehören Unkraut, Insekten, Pilze, Krankheiterreger und -überträger. Je nachdem, ob Pestizide vornehmlich gegen Unkraut, Insekten oder Pilze wirken, spricht man auch von Herbiziden, Insektiziden oder Fungiziden.

Eingesetzt werden Pestizide vor allem in der Land- und Forstwirtschaft (in Ausnahmefällen auch, um das Reifen von Getreide zu beschleunigen). Auch auf öffentlichen Grünanlagen und Sportplätzen werden häufig Pestizide verwendet. Für die Nutzung im Garten werden Pflanzenschutzmittel mit insektiziden Wirkstoffen verkauft.

Nicht nur der Gesundheit können Pestizide schaden, sondern sich auch negativ auf Ökosysteme und Artenvielfalt auswirken. pam

Dass die Gefahr durch Pestizide sich in einer ähnlichen Größenordnung bewegt, habe das Forschungsteam überrascht, sagt Isain Zapata. Das individuelle Risiko für die Bevölkerung sei dabei unterschiedlich. In Regionen, wo mehr Nutzpflanzen angebaut werden, wie etwa im Mittleren Westen der USA mit seinen vielen Maisfeldern, seien die Zusammenhänge zwischen Pestiziden und Krebserkrankungen deutlicher als in anderen.

Forschungsteam spricht sich nicht grundsätzlich gegen Pestizide aus

Für Studienautor Isain Zapata hatte das Forschungsprojekt auch eine ganz persönliche Folge. Der Artikel in „Frontiers“ zitiert ihn mit der Aussage: „Jedes Mal, wenn ich in den Supermarkt gehe, um Lebensmittel zu kaufen, denke ich an einen Bauern, der an der Herstellung dieses Produkts beteiligt war. Diese Menschen gehen für meine Bequemlichkeit oft Risiken ein, und das spielt eine Rolle bei meiner Wertschätzung für dieses Produkt.“

Das Forschungsteam spricht sich in seiner Studie nicht grundsätzlich gegen den Einsatz von Pestiziden aus und äußert auch viel Verständnis für die Landwirtinnen und Landwerte, die diese Pflanzenschutzmittel einsetzen. Diese verbesserten „nachweislich die Ernteerträge und die Ernährungssicherheit“. Biobauernhöfe erzielten „oft nur 15 bis 50 Prozent“ der Erträge von konventionellen Betrieben, heißt es. Gleichwohl mahnen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als Konsequenz ihrer Studienergebnisse „eine ganzheitliche Bewertung der Risiken der Anwendung von Pestiziden“ an. Insbesondere die Gesundheitsbehörden müssten die „Sicherheit dieser Chemikalien mit mehr Skepsis betrachten“. (pam)

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