Ukraine-Krieg: Deutschland drohen finanzielle Folgen bei EU-Zugriff auf russische Gelder
VonMarcus Giebel
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Die EU arbeitet daran, blockierte russische Staatsreserven für die Ukraine verfügbar zu machen. Fachleute rechnen mit kostspieligen Auswirkungen.
Update, 18. Dezember, 11.22 Uhr: Noch bevor eine Entscheidung zur Nutzung von Putins Geldern fällt, äußert sich die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. „Ich sage Ja, wenn die Rechtsgrundlage solide ist“, so Meloni. Das sage sie nicht etwa aus Sympathie gegenüber Russland, das Gegenteil sei der Fall: „Wäre die Rechtsgrundlage für diese Initiative nicht solide, würden wir Russland den ersten wirklichen Sieg seit Beginn dieses Konflikts schenken.“
Update, 18. Dezember, 08.54 Uhr: Am heutigen Donnerstag soll beim EU-Gipfel eine Entscheidung fallen, ob die EU russisches Vermögen für die Ukraine nutzen wird. Kanzler Friedrich Merz hofft auf eine noch ausstehende Zustimmung aus Belgien. Belgiens Regierungschef Bart De Wever hat vor dem EU-Gipfel seine Forderung nach mehr Rückendeckung für die mögliche Nutzung in Belgien eingefrorener russischer Vermögenswerte für die Ukraine bekräftigt. Sein Land könne „das Risiko und die Verantwortung nicht alleine tragen“, sagte De Wever am Donnerstagmorgen im belgischen Parlament. Die EU-Staats- und Regierungschefs wollen bei ihrem Gipfel in Brüssel eine Lösung aushandeln.
Laut dem Spiegel schätzte ein EU-Vertreter, der am Abstimmungsprozess im Vorfeld beteiligt ist, die Chancen auf 60:40, dass das Darlehenspaket für Kiew abgenickt wird. Widerstand gibt es etwa aus Ungarn und der Slowakei. Und auch aus Belgien, dessen Ministerpräsident Bart De Wever bislang starken Widerstand leistet. Denn der in Brüssel ansässige Finanzdienstleister Euroclear hütet einen Großteil der in der EU gelagerten Reserven der russischen Zentralbank.
Nicht nur Folgen für Russlands Wirtschaft: EU entscheidet über russisches Staatsvermögen: Anwalt erwartet „massive Konsequenzen“
Von dieser wird die Clearinggesellschaft beim Moskauer Stadtschiedsgericht aktuell verklagt. Den Schritt erklärte die Zentralbank in einer Mitteilung vom 12. Dezember mit „rechtswidrigen Aktivitäten“ zu ihrem Schaden und der „Tatsache, dass die Europäische Kommission offiziell Vorschläge zur direkten oder indirekten Nutzung von Vermögenswerten der Zentralbank Russlands ohne deren Genehmigung prüft“. Wie die staatliche russische Nachrichtenagentur Tass unter Berufung auf Angaben des Gerichts berichtet, steht ein Schadenersatz von umgerechnet mehr als 192 Milliarden Euro im Raum.
Zuvor hatte die EU beschlossen, die russischen Gelder dauerhaft einzufrieren. Dazu griff sie zu Artikel 122 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union. Dieser legt fest, dass einem Mitgliedstaat unter bestimmten Bedingungen ein finanzieller Beistand der Union gewährt werden kann, wenn dieser quasi unverschuldet in Schwierigkeiten geraten ist. Bei einer Abstimmung genügt bereits eine qualifizierte Mehrheit, womit eine Nein-Stimme aus Ungarn verkraftbar wäre.
In der Welt warnt jedoch der Anwalt Gabriel Lansky, dass „den diversen Entscheidungsträgern massive Konsequenzen“ drohen könnten. Denn es sei zu erwarten, dass Russland sehr genau prüfe, „inwieweit diese wackelige Konstruktion des neuen EU-Rechts vor dem zuständigen belgischen Zivilgericht halten kann“. Der Jurist vertritt mehrere russische Oligarchen in ihren Klagen gegen EU-Sanktionen.
Folgen der EU-Pläne mit russischem Geld: Droht Europa eine Kapitalflucht?
Kritisch sieht das Vorgehen etwa Jörn Axel Kämmerer. „Es ist eine Sache, die Zentralbankgelder einzufrieren und damit Druck auf Russland auszuüben, von seinem Krieg abzulassen“, wird der Experte für Öffentliches Recht, Völker- und Europarecht von der Bucerius Law School Hamburg im Handelsblatt zitiert: „Den Vermögensstamm zu verwerten, dafür gibt es keine tragenden Rechtfertigungsgründe.“ Die russischen Gelder würden „der staatlichen Immunität“ unterliegen.
Dem Artikel zufolge würde der EU-Plan auch Ängste um die Finanzstabilität wecken und Sorgen vor einer Kapitalflucht aus Europa schüren. Euroclear warnte demnach die EU, das Vorgehen käme einer Konfiszierung von Vermögen gleich, wodurch das Vertrauen in das europäische Finanzsystem erschüttert werden könnte. Internationale Investoren könnten daher höhere Risikoprämien für europäische Staatsanleihen fordern, was die EU-Staaten teuer zu stehen kommen würde.
Erwähnt wird auch ein Frankfurter Banker. Dieser gab zu bedenken, dass sich Schuldner aus nicht mit der EU verbündeten Ländern dazu entschließen könnten, ihr Kapital aus Europa abzuziehen und in anderen Weltregionen anzulegen.
Wandel in Europa: Die Geschichte der EU in Bildern
Wie reagiert Russlands Wirtschaft auf EU-Plan zu Putin-Reserven? Unternehmen sind laut Experte nun Geiseln
Folgen könnte die Nutzung der russischen Gelder durch die EU auch für westliche Unternehmen haben, die trotz des Ukraine-Kriegs weiterhin in Russland tätig sind oder dort umfangreich investiert haben. Laut dem Welt-Bericht erwartet Vasily Astrov, Russland-Experte des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW), dass Moskau als Reaktion zunächst auf die sogenannten Typ-C-Konten zugreifen könnte.
Diese wurden als Reaktion auf die westlichen Sanktionen eingerichtet, um die von Ausländern im Land erwirtschafteten Erträge und Dividenden zu parken. So sollte der Kapitalabfluss aus dem Reich von Kreml-Chef Wladimir Putin gestoppt werden.
Zudem würden Befürchtungen umgehen, dass Russland nach Fabriken oder ganzen Unternehmen greife. Für Astrov werden die westlichen Unternehmen in Russland im Grunde zu Geiseln: „Es entsteht der Eindruck, dass die Entscheidungsträger in Brüssel bereit sind, die Interessen europäischer Unternehmen zu opfern.“
Russlands Wirtschaft bangt um Gelder – Warnung vor EU-Plänen: „Steuerzahler werden zweimal zahlen“
Matthias Schepp kommt zu dem Schluss, dass eine Umsetzung des EU-Plans vor allem für Deutschland teure Folgen hätte. „Deutschland hat wie kein anderes Land in Russland investiert. Es hat deshalb bei der geplanten Nutzbarmachung russischer Zentralbankgelder für Waffenkäufe zugunsten der Ukraine am meisten zu verlieren“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer bereits vor Wochen der Deutschen Presse-Agentur (dpa).
Er schätzt das Vermögen auf über 100 Milliarden Euro, wobei der Wert deutscher Fabriken und Ladenketten hineinspiele. Aber auch Unternehmen in den Bereichen Energie, Pharma und Haushaltsgeräte, die Moskau unter Fremdverwaltung gestellt habe, seien betroffen. Ebenso von Russland eingefrorene Gelder. Es könne weder im Interesse Deutschlands noch seiner Steuerzahler sein, dass diese Summen in der Kreml-Kasse landen.
Laut Welt moniert Schepp zudem: „Die deutschen und alle europäischen Steuerzahler werden zweimal zahlen.“ Zunächst, weil sich Russland wegen der Causa Euroclear an europäischen Vermögenswerten im eigenen Land schadlos halten werde. Und dann noch einmal, weil das russische Vermögen bei Euroclear nur als Absicherung für das Reparationsdarlehen diene und Russland nach Ende des Ukraine-Kriegs kaum zu Reparationszahlungen gezwungen werden könne.
EU-Plan mit russischen Reserven: Kredit für Ukraine wird auch für Europa und Deutschland teuer
Auf Letzteres weist auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) hin: Da die EU Russland nicht enteignen darf, werde am Ende der Steuerzahler einspringen. Zudem würden für eine Summe von etwa 35 Milliarden Euro Rückstellungen im Haushalt fällig. Wegen des wohl hundertprozentigen Ausfallrisikos müsse der Betrag womöglich komplett als Ausgabe verbucht werden, wenn auch zeitlich gestreckt.
Wie der Spiegel aufzeigt, bleibt der EU im Grunde nur der Weg über einen zinslosen Kredit mithilfe des eingefrorenen Vermögens, soll die Ukraine finanziell unterstützt werden, um sich weiterhin gegen Russland verteidigen zu können. Denn die Alternativen, das Geld aus den eigenen Haushalten aufzubringen oder über eine gemeinschaftliche Verschuldung auf Basis von EU-Anleihen bereitzustellen, würde auf zu großen Widerstand treffen. Dass Brüssel damit auf eine teure Lösung für Europa und speziell Deutschland baut, wird aber schon vor der Abstimmung immer deutlicher. (Quellen: Spiegel, Russische Zentralbank, Tass, Welt, Handelsblatt, dpa, FAZ) (mg)