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Sanktionen sollen dem Kreml die Finanzmittel für den Ukraine-Krieg entziehen. Doch viele deutsche Firmen machen weiter Geschäfte in Russland und finanzieren die Invasion damit indirekt.
Moskau – Seit dem Beginn der russischen Invasion in der Ukraine sind fast 500 Tage vergangen, doch viele westliche Firmen sind weiterhin in Russland aktiv. Die Konzerne machen damit nicht nur dicke Gewinne, sondern finanzieren durch ihre Steuerzahlungen an den Kreml indirekt auch den Ukraine-Krieg mit. Deutschland zahlt nach den USA die meisten Gewinnsteuern an Moskau, wie eine Untersuchung der Kyiv School of Economics (KSE) und der Nichtregierungsorganisation B4Ukraine vom Juni ergab.
Deutsche Firmen zahlen nach den US-Konzernen die meisten Gewinnsteuern an den Kreml
Zu Beginn des Krieges machten 1.387 westliche Unternehmen Geschäfte mit Russland, über ein Jahr später haben sich laut der KSE-Studie nur 241 von ihnen - rund 17 Prozent - vollständig aus Russland zurückgezogen. Die Geschäfte der im Land verbliebenen Firmen sind nicht sanktioniert und damit legal, spülen aber dennoch Geld in die Kassen des Kreml. Unterm Strich waren Unternehmen mit Hauptsitz in G7-Staaten oder der EU die größten Geldgeber an Moskau, was im starken Kontrast zur Sanktionspolitik dieser Länder steht.
Allen voran zahlten US-Konzerne die meisten Gewinnsteuern an Russland, dicht gefolgt von deutschen Firmen, die allein im Jahr 2022 402 Millionen US-Dollar (etwa 368 Millionen Euro) an das Finanzministerium in Moskau abdrückten. Dazu kamen weitere Geldflüsse, etwa Mehrwertsteuer oder Sozialversicherungsbeiträge.
| Land | An Russland gezahlte Gewinnsteuer | In Russland verbleibende Firmen |
| USA | 712 Millionen US-Dollar | 44 Prozent |
| Deutschland | 402 Millionen US-Dollar | 69 Prozent |
| Schweiz | 275 Millionen US-Dollar | 53 Prozent |
| Japan | 205 Millionen US-Dollar | 65 Prozent |
| Großbritannien | 205 Millionen US-Dollar | 36 Prozent |
| China | 184 Millionen US-Dollar | 95 Prozent |
| Frankreich | 118 Millionen US-Dollar | 64 Prozent |
| Niederlande | 110 Millionen US-Dollar | 54 Prozent |
| Südkorea | 99 Millionen US-Dollar | 84 Prozent |
| Schweden | 90 Millionen US-Dollar | 32 Prozent |
Diese deutschen Konzerne machen weiterhin Geschäfte mit Russland
Fast 70 Prozent der deutschen Firmen sind auch nach Beginn des Ukraine-Kriegs weiterhin in Russland tätig, insgesamt sind es laut der Untersuchung von KSE und B4Ukraine noch 262 von einst 371. Der deutsche Großhandelskonzern Metro findet sich sogar unter den zehn Firmen mit den meisten Einnahmen in Russland. Mit 3.405 Millionen US-Dollar Gewinn lag das börsennotierte Unternehmen vor dem Lebensmittelunternehmen Danone und dem Autobauer Hyundai.
Den höchsten Umsatz in Russland generierten laut der KSE-Untersuchung der Energiekonzern Uniper, der Pharmakonzern Bayer, die Trockenbaufirma Knauf Gips, Hochland, Liebherr, Claas sowie Robert Bosch. Laut der am 23. Juni aktualisierten Liste der Yale Universität sind auch der Modekonzern Gerry Weber, Fresenius, Globus, Trumpf, Storck und Zentis weiterhin in Russland tätig und planen offenbar nicht, ihre Tochtergesellschaften zeitnah aus Russland abzuziehen. Metro, Ehrmann, Hochland, Knauf und Heidelberger Zement haben ihr Geschäft mit Moskau laut KSE im vergangenen Jahr sogar noch ausgeweitet. Andere Unternehmen wie etwa Uniper und BASF haben dagegen ihren Rückzug angekündigt.
Wie Russland versucht, die Abwanderung westlicher Firmen zu erschweren
Viele Betriebe seien „vertraglich gebunden und können nicht von heute auf morgen den Markt verlassen“, erklärte der Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, Michael Harms, der FAZ. Ein kürzlich durchgestochener Gesetzesentwurf des Kreml sieht vor, dass Russland künftig die Vermögenswerte „böser“ westlicher Unternehmen noch einfacher beschlagnahmen kann. Damit könnte Moskau westliche Firmen zu Schleuderpreisen erwerben und würde die Abwanderung der Konzerne erschweren.
„Man kann nicht einfach plötzlich die Produktion einstellen, und wenn man das Land verlässt, hat Russland angedeutet, dass es die Firma und die Einrichtungen dort konfiszieren wird. Es ist wirklich nicht einfach, den Betrieb einzustellen“, beschrieb Peter Gabrielsson, Professor für internationales Marketing an der Universität Vaasa in Finnland, im Gespräch mit Euronews das Dilemma vieler westlicher Firmen.
Unternehmen wie etwa der Pharmakonzern Bayer begründen ihren Verbleib in Russland mit „einer ethischen Verpflichtung – in jedem Land, in dem wir tätig sind“. Auch andere Firmen sprechen davon, dass sie die russische Bevölkerung mit „lebenswichtigen“ Gütern versorgen. „Angesichts der Tatsache, dass diese Firmen auch Produktlinien haben, die eindeutig nicht in diese Kategorie fallen, muss dieser Einwand sehr viel genauer geprüft werden“, kritisieren indes die Studienautoren der Nichtregierungsorganisation B4Ukraine.