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36 deutsche Regionen droht Jobverlust durch das EU-Verbrenner-Aus 2035. Die Politik fordert Kurskorrektur bei IAA München. Von der Leyen noch ohne Reaktion.
München – Das geplante EU-Verbot für Verbrennungsmotoren ab 2035 stellt die deutsche Automobilindustrie vor massive Herausforderungen. Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt erstmals konkret auf, welche Regionen besonders hart getroffen werden könnten.
Laut der IW-Studie sind bundesweit 36 Regionen identifiziert worden, die besonders stark vom Wandel betroffen sind. In diesen Gebieten konzentriert sich die Wirtschaft bislang besonders auf den konventionellen Motor. Spitzenreiter ist Salzgitter, wo 14 Prozent aller Jobs am Verbrenner hängen. Im Saarpfalz-Kreis sind es knapp neun Prozent. Bundesweit arbeiten insgesamt rund 3,2 Millionen Menschen in der Automobil- oder Zulieferindustrie. Seit 2021 ist die Beschäftigung rund um den Verbrenner bereits um rund elf Prozent zurückgegangen – Tendenz sinkend.
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Wankelmotor Deutsche Automobilindustrie: Unterschiedliche Ausgangspositionen der Regionen
Nicht alle Regionen sind gleichermaßen bedroht. Manche Regionen wie Heilbronn profitieren von ihrer guten Lage und Anbindung an Universitäten und innovative Unternehmen. In anderen Städten wie Kassel hat die Industrie begonnen, sich an neue Technologien wie Automatisierung oder Elektrifizierung anzupassen. Und für Gemeinden wie Stuttgart oder Ingolstadt gilt sogar beides. Übrig bleiben 19 Regionen, die vor großen Herausforderungen stehen. Zu ihnen zählen Landkreise wie das niedersächsische Northeim und Altenkirchen im Westerwald oder die Stadt Speyer.
Bei der IAA-Eröffnung in München am Dienstag, 9. September, formierte sich deutlicher Widerstand gegen das EU-Verbrenner-Verbot. Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte: „Einseitige politische Festlegungen auf bestimmte Technologien sind nicht nur für diese Branche grundsätzlich der falsche wirtschaftspolitische Weg.“ Ziel sei, „durch Technologieoffenheit Wettbewerbsfähigkeit und effektiven Klimaschutz“ miteinander zu verbinden. Noch deutlicher wurde Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, der im Rahmen der IAA-Eröffnung erklärte: „Dieses Verbrennerverbot ist falsch“ und eine Aufhebung forderte. „Ohne Auto wird der Rest nicht funktionieren“, argumentierte der CSU-Chef.
EU-Kommission könnte Verbrenner-Aus 2026 prüfen
Die Kritik an den EU-Klimazielen erreicht auch Brüssel. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte laut Auto Motor und Sport bereits 2024 angedeutet, dass eine Überprüfung des Verbrenner-Verbots im Rahmen der für 2026 anstehenden Bestandsaufnahme möglich sei. Zusätzlichen Druck erzeugt ein aktueller Brief der europäischen Autolobby an von der Leyen, in dem die Pläne zur Abkehr von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor bis Mitte der 2030er Jahre überdacht werden sollen. Die EU-Kommission hat bislang jedoch noch keine offizielle Reaktion auf die jüngsten deutschen Forderungen von der IAA veröffentlicht.
Massive Jobverluste in der Autobranche befürchtet – Industrie fordert Realitätscheck
Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Autoindustrie (VDA), forderte einen Realitätscheck und eine Kurskorrektur in der EU-Klimapolitik. Die Verbraucher seien noch nicht in ausreichendem Maße bereit, auf Elektromobilität umzusteigen, sagte Müller. „Wer ohne Realitätsbezug an Zielen festhalte und nicht sehe, dass auf der Welt verschiedene technologische Optionen zum Gelingen der Verkehrswende beitragen, der gefährde nicht nur Wachstum, Wohlstand und Arbeitsplätze, sondern auch das Ziel der Klimaneutralität“, so die VDA-Präsidentin.
Die Sorgen der Branche sind berechtigt: Eine aktuelle Studie von IW Consult im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums sieht bis Ende 2030 den Verlust von rund 90.000 Jobs in der Branche als möglich an. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche kritisierte: „Es ist für mich ein Unding, dass Plug-In-Hybrid, dass Range Extender in nicht einmal mehr zehn Jahren in Europa verboten sein sollen. Überall in der Welt ist diese Technik gefragt und wir verbieten sie.“
Transformation der Auto-Branche: Unternehmen investieren in den Wandel
Trotz der düsteren Prognosen sieht das IW auch Chancen. „Die deutsche Autoindustrie steckt in einem fundamentalen Veränderungsprozess, dabei gibt es auch Regionen, die unter großen Transformationsdruck geraten“, kommentierte Studienautor Hanno Kempermann die Ergebnisse. Beispiele wie die Region Kassel zeigten aber auch, dass die Unternehmen intensiv in den Wandel investieren. Dafür brauche es politischen Rückenwind: „Die Politik muss dafür sorgen, dass solche Investitionen am Wirtschaftsstandort Deutschland wieder attraktiver werden“, so Kempermann. (ls)
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