VonLisa Mayerhoferschließen
Der Beraterkreis von Wirtschaftsministerin Reiche fordert drastische Reformen bei der Rente und in der Wirtschaft. Sie haben am Montag die „Wachstumsagenda“ vorgestellt.
Berlin – Deutschland braucht der Meinung namhafter Ökonomen zufolge dringend Reformen: Der Beraterkreis des Bundeswirtschaftsministeriums fordert drastische Einschnitte im Sozialsystem und eine grundlegende Reform der Rentenpolitik, um die anhaltende Wachstumsschwäche Deutschlands zu überwinden. „Die deutsche Wirtschaft steckt in einer erheblichen Strukturkrise“, heißt es in der am Montag (6. Oktober 2025) in Berlin vorgestellten „Wachstumsagenda“ des wissenschaftlichen Gremiums unter Ministerin Katherina Reiche (CDU).
Der Beraterkreis von Reiche besteht aus namhaften Ökonomen wie der Wirtschaftsweisen Veronika Grimm sowie den Professoren Justus Haucap, Stefan Kolev und Volker Wieland.
Rente mit 70, geringere Erhöhungen: Reiches Berater fordern radikale Reformen
Besonders im Rentensystem sehen die Experten dringenden Handlungsbedarf. Sie fordern eine Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung, die Abschaffung der sogenannten „Rente ab 63“ sowie geringere Erhöhungen der Bestandsrenten. Reiches Berater nennen als Beispiel das Nachbarland Dänemark, wo das Renteneintrittsalter bis 2040 auf 70 Jahre ansteige. Auch bei Gesundheit und Pflege seien Einschnitte unumgänglich – etwa durch die Abschaffung der Pflegestufe 1 oder die verstärkte Abdeckung von Risiken durch private Zusatzversicherungen.
Die Wirtschaftsexpertin und das Gremiumsmitglied Veronika Grimm wirft der Politik vor, darauf ausgerichtet zu sein, „Menschen nicht weh zu tun“. Genau dies sei jedoch erforderlich, um die strukturellen Probleme vor allem bei der Rente zu lösen. Nach Ansicht der Experten nutzt die Regierung den finanziellen Spielraum derzeit, „um Löcher im Haushalt zu stopfen“, statt in die Zukunft zu investieren.
Deutsche Wirtschaft: Einzelne Unternehmen seien „nicht unverzichtbar“
Deutschland habe seit dem letzten Vor-Corona-Jahr 2019 kaum Wachstum verzeichnet – anders als die USA, andere europäische Staaten oder wichtige Schwellenländer. Die Berater kritisieren dabei besonders die „Konzentration auf etablierte Industrien“ wie große Automobilkonzerne. Gremiumsmitglied Justus Haucap bezeichnet es als Fehler, „einzelne Unternehmen als unverzichtbar zu identifizieren“.
Dem Beraterkreis zufolge steht einem wirtschaftlichen Wandel in Deutschland auch ein zu restriktives Arbeitsrecht entgegen. Experte Stefan Kolev betont, entscheidend sei nicht, ob bei VW oder Porsche Fachkräfte entlassen würden, sondern dass es Branchen gebe, „wo neue industrielle Arbeitsplätze entstehen“. Die Berater fordern eine Umschichtung von Investitionen und Arbeitskräften hin zu wachstumsstarken Unternehmen.
Auch die Spitzenrunden von Politik und Wirtschaft etwa für Stahl oder Automobilwirtschaft sehen die Experten kritisch. An diesen Runden nähmen vor allem „Privilegierte“ mit ähnlichen Interessen teil. „Runde Tische sind gefährliche Möbel“, warnt Kolev.
Experte warnt davor, den Menschen ein „Bullerbü“ zu versprechen
Die steigenden Sozialausgaben bei der Rente und Co. seien angesichts der Wachstumsschwäche und gleichzeitig wachsender Verteidigungskosten nicht mehr finanzierbar, erklärt Gremiumsmitglied Volker Wieland. Er warnt davor, den Menschen ein „Bullerbü“ zu versprechen, obwohl dies nicht realistisch sei. Auch Haucap betont, für mehr Wachstum reiche es nicht aus, „den Menschen ein bisschen Mut zu machen“.
Energiewende und Klimaschutz lehnen die Berater nicht grundsätzlich ab, fordern jedoch eine effizientere Ausgestaltung. Die beschlossenen Entlastungen für Unternehmen und Haushalte bei Netzentgelten würden Kosten lediglich verlagern, aber nicht beseitigen. Die „Wachstumsagenda“ wurde bereits an Ministerin Reiche übergeben. (lma mit AFP)
Rubriklistenbild: © Michael Kappeler/dpa

