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Rentenalter, Mütterrente und Rente ab 63 – tiefgreifenden neue Reiche-Pläne für Millionen Rentner

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Ein Expertenrat von Ministerin Reiche fordert deutliche Einschnitte bei der Rente. Die SPD läuft dagegen Sturm.

Berlin – Ein Expertenkreis um Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) drängt auf eine rasche Erhöhung des Renteneintrittsalters. In einem Impulspapier für evidenzbasierte Wirtschaftspolitik hat ein Beraterkreis Reiches unter der Woche eine „weitere Anhebung des Rentenalters“ gefordert, die „jetzt auf den Weg gebracht werden“ müsse. Den Beraterkreis hatte Reiche zur Unterstützung „entschlossener Reformen im Geiste der Sozialen Marktwirtschaft“ ins Leben gerufen.

Arbeiten bis 69, keine Rente ab 63, Stopp der Mütterrente. Die SPD läuft Sturm gegen die Pläne der Berater und Beraterinnen von CDU-Ministerin Reiche.

Die SPD sieht darin einen Affront. Doch Renten-Experten wie Bernd Raffelhüschen stimmte zuletzt zu: „Völlig richtig“. Er bezeichnete Reiches Vorstoß als „überfällig und generationengerecht“.

Die Experten, darunter die „Wirtschaftsweise“ Veronika Grimm, sehen in der demografischen Entwicklung eine ernste Bedrohung. Ohne durchgreifende Reformen drohe die Rentenversicherung zu einer „zunehmenden Belastung des Bundeshaushalts“ und zur „tickenden Zeitbombe für die Generationengerechtigkeit“ zu werden. Bei einem geplanten Rentenniveau von 48 Prozent prognostizieren sie zusätzliche Kosten von über 90 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt.

Neuer Renten-Impuls: Zwei-Drittel-Regel für längeres Leben

Die Ökonomen argumentieren, dass die steigende Lebenserwartung eine Anpassung des Renteneintrittsalters erforderlich mache, da sonst sowohl die Rentenbezugsdauer als auch die Jahre bei guter Gesundheit im Ruhestand kontinuierlich zunähmen. Ihr Vorschlag: Künftig sollen zwei Drittel der gewonnenen Lebenszeit der Erwerbsphase zugutekommen, ein Drittel dem Ruhestand. Nach den Berechnungen der Experten würde dies bedeuten: Ab 2031, wenn das gesetzliche Renteneintrittsalter von 67 Jahren vollständig umgesetzt ist, müsste es etwa alle zehn Jahre um ein halbes Jahr ansteigen. Die 69-Jahre-Grenze würde somit „erst Anfang der 2070er Jahre“ erreicht.

Renten-Meilensteine in Deutschland in Bildern – von Bismarck über Riester bis Müntefering

Otto von Bismarck brachte im Juni 1889 nach jahrelanger Debatte das „Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung“ durch den Reichstag.
Der Name Bismarck hallt bis heute nach. Auch weil Otto von Bismarck im Juni 1889 nach jahrelanger Debatte das „Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung“ durch den Reichstag brachte. Die Geburtsstunde der Rente in Deutschland. © Photo 12/www.imago-images.de
Der Holzstich zeigt Dreher, Gießer und Former in einer Porzellanfabrik um 1880.
Altersrente gab es damals aber erst ab dem vollendeten 70. Lebensjahr – die Lebenserwartung betrug damals nicht mal 50 Jahre. Der Holzstich zeigt Dreher, Gießer und Former in einer Porzellanfabrik um 1880. © imago stock&people/Imagebroker
Bismarcks politisches Kalkül war klar: Er wollte die Arbeiter besänftigen.
Bismarcks politisches Kalkül war klar: Er wollte die Arbeiter besänftigen. Rentenversichert waren zunächst Arbeiter und „kleine Angestellte“ mit Einkommen bis 2.000 Mark. Die Beiträge zahlten Arbeitgeber und -nehmer zu gleichen Teilen. © IMAGO/GRANGER Historical Picture Archive
Angestellte waren ab 1913 bei der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte angesiedelt.
Größere Reformen gab es Anfang des 20. Jahrhunderts. Angestellte waren ab 1913 bei der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte angesiedelt. Sie konnten schon ab 65 Jahren in Rente gehen – anders als Arbeiter. © imago stock&people/Arkivi
Das Bild zeigt verwundete deutsche Soldaten in Frankreich.
Vor dem Ersten Weltkrieg hatten die deutschen Rentenversicherungsanstalten Überschüsse, die sie etwa in Wohnungsbau steckten. Entlassungswellen und Hinterbliebenenrenten änderten das schnell. Das Bild zeigt verwundete deutsche Soldaten in Frankreich. © imageBROKER/GTW
Frauen im Ghetto Warschau bei erzwungener Näharbeit
Im NS-Regime werden Jüdinnen und Juden und andere verfolgte Gruppen aus der Rentenversicherung ausgeschlossen. Millionen von Zwangsarbeitern - im Foto: Frauen 1941 im Ghetto Dambrowa Gornicza bei erzwungener Näharbeit – bleiben ohne Rentenansprüche. Überschüsse der Kassen flossen in Kriegsanleihen. © Imago/Reinhard Schultz
Bundeskanzler Konrad Adenauer (r) gibt in Bonn seine Stimme für die Bundestagswahl 1957 ab
„Keine Experimente“ lautete Konrad Adenauers Slogan zur Bundestagswahl 1957. Bei der Rente wagte er aber eine Reform. Bis dato waren die Renten enorm gering, 50 DM war der Mindestsatz, der Durchschnitt nur unwesentlich höher. Nun änderte sich die Berechnung, Arbeiterrenten stiegen um etwa 60 Prozent. © DB/picture alliance/dpa
Willy Brandt im Jahr 1972.
Die nächste große Neuerung gab es unter Willy Brandt. Seit (dem Wahljahr) 1972 können auch Nicht-Pflichtversicherte in die Rentenversicherung einzahlen – etwa Selbstständige und Hausfrauen. Letzteres war ein Schritt zur Unabhängigkeit von den Ehemännern. Ab 1977 gab es dann auch einen „Versorgungsausgleich“ bei Scheidung. © Imago/Sven Simon
Norbert Blüm klebt Rentenplakat
„Die Rente ist sicher“: Auch mit diesem Satz blieb der mittlerweile verstorbene Arbeitsminister Norbert Blüm in Erinnerung. Auch Blüm kümmerte sich aber um die Lage der Rentnerinnen – er führte 1986 die „Mütterrente“ ein. Seither zählen Kindererziehungszeiten für die Rentenhöhe. © Peter Popp/picture-alliance/dpa
13 09 1985 Berlin Deutsche Demokratische Republik DDR Alte Frauen unterhalten sich
Die nächste große Herausforderung ist die Eingliederung der Bürger der ehemaligen DDR (hier ein Foto aus Ostberlin 1985) in die bundesdeutsche Rentenkasse. Die Deutsche Rentenversicherung preist rückblickend die Stärke des umlagefinanzierten Systems: „Die Rentenversicherung zahlte von einem Tag auf den anderen fast vier Millionen zusätzlicher Renten. Das wäre in einem kapitalgedeckten Rentensystem nicht vorstellbar gewesen.“ © imago stock&people/Franksorge
Kanzler Helmut Kohl (re.), Blüm und Finanzminister Theo Waigel
Die nächste Reform folgt dennoch – Kanzler Helmut Kohl (re.), Blüm und Finanzminister Theo Waigel (li.) müssen sparen, auch angesichts der alternden Bevölkerung. Ab 1992 steigen Altersgrenzen. Frauen und Arbeitslose (bislang bis 62 Jahren) und langjährige Versicherte (bis 63) müssen nun bis 65 arbeiten. Nur noch ein Jahr Kindererziehungszeit ist anrechenbar. © Michael Jung/dpa/picture-alliance
Koalitionsverhandlungen Riester Schröder
Auch Gerhard Schröders Rot-Grün hat ebenfalls Rentenpläne im Gepäck. Arbeitsminister Walter Riester leiht der „Riester-Rente“ seinen Namen – der Staat fördert auf ihrem Wege private Altersvorsorge. Das Modell gilt mittlerweile aber als Flop. Riester arbeitete später auch für Carsten Maschmeyers Finanzdienstleister AWD, dem die Reform gelegen gekommen sein dürfte. © picture-alliance / dpa | Hermann_J._Knippertz
Franz Münterfering und Angela Merkel 2007 im Bundestag.
Heikle Operation: SPD-Vizekanzler Franz Müntefering brachte 2007 die „Rente mit 67“ auf den Weg. Angela Merkels GroKo plante allerdings lange Übergangsfristen, noch bis 2031 dauert die Anhebung des Eintrittsalters an. Für Menschen, die 45 Jahre einzahlten, gab es eine Sonderregel. © Imago/Metodi Popow
Angela Merkel und Andrea Nahles 2017 bei einer Kabinettssitzung.
Müntefering war nicht mehr dabei als Merkels zweite GroKo 2017 das nächste „Rentenpaket“ schnürte. Arbeitsministerin war nun Andrea Nahles. Diesmal ging es um Erleichterungen. Langjährig Versicherte konnten nun ab 63 in Rente, die Mütterrente wurde ausgeweitet. 2018 kamen im „Rentenpakt“ (ohne drittes e) „Haltelinien“ für Beiträge und Rentenniveau hinzu. © Michael Kappeler/dpa/picture alliance
19 02 2017 Angleichung der Rente Rente Ostrente Westrente Ost West Altersruhegeld Angleichu
Fast 35 Jahre wird es gedauert haben – aber ab 2025 werden für die Rente in Ost- und Westdeutschland die gleichen Berechnungsgrößen gelten. Ein durchaus historischer Schritt. Beschlossen wurde er schon 2017. © imago stock&people/Steinach
Arbeitsminister Hubertus Heil – zuständig auch für die Rente – im Bundestag.
Die Evolution der Rente geht weiter: Seit 2021 gibt es die Grundrente als Zuschlag für Menschen, die unterdurchschnittlich verdient haben. Es wird nicht der Schlusspunkt sein: Angedacht – aber umstritten – ist die Aktienrente. Zugleich altert die deutsche Bevölkerung weiter, das Umlagesystem ist unter Druck. Ist die Rente sicher, auch über die Amtszeit von Hubertus Heil hinaus? Die Zukunft wird es zeigen. © Hannes P. Albert/dpa/picture-alliance

Als „konsequenteste Lösung“ schlagen die Berater und Beraterinnen eine automatische Verknüpfung des Renteneintrittsalters mit der ferneren Lebenserwartung vor. Dabei mahnen sie zur Eile: Warte die Politik bis zur nächsten Legislaturperiode, bleibe kaum Zeit für eine „faire und rechtzeitige Umsetzung“. Die aktuelle „Verzögerungstaktik“ lasse das Zeitfenster für eine „sozialverträgliche Anpassung zunehmend kleiner werden“.

Mütterrente und Rente ab 63? Reiches Beraterteam sagt „Nein“

Zusätzlich zur Rentenalter-Erhöhung fordern die Experten weitere „gezielte Anpassungen“: den Verzicht auf eine Ausweitung der Mütterrente, die Abschaffung der Rente ab 63 und eine künftige Anpassung der Bestandsrenten an die Preisentwicklung anstatt an die Löhne.

Ministerin Reiche zeigte sich dankbar für die Expertise: „Die Experten weisen zu Recht darauf hin, dass wir angesichts einer höheren Lebenserwartung länger arbeiten müssen.“ Innerhalb der Koalition stößt der Vorschlag jedoch auf Widerstand - die SPD lehnt eine Erhöhung des Renteneintrittsalters kategorisch ab.

Die SPD reagierte ablehnend. Für die Rente sei „weder ihr Ressort zuständig“ noch fänden sich ihre Forderungen nach einem höheren Rentenalter im Koalitionsvertrag wieder, sagte SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Klüssendorf lehnt ein höheres Rentenalter ab und fordert von Reiche Mäßigung. „Wir wollen in der Regierung konstruktiv mit unseren Partnern von CDU und CSU zusammenarbeiten. Beide Seiten haben kein Interesse an weiterem Streit. Es kann daher nicht sein, dass Frau Reiche schon wieder über die Medien die Rente mit 70 fordert.“ Der Abgeordnete und NRW-SPD-Chef Achim Post sagte: „Frau Reiche hat in ihrem Kerngeschäft mehr als genug zu tun. Umso verwunderlicher ist es, dass ihr Haus trotz vereinbarter Schritte, eingesetzter Kommissionen und festgelegter Zeitpläne in der Koalition die Zeit und Energie findet, Nebelkerzen in der Sozialstaatsdebatte zu werfen.“ Ihre Rentenvorschläge gingen an der Lebensrealität vieler Berufstätiger vorbei.

Renten-Papier von Reiche erhöht Druck auf Bas

Tatsächlich ist für den Bereich der Rente Arbeitsministerin Bärbel Bas von der SPD verantwortlich. Sie hatte zuletzt mehrfach betont, der für 2026 geplanten Expertenkommission nicht vorgreifen zu wollen. Reiche macht mit dem Papier ihrer Berater und Beraterinnen auch Druck auf Bas. Auch der Sozialverband Deutschland (SoVD) und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) lehnen die Pläne nach einem höheren Rentenalter ab. Klar aber ist: Es muss gehandelt werden. Und am besten zügig. (mke mit dpa/AFP/Reuters)

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