Rentenalter, Mütterrente und Rente ab 63 – tiefgreifenden neue Reiche-Pläne für Millionen Rentner
VonMaximilian Kettenbach
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Ein Expertenrat von Ministerin Reiche fordert deutliche Einschnitte bei der Rente. Die SPD läuft dagegen Sturm.
Berlin – Ein Expertenkreis um Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) drängt auf eine rasche Erhöhung des Renteneintrittsalters. In einem Impulspapier für evidenzbasierte Wirtschaftspolitik hat ein Beraterkreis Reiches unter der Woche eine „weitere Anhebung des Rentenalters“ gefordert, die „jetzt auf den Weg gebracht werden“ müsse. Den Beraterkreis hatte Reiche zur Unterstützung „entschlossener Reformen im Geiste der Sozialen Marktwirtschaft“ ins Leben gerufen.
Die Experten, darunter die „Wirtschaftsweise“ Veronika Grimm, sehen in der demografischen Entwicklung eine ernste Bedrohung. Ohne durchgreifende Reformen drohe die Rentenversicherung zu einer „zunehmenden Belastung des Bundeshaushalts“ und zur „tickenden Zeitbombe für die Generationengerechtigkeit“ zu werden. Bei einem geplanten Rentenniveau von 48 Prozent prognostizieren sie zusätzliche Kosten von über 90 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt.
Neuer Renten-Impuls: Zwei-Drittel-Regel für längeres Leben
Die Ökonomen argumentieren, dass die steigende Lebenserwartung eine Anpassung des Renteneintrittsalters erforderlich mache, da sonst sowohl die Rentenbezugsdauer als auch die Jahre bei guter Gesundheit im Ruhestand kontinuierlich zunähmen. Ihr Vorschlag: Künftig sollen zwei Drittel der gewonnenen Lebenszeit der Erwerbsphase zugutekommen, ein Drittel dem Ruhestand. Nach den Berechnungen der Experten würde dies bedeuten: Ab 2031, wenn das gesetzliche Renteneintrittsalter von 67 Jahren vollständig umgesetzt ist, müsste es etwa alle zehn Jahre um ein halbes Jahr ansteigen. Die 69-Jahre-Grenze würde somit „erst Anfang der 2070er Jahre“ erreicht.
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Als „konsequenteste Lösung“ schlagen die Berater und Beraterinnen eine automatische Verknüpfung des Renteneintrittsalters mit der ferneren Lebenserwartung vor. Dabei mahnen sie zur Eile: Warte die Politik bis zur nächsten Legislaturperiode, bleibe kaum Zeit für eine „faire und rechtzeitige Umsetzung“. Die aktuelle „Verzögerungstaktik“ lasse das Zeitfenster für eine „sozialverträgliche Anpassung zunehmend kleiner werden“.
Mütterrente und Rente ab 63? Reiches Beraterteam sagt „Nein“
Zusätzlich zur Rentenalter-Erhöhung fordern die Experten weitere „gezielte Anpassungen“: den Verzicht auf eine Ausweitung der Mütterrente, die Abschaffung der Rente ab 63 und eine künftige Anpassung der Bestandsrenten an die Preisentwicklung anstatt an die Löhne.
Ministerin Reiche zeigte sich dankbar für die Expertise: „Die Experten weisen zu Recht darauf hin, dass wir angesichts einer höheren Lebenserwartung länger arbeiten müssen.“ Innerhalb der Koalition stößt der Vorschlag jedoch auf Widerstand - die SPD lehnt eine Erhöhung des Renteneintrittsalters kategorisch ab.
Die SPD reagierte ablehnend. Für die Rente sei „weder ihr Ressort zuständig“ noch fänden sich ihre Forderungen nach einem höheren Rentenalter im Koalitionsvertrag wieder, sagte SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Klüssendorf lehnt ein höheres Rentenalter ab und fordert von Reiche Mäßigung. „Wir wollen in der Regierung konstruktiv mit unseren Partnern von CDU und CSU zusammenarbeiten. Beide Seiten haben kein Interesse an weiterem Streit. Es kann daher nicht sein, dass Frau Reiche schon wieder über die Medien die Rente mit 70 fordert.“ Der Abgeordnete und NRW-SPD-Chef Achim Post sagte: „Frau Reiche hat in ihrem Kerngeschäft mehr als genug zu tun. Umso verwunderlicher ist es, dass ihr Haus trotz vereinbarter Schritte, eingesetzter Kommissionen und festgelegter Zeitpläne in der Koalition die Zeit und Energie findet, Nebelkerzen in der Sozialstaatsdebatte zu werfen.“ Ihre Rentenvorschläge gingen an der Lebensrealität vieler Berufstätiger vorbei.
Renten-Papier von Reiche erhöht Druck auf Bas
Tatsächlich ist für den Bereich der Rente Arbeitsministerin Bärbel Bas von der SPD verantwortlich. Sie hatte zuletzt mehrfach betont, der für 2026 geplanten Expertenkommission nicht vorgreifen zu wollen. Reiche macht mit dem Papier ihrer Berater und Beraterinnen auch Druck auf Bas. Auch der Sozialverband Deutschland (SoVD) und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) lehnen die Pläne nach einem höheren Rentenalter ab. Klar aber ist: Es muss gehandelt werden. Und am besten zügig. (mke mit dpa/AFP/Reuters)