Weniger Arbeit, gleiches Gehalt

Praxistest: Hier ist die Viertagewoche bereits ein Erfolg

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Weniger Arbeit bei vollem Lohn – was macht das mit Motivation und Wohlbefinden der Beschäftigten? Ein Frankfurter Start-up probiert es aus, ein Handwerksbetrieb aus dem Odenwald sucht noch nach einem passenden Konzept.

Frankfurt – Ein Donnerstag im Frankfurter Bahnhofsviertel, Mittagszeit. Für das Team von Ekipa heißt das: Noch ein paar Stunden, dann ist Wochenende. Was anderswo noch heftig diskutiert wird oder schon wieder verworfen wurde, ist hier Realität: Das Start-up testet die Viertagewoche.

Und zwar simpel und radikal, wie Justin Gemeri sagt: „Wir streichen den Freitag, das Gehalt bleibt aber bei 100 Prozent.“ Der 29 Jahre alte Mitgründer und CEO führt durch die Büroräume des Start-ups. 30 Menschen arbeiten hier oder im Homeoffice für den „Open Innovation Incubator“, so die Selbstbezeichnung des jungen Unternehmens. Sie bringen Unternehmen mit Studierenden zusammen und schaffen so Verbindungen, aus denen – im besten Fall – etwas neues, innovatives entsteht.

Im Büro von Ekipa: Auch für den Chef, Justin Gemeri (stehend), beginnt jetzt schon donnerstags das Wochenende.

Hohe Decken, Topfpflanzen. Vor den Bildschirmen sitzen junge Menschen, niemand wirkt älter als 35. Im Nebenraum: die obligatorische Tischtennisplatte und ein Kasten Bier.

Die Atmosphäre im Büro wirkt locker, aber leicht gemacht haben sich Gemeri und sein Mitgründer die Entscheidung für die Viertagewoche nicht. „Seit vergangenem Sommer machen wir uns Gedanken über die Viertagewoche, den Start zum 1. Juli haben wir monatelang vorbereitet“, erzählt der 29-Jährige. Man habe viele Studien gelesen, verschiedene Szenarien durchgespielt. Getestet wird nun bis Ende September die radikalste Variante der Viertagewoche: weniger arbeiten bei vollem Gehalt. „Es ist unser größtes Experiment bisher“, sagt Gemeri.

Viertagewoche: Start-up testet Arbeitszeitmodell

Damit ist das kleine Frankfurter Start-up ein Vorreiter. Die Viertagewoche ist als Arbeitszeitmodell noch die große Ausnahme. In Großbritannien und Spanien gab es Pilotprojekte, in Island und Belgien gibt es bereits Formen der Viertagewoche.

Langsam kommt auch hierzulande Bewegung in die Sache: Die Gewerkschaft IG Metall fordert zumindest für die Stahlbranche eine 32-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich. Und im kommenden Jahr sollen rund 50 Unternehmen aus verschiedenen Branchen die Viertagewoche testen. Das Pilotprojekt startet im Februar und soll nach Angaben der Beratungsagentur Intraprenör sechs Monate dauern. Die Uni Münster soll das Projekt wissenschaftlich begleiten, beteiligt sind auch Vertreterinnen und Vertreter der IG Metall, des Arbeitgeberverbands BDA und des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtet.

Viele Beschäftigte wünschen sich Viertagewoche

Die Nachfrage wäre da: Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung wünschen sich 81 Prozent der Vollzeiterwerbstätigen eine Viertagewoche mit einer entsprechend niedrigeren Wochenarbeitszeit – also 32 Stunden statt 40 Stunden. Knapp 73 Prozent der Beschäftigten wünschen sich dabei den gleichen Lohn, was einer 20-prozentigen Gehaltserhöhung entspräche – es ist das Modell, das auch Ekipa testet und die Beratungsagentur Intraprenör anstrebt.

Fast niemand wolle die Viertagewoche – außer, wenn man das gleiche Geld wie vorher bekomme, sagte der Arbeitsmarktforscher Enzo Weber im Interview mit der Frankfurter Rundschau. „Aber Viertagewoche und entsprechend weniger verdienen? Da stimmt fast niemand zu, das ist die Realität.“ Das deckt sich mit den Ergebnissen der Studie der Hans-Böckler-Stiftung: Demnach wollen nur acht Prozent der Erwerbstätigen ihre Arbeitszeit auch reduzieren, wenn dadurch das Entgelt geringer ausfiele.

Viertagewoche: Arbeitgeber sind skeptisch

Viele Arbeitgeber tun sich schwer mit der Idee der Viertagewoche. Kritiker wie Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger verweisen auf die angespannte wirtschaftliche Lage, auf den Personalmangel in vielen Branchen, auf das unter Druck stehende Rentensystem. Die Botschaft: Und in dieser schwierigen Situation wollt ihr weniger arbeiten?

Auch Viktoria Krastel zweifelt. Im Odenwald, knapp 35 Auto-Minuten von Mannheim und Heidelberg entfernt, führt sie einen Betrieb für Sanitär, Heizung und Photovoltaik. Hier in Südhessen versteht man sich als „Teil des Handwerks der Zukunft“. Heizungstausch, Badumbau, Solarpanels – Arbeit gibt es genug, aber das Personal ist knapp. „Wir haben viele Aufträge, in der Energiewende ist jede Mitarbeiter-Stunde wichtig“, sagt Krastel. Aber die junge Firmenchefin weiß auch: Im Wettbewerb um kompetentes Personal punkten Arbeitgeber, die ihren Leuten etwas anbieten können – zum Beispiel bei den Arbeitszeiten.

Viktoria Krastel im Lager ihres Unternehmens.

Vier Tage arbeiten, aber fünf Tage bezahlt bekommen?

„Eigentlich bin ich ein Fan der Viertagewoche“, sagt Krastel. Aber: „Die Vergütungsstruktur im Handwerk passt nicht zu diesem Arbeitszeitmodell.“ Das bisherige System (x Euro pro Stunde) biete Beschäftigten keinen Anreiz, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Und: „Mitarbeiter haben eigentlich auch keinen Anreiz, effizienter zu arbeiten.“

Eine Viertagewoche bei gleichem Lohn kommt für Krastel aktuell nicht in Frage, zu hohe Kosten. Sie denkt deshalb über eine Lösung nach, die den Beschäftigten mehr Eigenverantwortung einräumt und es ihnen ermöglicht, die Arbeitszeit selbst einzuteilen. Beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) hat sich Krastel mit ihrem Betrieb für ein Forschungsprojekt beworben. Das Ziel: Herausfinden, wie sich neue Arbeitszeit- und Vergütungsmodelle sinnvoll verbinden lassen.

Viertagewoche: Mehrere Pilotprojekte in Europa

Das Ergebnis könnte so aussehen: Ein Mitarbeiter muss klar zu definierende Arbeitspakete in einem vorgegeben Zeitfenster ausführen. Seinen Lohn erhält er für das Ergebnis und damit unabhängig von der gearbeiteten Zeit. Der Mitarbeiter übernimmt somit eigenverantwortlich Zeit- und Umsetzungsmanagement. „Dafür wäre es notwendig, die Arbeitsschritte zu standardisieren und in kleine Pakete herunterzubrechen, um sie in Zeit und Preis beschreiben zu können“, sagt Krastel nachdenklich. In den kommenden Wochen fällt die Entscheidung, ob Krastels Betrieb ein Praxispartner des ZDH-Forschungsprojekts wird.

Ende September entscheidet sich auch, wie es beim Frankfurter Start-up Ekipa weitergeht: Ist die Viertagewoche bei vollem Lohn ein Erfolg – oder müssen die Beschäftigten auch freitags wieder arbeiten? Grundlage für die Entscheidung sind auch Daten, die während des Tests gesammelt werden. „Wir tracken den Output und das Wellbeing“, sagt Co-Gründer Justin Gemeri, also Leistung und Wohlbefinden.

Zuständig dafür ist Julia Heeb. Die People Managerin führt viele Einzelgespräche mit den Beschäftigten, sie stellt ihnen Fragen wie diese: Wie zufrieden bist du mit deinem Leben? Wie viel schläfst du? Wie häufig hattest du in den vergangenen vier Wochen produktive Tage?

Viertagewoche: Test endet Ende September

Aber wie steht es denn nun, einige Wochen vor Ende des Tests, um Output und Wellbeing? Julia Heeb zieht ein positives Zwischenfazit. Zwar berichteten einige Beschäftigte von einem höheren Leistungsdruck und stärkeren Konkurrenzgefühlen, insgesamt sei das Feedback aber gut: „Die Motivation steigt, weil am Montag das Ziel in Sicht ist. Und der Regenerationseffekt von drei freien Tagen ist deutlich höher.“ Viele Kolleginnen und Kollegen berichteten, sie seien entspannter – auch weil sie private Verpflichtungen wie Arzttermine, Besuche bei den Eltern oder den Wocheneinkauf nun stressfrei am Freitag erledigen könnten. „Der Kopf ist freier“, sagt Heeb.

Das beobachtet auch Justin Gemeri. Der Co-Gründer nimmt an dem Experiment teil, das heißt: Auch für den Chef fällt Donnerstagnachmittags der Hammer. „Es ist eine Herausforderung“, räumt er ein. Das Wochenende sei zwar länger, dafür seien die Termine innerhalb der Arbeitswoche nun dichter. Sein Zwischenfazit: „Arbeiten mit der Viertagewoche ist möglich.“

Dann verabschiedet sich Gemeri. Er muss weiter, die Zeit ist knapp, der nächste Termin wartet schon. (Steffen Herrmann)

Rubriklistenbild: © Christoph Boeckheler

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