Fachkräftemangel

Zukunftsmodell Viertagewoche: Wo es funktionieren kann – und warum es funktionieren muss

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Es ist eine komplizierte Herausforderung: In Zeiten des Fachkräftemangels wollen die Menschen weniger arbeiten. Damit ist klar: Die Wirtschaft muss sich auf die Viertagewoche einstellen.

Köln – In der Diskussion um die Zukunft der Arbeitswelt spielt die Viertagewoche eine immer größere Rolle. Zwei große Gewerkschaften, IG Metall und die GdL, wollen die Forderung nach weniger Arbeitszeit sogar in ihre Tarifverhandlungen übernehmen. Und wenn man den Ergebnissen einer neuen Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung (IW) in Köln folgt, wird das Viertagemodell für Unternehmen künftig eine wichtige Rolle zur Sicherung von Fachkräften spielen.

Zwei Drittel der Beschäftigten sind für eine Viertagewoche

Für die IW-Studie wurden fast 5000 Beschäftigte in Voll- und Teilzeit zwischen 18 und 65 Jahren befragt. Gefragt wurden die Teilnehmenden, wie und ob sie ihre Arbeitszeit verändern würden, wenn sie könnten. Dabei zeigt sich, dass immerhin fast ein Drittel der Vollzeitbeschäftigten ihre Arbeitszeit gerne auf weniger Tage verteilen würden. Also: weiterhin im Schnitt 40 Stunden die Woche arbeiten, aber auf vier statt fünf Tage verteilt. Ein weiteres Drittel der Befragten würde ihre Arbeitszeit grundsätzlich verringern wollen.

Damit sollten Arbeitgebende hellhörig werden. Zwar sind es nicht alle Arbeitnehmenden, die weniger arbeiten würden. Aber gerade mal 37,5 Prozent der Vollzeitbeschäftigten sind zufrieden mit der Fünftagewoche à 40 Stunden, so wie sie aktuell vorrangig praktiziert wird.

Und auch führende Ökonomen und Ökonominnen glauben, dass die Viertagewoche in Zukunft immer mehr Mainstream werden wird – auch wegen des Fachkräftemangels. „Sie kann betriebswirtschaftlich vorteilhaft sein – und zwar dann, wenn Fachkräfte gewonnen werden können, die sich ohne dieses Angebot nicht beworben hätten“, sagt beispielsweise Alexander Spermann von der Uni Freiburg im Handelsblatt.

Für alle Branchen wird das Modell aber nicht realisierbar sein, auch darüber sind sich Wirtschaftswissenschaftler einig. So sagt Simon Jäger, Leiter des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn, der Zeitung: „Am praktikabelsten scheint die Viertagewoche im Bereich der Wissensarbeit und kreativen Tätigkeiten, wo die Produktivität ohnehin weniger eng an die formelle Arbeitszeit gekoppelt ist und sich die Betriebsabläufe flexibler gestalten lassen“.

Und auch in der IW-Studie schreiben die Autorinnen: „Für Betriebe, in denen sich Kunden eine möglichst durchgängige Erreichbarkeit über die Woche hinweg wünschen – etwa im Einzelhandel –, dürfte das Modell in aller Regel nur über zusätzliches Personal umzusetzen sein.“ Und das fehlt bekanntlich an allen Ecken und Enden.

Immer mehr Menschen arbeiten schon jetzt in Teilzeit

Dem Wunsch nach weniger Arbeitszeit folgen auch immer mehr Menschen. Der Anteil derer, die weniger als 35 Stunden die Woche arbeiten, hat sich seit den 1990er Jahren kontinuierlich erhöht. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts (Destatis) waren es vor der Pandemie schon 28,6 Prozent der Erwerbstätigen. Davon waren nur 8,6 Prozent unfreiwillig in Teilzeit angestellt. Der Gesetzgeber schreibt vor, dass Arbeitgebende ihren Beschäftigten die Teilzeitarbeit grundsätzlich ermöglichen muss. Damit sollte auch für mehr Gleichberechtigung gesorgt werden: Ehepartner, die beide in Teilzeit arbeiten, können sich so besser die Sorgearbeit aufteilen.

Einige Teilzeitbeschäftigte würden auch gerne mehr arbeiten

Interessant ist aber auch, dass laut IW-Studie 11,2 Prozent der befragten Teilzeitbeschäftigten ihre Arbeitszeit sogar ausdehnen wollen würden. Zu dieser Erkenntnis kam ebenfalls eine Befragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) im Jahr 2021: Die Teilzeitbeschäftigten würden gerne etwas mehr arbeiten, während Vollzeitbeschäftigte weniger arbeiten würden. Stärker fällt das Bedürfnis nach mehr Arbeit bei Männern als bei Frauen aus.

Auch in dieser Befragung ist der Trend aber eindeutig: Es besteht ein Wunsch nach weniger Arbeitszeit. Die angegebene gewünschte Arbeitszeit pendelt sich zwischen 25 und 37 Wochenstunden ein. Das in Einklang zu bringen mit dem Fachkräftemangel, wird eine der zentralen Zukunftsherausforderungen der Wirtschaft werden. Eines sollte jedoch anhand der Datenlage klar werden: Der Wunsch nach der Viertagewoche ist gekommen, um zu bleiben.

Rubriklistenbild: © Michael Reichel/dpa-Zentralbild/dpa-tmn

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