VonChristoph Gschoßmannschließen
Die Deutschen wollen weniger arbeiten. Doch schon jetzt gibt es einen Fachkräftemangel. Wie ist das vereinbar, und was könnten Lösungen sein?
Frankfurt - Mehr als sieben Millionen Menschen scheiden bis zum Jahr 2035 aus dem Arbeitsmarkt aus, und es rücken weniger nach. Das geht aus Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB hervor. Die Arbeitskräfte werden also knapp, und doch reißt die Diskussion um eine Viertagewoche nicht ab. Einige Unternehmen testen diese bereits mit Erfolg, und in einigen Ländern ist sie schon fester Bestandteil der Arbeitswelt. Oder trifft am Ende doch das Gegenteil ein - und müssen sogar noch länger arbeiten als bisher?
Institut der deutschen Wirtschaft fordert Orientierung an der Schweiz - also mehr Arbeitszeit
Schon im Jahr 2019 hat das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft den Vorschlag gemacht, dass alle Arbeitnehmer nach dem Vorbild der Schweiz zwei Stunden mehr arbeiten als bisher. Die Eidgenossen arbeiten nicht nur zwei Stunden mehr pro Woche, sondern auch zwei Wochen mehr im Jahr. 7,5 Milliarden Arbeitsstunden würde dies im Jahr bedeuten. Derzeit steht Deutschland bei etwa 62 Milliarden Stunden pro Jahr.
Der Direktor des Instituts, Michael Hüther, sagt in der FAZ daher, man müsse der schrumpfenden Gesellschaft „Rechnung tragen“. In den 1970er Jahren habe es noch ein vierprozentiges Jahresplus an Arbeitszeit gegeben, seit den 2010er Jahren liegt er nur noch bei einem Prozent.
Die Deutschen wollen aber nicht mehr, sondern lieber weniger arbeiten. Das zeigen immer wieder Studien, zuletzt auch eine des IW in Köln. Dabei kam heraus, dass ein Großteil der Vollzeitbeschäftigten gerne weniger Tage in der Woche arbeiten würde.
Gewerkschaften fordern nun auch immer mehr die Viertagewoche und flexiblere Arbeitszeiten - die IG Metall hat die Forderung sogar in die anstehenden die Tarifverhandlungen aufgenommen.
Im europäischen Vergleich belegt Deutschland mit 34,6 Stunden pro Woche ohnehin bereits den drittletzten Platz, wie Daten von Eurostat zeigen. Doch wenn man nur die Erwerbstätigen in Vollzeit betrachtet, liegt die Bundesrepublik mit 39,5 Stunden im oberen Drittel. Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung mahnt in der FAZ, dass mehr Arbeit nicht sinnvoll wäre: „Deutlich mehr als 40 Stunden sollten man auch nicht arbeiten, weil das ineffizient und gesundheitsschädlich ist“, sagt Weber.
Hohe Teilzeitquote in Deutschand - eine Chance?
Ein hoher Anteil arbeitender Frauen und die hohe Teilzeitquote, die damit einhergehe, sei laut Weber eine „Stärke“ Deutschlands. Weber sieht „ungenutztes Potenzial“, da Vollzeit-Arbeitskräfte zwar weniger arbeiten wollen, Teilzeit- oder geringfügig Beschäftigte aber mehr arbeiten wollen als bisher. Auf 5,7 Prozent der Teilzeit-Erwerbstätigen trifft dies zu. Dieses Potenzial könne man zum Beispiel mit besseren Betreuungsangeboten für Kinder nutzen, da vor allem Frauen dann ihrem Wunsch nach Arbeit öfter nachkommen könnten. Durch den Abbau unfreiwilliger Teilzeit würde sich das jährliche Arbeitsvolumen der Deutschen um 691 Millionen Stunden erhöhen, wie eine Studie des IW Köln aus dem Jahr 2019 ergab.
Auch ältere Menschen bergen Arbeitspotenzial, wenn sie besser in den Arbeitsmarkt integriert werden könnten. Laut Weber könnten Umschulungen hierzu beitragen, denn nicht alle Berufe können bis ins hohe Alter ausgeführt werden.
Er wies jedoch darauf hin, dass es nicht darum ginge, Menschen zum Arbeiten zu zwingen - lediglich Hürden sollten abgebaut werden. Laut ihm sei das Ziel eine „flexible X-Tage-Woche“, ohne starre Dienstpläne, die eher die Arbeitszeit insgesamt reduzieren würden. IW-Chef-Hüther aber warnt: „Wenn wir flexible Arbeitszeiten für einige Privilegierte zur Norm machen, löst das für andere wiederum Probleme aus. Wir müssen uns darüber klar werden, was der demographische Wandel bedeutet und was für Kosten und Wohlstandsverluste das mit sich bringt.“
Arbeitgeberverband-Chef zur Viertagewoche: „Völlig absurde Forderung“
Aus der Industrie zumindest gibt es Kritik an einer möglichen Viertagewoche. Der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Südwestmetall, Oliver Barta, hält nichts von der Idee. „Wir erleben heute schon in ganz vielen Betrieben, dass die Arbeitszeitverteilung höchst flexibel wahrgenommen wird“, sagte er der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten. Ein davon völlig getrenntes Thema sei die Reduzierung der Regelarbeitszeit von 35 auf 32 Stunden bei vollem Lohnausgleich.
Betriebe müssten, wenn sie wettbewerbsfähig bleiben wollten, ohnehin etwa drei bis dreieinhalb Prozent Produktivität pro Jahr zusätzlich erbringen, so Barta weiter. Bei der Viertagewoche mit vollem Lohnausgleich gehe es noch mal um über achteinhalb bis neun Prozent zusätzlichen Produktivitätsausgleich, der zu schaffen wäre. Das schaffe kein Unternehmen. „Die strecken dann alle die Flügel. Insofern ist das eine völlig absurde Forderung.“ (cgsc)
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