- VonMark Simon Wolfschließen
Mitten in einem der ärmsten Viertel in Memphis baut Elon Musk eine neue Super-KI – auf Kosten der Anwohner: Umweltverbände kritisieren die hohe Schadstoffbelastung.
Memphis – Nichts weniger als der „größte Supercomputer der Welt“ solle hier entstehen: Mit diesem Versprechen nistete sich Elon Musks KI-Unternehmen xAI im Sommer 2024 im Südwesten der US-amerikanischen Stadt Memphis ein. Der Plan: Die strukturschwache Industriestadt mit rund 608.000 Einwohnern sollte laut Musk finanziell wie sozial vom „Colossus“ getauften, angeblich „leistungsstärksten KI-Trainingssystem der Welt“ profitieren. Doch nach rund einem Jahr zeigte sich: Das Gegenteil ist der Fall.
Elon Musks Super-KI soll ganzes Viertel in Memphis vergiften – Umweltverbände sind alarmiert
Denn was der stoische Ehrgeiz des reichsten Mannes der Welt tatsächlich bedeutet, merkten die Bewohner des Stadtteils Boxtown – eines der ärmsten Viertel von Memphis – sehr schnell. Die xAI-Anlage steht inmitten ihrer Gemeinde und stößt laut Umweltverbänden enorme Mengen an Schadstoffe aus. Um die enorme Rechenleistung für „Colossus“ sicherzustellen – jener Super-KI, die auch Musks Chatbot „Grok“ auf der Plattform X antreibt –, installierte das Unternehmen rund 35 gasbetriebene Turbinen, die dabei große Mengen Stickoxide ungefiltert in die Umgebung abgeben. Diese Schadstoffe können Asthmaanfälle und Brustschmerzen auslösen – bei dauerhaftem Kontakt leidet die Lungenfunktion und die Lebenserwartung verringert sich massiv.
Hinzu kommt der krebserregende Stoff Formaldehyd sowie ultrafeine Feinstaubpartikel, die über die Lunge bis in den Blutkreislauf gelangen können. Die Leistung der Turbinen liegt bei rund 420 Megawatt – das entspricht etwa einem großen Kraftwerk. Laut der Umweltrechtsorganisation Southern Environmental Law Center stoßen sie zwischen 1.200 und 2.100 Tonnen Stickoxide pro Jahr aus. Der Wert könnte „Colossus“ zu einer der größten Emissionsquellen im gesamten Regierungsbezirk der Stadt Memphis, Shelby County, machen.
Fehlte Musk eine Genehmigung? Warum selbst Politiker von der Anlage überrascht wurden
Besonders brisant: Laut der Gemeindeverwaltung besitzt das Unternehmen nicht mal eine offizielle Genehmigung für den Betrieb der Turbinen. Gegenüber CNN erklärte Patrick Anderson, leitender Anwalt bei der SELC, dass xAi die Turbinen somit nicht betreiben dürfe. Als Reaktion darauf berief sich das Unternehmen auf eine Ausnahmeregelung, ehe es im Januar, rund acht Monate nach der Inbetriebnahme von rund 33 der 35 Turbinen, bei der Gesundheitsbehörde des Shelby County eine offizielle Betriebserlaubnis für 15 der laufenden Turbinen beantragte.
Derzeit prüfen die Verantwortlichen vor Ort das Verfahren sorgfältig, während allerdings einige der Turbinen weiterliefen. Mit welcher Regelmäßigkeit bleibt dagegen offen. Die fehlende Transparenz des Falles resultiert laut der Lokalzeitung The Commercial Appeal auch daraus, dass die Behörden mit xAI eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnet hätten, die eine genaue Aufklärung der Einwohner verhindert.
xAI violated Memphis’ public’s trust and lied about the Colossus facility that is poisoning our air with gas turbines. xAI submitted a permit for 15 gas turbines, but have been secretly operating 35! These turbines can emit up to 16.7 tons of formaldehyde a year!
— Justin J. Pearson (@Justinjpearson) April 9, 2025
Das gilt sogar teilweise für politische Amtsträger: Der demokratische Abgeordnete Justin Pearson etwa beklagte, dass er und viele seiner lokalen Kollegen im Vorfeld nicht über den Bau der Anlage informiert worden seien.
Schadet xAI dem lokalen Stromnetz? Unternehmen pocht auf Zusage an örtliche Versorger
Besorgt sei er über den massiven Stromverbrauch von Musks Firma, die rund 150 Megawatt vom städtischen Energieversorger MLGW erhielte. Laut Pearson sei das Stromnetz in Memphis bereits in den drei Wintern vor der Inbetriebnahme überlastet gewesen – es habe wiederholt Blackouts gegeben. Umweltgruppen kritisieren zudem, dass die enormen Strommengen für xAI über das öffentliche Netz bezogen werden – und somit indirekt von Anwohnern mitgetragen werden, etwa über Netzentgelte und Versorgungskapazitäten. Eine Untersuchung des Versorgers MLGW sollte die Sorgen entkräften und belegen, dass die Stromversorgung für xAI gesichert sei. Mittlerweile wartet das Unternehmen auf eine Genehmigung für weitere 150 Megawatt.
xAI beteuerte in einer Stellungnahme, man werde sich bei Stromengpässen vollständig vom öffentlichen Netz abkoppeln – so bestehe eine vertragliche Zusage an MLGW und die Tennessee Valley Authority. Ob und wie das umgesetzt wird, bleibt jedoch unklar.
Bürgermeister von Memphis sieht Transformation der Wirtschaft – und hohe Steuereinnahmen
Erst nach massiver Kritik aus der Bevölkerung sowie von Abgeordneten der Stadt Memphis erklärte Bürgermeister Paul Young schließlich, dass im Mai 12 der Turbinen entfernt würden – alle weiteren sollen zudem bald folgen. Die örtliche Handelskammer kündigte zudem an, dass eine neue 150-Megawatt-Umspannstation die erste Ausbaustufe von Colossus versorgen werde. Die verbliebenen Turbinen sollen demnach nur noch eine Übergangsfunktion übernehmen, bis im Herbst 2025 eine zweite Station fertig ist.
Geschehen ist laut lokalen Aktivisten bisher aber wenig – viele der versprochenen Maßnahmen kommen nur schleppend voran oder bleiben unkonkret. Der Bürgermeister war es auch, der im Vorfeld des Projektstarts von zusätzlichen Steuereinnahmen in Höhe von über 30 Millionen US-Dollar sowie hunderten neuen Jobs jubelte. „Was wir hier sehen, ist eine Chance, unsere Wirtschaft vollständig zu transformieren“, sagte Young gegenüber CNN. Laut xAI sollen die Einnahmen bis 2025 sogar auf über 100 Millionen US-Dollar steigen.
Nach Bekanntwerden der Luftverschmutzung kündigte zudem Young an, einen Teil der Einnahmen in den betroffenen Gebieten zur Finanzierung lokaler Projekte und kommunaler Bemühungen zu investieren.
Ausgefeilte Technik gegen die Kritik: Was xAI verspricht – und was vor Ort tatsächlich passiert
Um die Umweltbelastung zu senken, verweist xAI zudem auf geplante technische Maßnahmen: So seien inzwischen 168 Tesla-Megapacks zur Zwischenspeicherung von Strom installiert, die das Netz stabilisieren sollen. Auch soll über einen speziellen Reaktor künftig gereinigtes Abwasser zur Kühlung der Anlage genutzt werden. Ob diese Maßnahmen langfristig ausreichen, um die Umweltauswirkungen des Rechenzentrums zu kompensieren, bleibt umstritten. Die Anwohner in Boxtown fragen sich hingegen, wie das Geld ihnen bei einer geringeren Lebenserwartung helfe. Oder wie die Gemeindemitglieder von den neuen Jobs in den Bereichen Datenwissenschaft oder Computertechnik profitieren sollen, wenn nur knapp 39 Prozent von ihnen einen Highschool-Abschluss vorweisen können.
Ohnehin, so kritisieren selbst überregionale Medien wie Politico, handle es sich bei dem Projekt um ein Musterbeispiel für Umweltungerechtigkeit: In dem mehrheitlich von Afro-Amerikanern bewohnten Stadtteil stehen seit jeher 17 Anlagen, die die Luft vor Ort seit Jahren verschmutzen.
Umweltungerechtigkeit mit System? Warum Boxtown laut Kritikern nicht zufällig betroffen ist
Schon 2013 zeigte eine Studie der Universität Memphis: Die schädlichen Stoffe in der Luft machten das Krebsrisiko im Südwesten der Stadt deutlich höher als im Rest der USA. Die American Lung Association bewertete den Ozonwert von Shelby County, mit einem „F“ – der schlechtesten Note auf ihrer Skala. Laut ALA bedeutet das: mindestens zehn Tage im Jahr mit gesundheitsgefährdender Ozonbelastung, was ein klares Gesundheitsrisiko für Kinder, ältere Menschen sowie Menschen mit Vorerkrankungen wie Asthma bedeutet. In Boxtown ist die Asthmarate laut The Commercial Appeal bei vielen Bewohnern erhöht – die Lebenserwartung entsprechend zehn Jahre niedriger als in anderen Teilen der Stadt.
Wie verhärtet die Fronten zwischen Anwohnern und Aktivisten auf der einen Seite sowie der Stadt und xAI auf der anderen sind, zeigte sich auf einer Bürgeranhörung Ende April.
Fragen sind erlaubt, Antwort nicht: Wie die Bürgeranhörung für xAI in einem PR-Desaster endete
Laut dem lokalen News Channel ActionNews5 legten die Organisatoren um Young und xAI fest, dass jeder Redner zwei Minuten habe und auch Fragen stellen dürfte. Antworten von seitens des Musk-Unternehmens, das von Sprecher Brent Mayo vor Ort vertreten wurde, können sie nicht erwarten. Als Mayo nach wütenden Protesten zur fehlenden Transparenz ein vorgefertigtes Statement von xAI verlesen wollte, wurde er von wütenden Zwischenrufen unterbrochen – und verließ die Veranstaltung nach wenigen Minuten durch einen Seiteneingang.
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