VonPeter Riesbeckschließen
Der Nachtzug als klimafreundliche Alternative zum Billigflieger ist zurück. Marktführer ÖBB reaktiviert die prestigeträchtige Strecke von Berlin nach Paris – und auch die Konkurrenz schläft nicht.
Frankfurt – Und wer hat’s erfunden? Ein Belgier. „Nie war das Bedürfnis nach Reisen größer und die Lage der Schlafwagendienste zufriedenstellender“, notierte der Lütticher Bankierssohn Georges Nagelmackers. Er setzte 1873 – vor 150 Jahren – den ersten Schlafwagen in Europa aufs Gleis. Im Zentrum stand schon damals Wien. Hundertfünfzig Jahre später sagt der Österreicher Bernhard Rieder selbstbewusst: „Der Nachtzug war über weite Strecken des 20. Jahrhunderts die Form des Reisens.“ Rieder ist Sprecher der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB).
Er darf so markig sprechen. Der österreichische Staatskonzern rettete den Schlafwagen hinüber ins im 21. Jahrhundert. Als die Deutsche Bahn (DB) sich 2016 aus dem nächtlichen Geschäft verabschiedete, stieg die ÖBB ein und machte die Nachtverbindungen zu einem europäischen Erfolgsprojekt. Jüngster Coup: Mit dem Fahrplanwechsel am 10. Dezember hat die ÖBB nun gemeinsam mit der DB und dem französischen Konzern SNCF die prestigeträchtige Nachtzuglinie von Berlin über Frankfurt nach Paris wiederbelebt.
Nachtzüge galten lange Zeit als zu teuer und deshalb unrentabel
„In Österreich gab es immer ein klares Bekenntnis zur Bahn“, sagt Rieder über den steten Glauben an den Zugverkehr und die Nachtverbindungen im Nachbarland. Mit dem Aufkommen der Billigflieger in den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts geriet die lange Reise mit dem Zug allmählich ins Hintertreffen – auch preislich. Nach und nach verabschiedeten sich die Staatsbahnen europaweit aus dem Geschäft mit dem Schlafwagen. Zu teuer und zu unrentabel schienen die Nachtzüge, die täglich nur für jeweils eine Fahrt genutzt werden können. Im Zentrum Europas glaubte nur die ÖBB an den nächtlichen Erfolg.
Dann stieg mit dem Klimawandel nicht nur das Umweltbewusstsein, Klima-Aktivistinnen wie Luisa Neubauer machten selbst das Sitzen im Flur auf längeren Strecken im Zug wieder hip. Social-Media-Posts von überfüllten Zuggängen gingen plötzlich viral. Bahnfahren wurde zum Bekenntnis. Erst recht mit dem Nachtzug. Heute sagen in einer Allensbach-Umfrage 69 Prozent der Bevölkerung, sie denken bei Bahn zuerst an Umweltfreundlichkeit.
Das Angebot für die Umwelt ist aber ausbaufähig. Trotz der Klimavorteile der Bahn rollen in Europa nur sieben Prozent des Personen- und elf Prozent des Güterverkehrs übers Gleis. Die EU strebt an, das im Rahmen des Klimaprogramms European Green Deal zu ändern. Das Ziel: Bis 2050 sollen die verkehrsbedingten Emissionen um 90 Prozent runter. Unter anderem soll Europas Hochgeschwindigkeitsnetz wachsen. Zudem legte die EU zu Jahresbeginn einen Plan zum Ausbau des grenzüberschreitenden Bahnverkehrs auf, unter den zehn Pilotstrecken sind auch zwei Nachtzuglinien, darunter die Strecke von Berlin über Hamburg nach Stockholm.
Bahn-Startup: Seit März ist auch der European Sleeper unterwegs
„Die Auslastung der Züge ist unglaublich“, sagt Christer Litzell, Geschäftsführer der schwedischen Bahnkonzerns SJ. Seit Frühjahr verkehrt der Nachtzug des Unternehmens von Berlin über Hamburg nach Stockholm. Eigentlich sollte nach den Sommermonaten im Oktober Schluss sein. Aber die Nachfrage war so hoch, dass das Angebot kurzerhand verlängert wurde. „Reisen mit dem Nachtzug ist nicht nur umweltfreundlich. Es spart auch Zeit“, sagt Litzell. Der Mehrheit der Reisenden ist auf dem Weg in den Urlaub, aber auch Geschäftsleute aus Schweden nutzen die Verbindung, um in Hamburg oder Berlin am nächsten Tag ausgeschlafen Businesstermine wahrnehmen zu können. Schon basteln die Schweden an neuen Verbindungen. Ganz oben auf dem Plan: ein Nachtzug von Hamburg nach Oslo.
Und auch abseits der Gleise tut sich was: bei den Geschäftsmodellen der Anbieter. „Unsere Züge fahren und damit ist unser Traum wahr geworden“, sagt Chris Engelsman. Der Niederländer ist Ko-Chef des Bahn-Startups European Sleeper. Seit März betreibt das Bahn-Startup die Nachtzuglinie von Berlin über Amsterdam nach Brüssel. Im März kommenden Jahres wird die Verbindung über Dresden bis nach Prag verlängert.
Das Verkehrsprojekt
Der neue Nightjet fährt dreimal wöchentlich von Berlin über Straßburg nach Paris: montags, mittwochs und freitags. Dienstags, donnerstags und samstags geht es zurück. Ein Teil des Zugs wird in Mannheim abgekuppelt, um über Köln, Aachen und Lüttich (Liège) nach Brüssel zu rollen. Ab Ende 2024 soll der Zug täglich verkehren.
Der Nachtzug ist ein gemeinsames Angebot von Deutscher Bahn (DB), der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), der französischen SNCF und der belgischen NMBS/SNCB.
Frankreich, Österreich und Belgien subventionieren den Nachtzug. Paris pumpt nach Angaben des französischen Verkehrsministeriums jährlich rund zehn Millionen Euro in das Projekt, bis es voraussichtlich in zwei bis drei Jahren profitabel ist. Aus Deutschland gibt es dagegen keine Finanzierungshilfe. FR
Engelsman musste man vom Zugfahren nicht überzeugen. Der Mann ist Bahnenthusiast. Vor drei Jahren startete der Experte für öffentliche Infrastruktur mit seinem Freund Elmer van Buuren eine Initiative, um die Idee des Nachtzugs voranzubringen. Dabei gingen die beiden Niederländer auch wirtschaftlich neue Wege: European Sleeper ist als Genossenschaft organisiert. Knapp dreitausend Kapitalgeber zählt das Unternehmen. Allein in den ersten beiden Zeichnungsrunden wurden rund 2,5 Millionen Euro Kapital mobilisiert. Nächsten Ziel der Guerilla-Genossenschaft: ein Nachtzug von Amsterdam über Brüssel nach Barcelona, ebenfalls eine Pilotstrecke des EU-Programms. Engelsman sagt: „Das Ende unserer Reise ist noch lange nicht in Sicht.“ Kein Zweifel: Der Mann hat noch was vor.
Doch es rumpelt es mitunter auf Europas Gleisen. Litzells Bahngesellschaft SJ muss auf dem Weg von Stockholm nach Hamburg in Dänemark auf den Dienstleister Hector Rail zurückgreifen, weil der dort auf den Gleisen über die nötigen Lizenzen verfügt. In Berlin werden die Schweden auf den Bahnhof Gesundbrunnen abgedrängt, das niederländische Bahn-Startup European Sleeper muss vom östlichen Bahnhof Lichtenberg starten. Auch der Ticketkauf ist beschwerlich. Von der Vorab-Buchung von Anschlussverbindungen an Zielorten wie Paris oder Brüssel ganz zu schweigen. Eine angekündigte Initiative den grenzüberschreitenden Ticketkauf zu vereinfachen hat die EU-Kommission im Herbst kurzerhand gestrichen.
„Die Weichen absolut falsch gestellt“, sagt Anna Deparnay-Grunenberg. Die baden-württembergische Grünen-Politikerin sitzt im Verkehrsausschuss des Europaparlaments und ist große Anhängerin von Nachtzügen. „Von Stuttgart nach Wien und demnächst weiter nach Budapest oder vom Büro in Freiburg nach Berlin. Das spart enorm viel Zeit“, sagt die Europaabgeordnete.
Kostet mitunter aber auch ein paar Nerven. Deparnay-Grunenberg hat deshalb eine ganze Liste von Vorschlägen, wie der Nachtzug in der EU weiter vorangebracht werden kann. Da sind zum einen die Trassenpreise für die nächtlichen Reisen durch Europa. „Da gibt es Bahngesellschaften, die berechnen das Trassenentgelt für die Nutzung der Gleise nach Entfernung, andere taxieren nach Zeit und dann gibt es Mischformen“, sagt die Politikerin und fordert: „Am besten wäre natürlich ein Wegfall der Preise. Aber wir brauchen in der EU ein einheitliches System.“
Ticket für den Nachtzug: Die Buchung läuft noch nicht rund
Auch die Buchung müsste verbessert werden. „Manche Züge im Ausland erscheinen überhaupt nicht im Buchungsportal der großen Bahnkonzerne“, klagt die Abgeordnete. Hinzu kommen Entschädigungen bei verpassten Zügen. „Der Zubringer hat Verspätung. Und dadurch wird der Nachtzug eines anderen Anbieters verpasst. Das Nachsehen hat der Reisende. Dafür braucht es klare Regelungen“, so Deparnay-Grunenberg.
Marktführer ÖBB baut derweil weiter am Erfolg der Nachtzüge. Mit der neuen Linie von Berlin nach Paris betreiben die Österreicher künftig 21 Nachtzugverbindungen. Über Umsatzzahlen spricht die ÖBB nicht, wohl aber über Passagiere. Im vergangenen Jahr verzeichnete der Nightjet mehr als 1,5 Millionen Gäste, etwas mehr als vor der Pandemie 2019. Mehr geht kaum. Schlaf- und Liegewagen sind (fast) komplett ausgebucht.
Die Österreichischen Bundesbahnen investieren massiv in den Nightjet
Deshalb investiert die ÖBB in die Zukunft. Im Oktober stellte die ÖBB die ersten Nightjet-Züge der neuen Generation vor. Zunächst für die Strecke von Innsbruck und Wien nach Hamburg. Weitere Strecken werden folgen. Rund 700 Millionen Euro steckt die ÖBB in die 33 neuen Züge. Rieder sagt stolz: „Das ist das erste Mal seit zwanzig Jahren, dass wieder neue Schlafwagen auf die Gleise kommen.“
„Das Land ihrer Träume liegt am Ende der Nacht“, lautete ein Werbeslogan für den Nachtzug im vergangenen Jahrhundert. Hat jemand wie Bernhard Rieder eine nächtliche Traumstrecke? „Jede Verbindung ist anders“, sagt der Sprecher der ÖBB diplomatisch, merkt dann aber doch noch an. „Von Stuttgart und München nach Venedig. Morgens aufwachen unter dem italienischen Himmel und dann vor Venedig am Meer entlang.“ Blauer wird’s nicht mit der Bahn.
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