VonTanja Bannerschließen
Ein Forschungsteam aus Dänemark berechnet, dass der Golfstrom noch in diesem Jahrhundert zusammenbricht. Doch andere Fachleute wollen das so nicht stehenlassen.
Kopenhagen – In einer Zeit, in der an vielen Orten auf der Welt Rekordtemperaturen gemessen werden, zeigt eine neue Studie Erschreckendes: Der Golfstrom könnte bereits Mitte dieses Jahrhunderts kollabieren, möglicherweise auch schon deutlich früher. Zu diesem Ergebnis kommt ein Forschungsduo von der Universität in Kopenhagen in einer Studie, die im Fachjournal Nature Communications veröffentlicht wurde.
Die Atlantische Umwälzzirkulation (Atlantic Meridional Overturning Circulation, AMOC) transportiert warmes, relativ salzhaltiges Wasser an der Oberfläche des Atlantik nach Norden, während in mehreren Kilometern Tiefe kaltes, salzärmeres Wasser in Richtung Süden fließt. Der Golfstrom ist ein Teil dieses Systems – er bringt Wärme nach Europa und sorgt für ein mildes Klima. Der Golfstrom gilt als ein wichtiges Kippelement in unserem Klimasystem und wird deshalb von der Forschung genau beobachtet.
Neue Studie: Kollabiert der Golfstrom schon in diesem Jahrhundert?
Fachleute gehen davon aus, dass der Golfstrom sich in Zukunft abschwächen könnte. Doch noch ist es nicht möglich, mit Klimamodellen genau vorherzusagen, wie sich der Golfstrom entwickeln wird. Im 6. Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC gehen Fachleute davon aus, dass das nordatlantische Zirkulationssystem im 21. Jahrhundert nicht zusammenbricht. Die neue Studie widerspricht diesem Bericht fundamental.
Für die Studie analysierte das Team Oberflächentemperaturen des Wassers in Teilen des Golfstromsystems zwischen 1870 und 2020 und suchte nach möglichen Frühwarnsignalen. Das Forschungsteam kommt zu dem Schluss, dass der Golfstrom jederzeit ab dem Jahr 2025 zusammenbrechen könnte. Zwischen 2025 und 2095 soll es mit einer 95-prozentigen Wahrscheinlichkeit passieren, heißt es in der Studie. Am wahrscheinlichsten soll es im Jahr 2057 soweit sein.
Forschende warnen: Atlantische Umwälzzirkulation könnte „abschalten“
„Ein Abschalten der AMOC kann sehr schwerwiegende Folgen für das Klima der Erde haben, indem es beispielsweise die globale Verteilung von Wärme und Niederschlag verändert“, warnt Studienautor Peter Ditlevsen vom Niels-Bohr-Institut an der Universität in Kopenhagen in einer Mitteilung. „Während eine Abkühlung in Europa weniger gravierend erscheinen mag, da sich der Globus insgesamt erwärmt und Hitzewellen häufiger auftreten, wird diese Abschaltung zu einer verstärkten Erwärmung der Tropen beitragen, wo steigende Temperaturen bereits zu schwierigen Lebensbedingungen geführt haben.“
Ditlevsen betont: „Unser Ergebnis unterstreicht, wie wichtig es ist, die globalen Treibhausgasemissionen so schnell wie möglich zu reduzieren.“ Wenn es darum geht, wie wichtig es ist, Treibhausgasemissionen schnell zu reduzieren, sind sich die meisten Klimaforscherinnen und -forscher wohl einig. An der neuen Studie üben einige Fachleute jedoch teils harsche Kritik. Niklas Boers vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung erklärt seine Beurteilung: „Ich finde nicht, dass die Schlussfolgerung der Studie – und damit mögliche Überschriften in den Berichten darüber – ‚AMOC kippt in 2057‘ mit der Datengrundlage und Modellqualität gerechtfertigt ist.“
Klar ist, dass die Treibhausgasemissionen drastisch reduziert werden müssen – je früher, desto besser. Jetzt zu handeln, macht den Unterschied zwischen 1,5 oder 2 oder 3 Grad Erderwärmung, mit einschneidenden Konsequenzen für uns alle.
Er habe eher die Sorge, „dass die Studie längerfristig nach hinten losgehen wird.“ Die Autoren hätten sich „hiermit zu weit aus dem Fenster gelehnt und die relevanten Unsicherheiten nicht genug berücksichtigt“, so Boers. „Diese Unsicherheiten sind so groß, dass man auf Grundlage der Analyse historischer Daten keine Aussage zum Zeitpunkt des Kippens treffen kann.“
Kritik an Studie zu AMOC und Golfstrom: „Studie steht auf tönernen Füßen“
Auch Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie ist skeptisch: „Die aktuelle Arbeit liefert keinen Grund, an der Bewertung des 6. IPCC-Sachstandsberichts irgendetwas zu ändern: ‚Es besteht mittleres Vertrauen darin, dass es vor 2100 nicht zu einem abrupten Zusammenbruch kommen wird.‘ Die in der nun erscheinenden Studie so zuversichtlich vorgetragene Aussage, es werde im 21. Jahrhundert zum Kollaps der AMOC kommen, steht auf tönernen Füßen.“
Und auch Johanna Baehr von der Universität Hamburg schließt sich der Kritik an: „Eine solche rein mathematische Analyse, die die physikalische Perspektive ausblendet, braucht es zur Dramatisierung nicht. Wir sehen aktuell bereits eine ganze Reihe von Ereignissen, die auch Auswirkungen des anthropogenen, also des menschengemachten Klimawandels sind. Diese Auswirkungen geben Anlass genug zum Handeln. Klar ist, dass die Treibhausgasemissionen drastisch reduziert werden müssen – je früher, desto besser. Jetzt zu handeln, macht den Unterschied zwischen 1,5 oder 2 oder 3 Grad Erderwärmung, mit einschneidenden Konsequenzen für uns alle.“ (tab)
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