Nahende Katastrophe

Forscher warnen Istanbul vor starkem Erdbeben in naher Zukunft – „es werden Hunderttausende umkommen“

  • schließen

Istanbul könnte bald von einem schweren Erdbeben heimgesucht werden, warnen Forscher. Besonders kritisch ist der Zustand vieler Gebäude der Millionenmetropole.

Update vom 23. April 2025: Am Mittwoch ereigneten sich gleich mehrere schwere Erdbeben in der türkischen Metropole Istanbul. Laut dem Katastrophendienst Afad hatte das bisher heftigste Beben eine Stärke von 6,2. Nach Angaben des Afad und des Innenministers Ali Yerlikaya ereignete sich das Beben um kurz vor 13.00 Uhr Ortszeit (12.00 Uhr MESZ) vor dem Küstenort Silivri im Marmara-Meer.

Erstmeldung vom 1. April 2025: Istanbul – Seismologen und Geologen schlagen Alarm: Die Wahrscheinlichkeit für ein verheerendes Erdbeben in der türkischen Metropole Istanbul steigt stetig. Nach jahrelangen Untersuchungen und Messungen entlang der Nordanatolischen Verwerfung sind sich Experten einig, dass die 16-Millionen-Einwohner-Stadt in den kommenden Jahren von einem schweren Beben heimgesucht werden könnte.

Erdbeben bedroht Istanbul in naher Zukunft – Forscher warnt: „Es werden Hunderttausende umkommen“

„Die Frage ist nicht ob, sondern wann es passieren wird“, erklärte Prof. Dr. Naci Görür, ein renommierter Erdbebenexperte, gegenüber dpa Anfang Februar, „es werden Hunderttausende umkommen“. Görür betonte, dass etwa 100.000 Gebäude in Istanbul stark einsturzgefährdet seien und drängte die Behörden, sofortige Maßnahmen zur Verstärkung kritischer Infrastruktur zu ergreifen. Auch Japan warnte zuletzt vor hunderttausenden Toten bei einem Erdbeben.

Die Nordanatolische Verwerfung, eine der aktivsten Störungszonen der Welt, hat in den vergangenen Jahrzehnten bereits mehrere katastrophale Erdbeben verursacht, darunter das verheerende Beben von Izmit im Jahr 1999, bei dem mehr als 17.000 Menschen ums Leben kamen. Seither hätten sich die seismischen Spannungen kontinuierlich in Richtung Westen verlagert – genau auf Istanbul zu.

1,5 Millionen Gebäude in Istanbul bei Erdbeben stark einsturzgefährdet

Besonders besorgniserregend ist die Bausubstanz vieler Gebäude in der türkischen Metropole. Istanbul würde Schwierigkeiten haben, einem größeren Erdbeben standzuhalten, räumte der türkische Umweltminister Murat Kurum ein, wie turkishminute.com berichtet. Von den 7,5 Millionen Wohn- und Geschäftsgebäuden der Stadt seien 1,5 Millionen stark gefährdet, wobei etwa 600.000 Gebäude in Gefahr sind, sofort einzustürzen.

Bis zu 1,5 Millionen Gebäude in Istanbul wären bei einem starken Erdbeben erheblich bedroht.

Geologische Untersuchungen haben mittlerweile auch die gefährdetsten Gebiete Istanbuls identifiziert. Professor Şener Üsümezoy von der Universität Istanbul erklärte gegenüber turkiyetoday.com: „Die schlimmsten Bodenbedingungen beginnen in Bakırköy und erstrecken sich entlang der Küste des Marmarameeres. Diese problematische Formation setzt sich von Topkapı über Yenikapı fort, umfasst Zeytinburnu und Ataköy und erreicht die Küste nahe Büyükçekmece.“

Ab einem Beben der Stärke 6,0 droht Istanbul die Katastrophe

Üsümezoy warnte besonders vor den Folgen eines Bebens der Stärke 6,0 oder höher: „Im Falle eines Erdbebens könnten Silivri und Kumburgaz erhebliche Bodenverschiebungen erleben. Gebäude in diesen Gebieten sind gefährdet, hangabwärts zu rutschen, insbesondere in Regionen, die von Erdrutschen betroffen sind, die bereits Fundamentprobleme verursacht haben“, wie ebenfalls turkiyetoday.com berichtet.

Die Stadtverwaltung hat in den letzten Jahren verstärkt in Präventionsmaßnahmen investiert. „Wir haben die Umwandlung von 907.000 unabhängigen Einheiten in Istanbul abgeschlossen, aber wir müssen unsere Initiativen zur städtischen Transformation beschleunigen“, betonte Minister Kurum. Er forderte die Bewohner auf, Hochrisikogebäude zu evakuieren, und rief die Gemeinden dazu auf, der Erdbebenvorsorge Vorrang vor „unnötigen Debatten“ einzuräumen.

Bericht warnt vor „Gefahren durch Chemikalien nach einem Erdbeben in Istanbul“

Neben den unmittelbaren Gefahren durch einstürzende Gebäude warnen Experten auch vor weiteren Risiken. Die Istanbuler Niederlassung der Kammer der Chemieingenieure (KMO) veröffentlichte am 17. August 2024 einen Bericht mit dem Titel „Gefahren durch Chemikalien nach einem Erdbeben in Istanbul“.

Der Bericht wies auf die Risiken von Sekundärkatastrophen hin, darunter Brände, Explosionen, chemische und Gaslecks, Überschwemmungen, Epidemien und Umweltverschmutzung, die durch die in der Stadt gelagerten Chemikalien nach einem Erdbeben entstehen könnten. „Unfallszenarien und -modelle im Bericht warnten davor, dass Beschädigungen oder Lecks an Toluoldiisocyanat (TDI)-Tanks, die in Istanbul und Kocaeli gelagert werden, während eines Erdbebens dauerhafte Organschäden, Atemprobleme, Asthmaanfälle und Hautreizungen verursachen könnten“, heißt es in dem Bericht.

Observatorium schätzt Erdbeben-Gefahr mit einer Stärke von mehr als 7 auf 60 Prozent

Internationale Organisationen haben ihre Unterstützung zugesagt. Die Vereinten Nationen und die Europäische Union stellen Mittel für Frühwarnsysteme und Katastrophenschutzübungen bereit. Doch letztlich, so sind sich die Experten einig, wird es auf die Vorbereitung jedes Einzelnen ankommen, um die Auswirkungen der drohenden Naturkatastrophe zu minimieren.

Das Kandilli-Observatorium hat die Wahrscheinlichkeit eines Erdbebens mit einer Stärke von mehr als 7 vor 2030 auf 60 Prozent geschätzt. Angesichts dieser alarmierenden Statistiken und des aktuellen Stands der Vorbereitungen kann die Dringlichkeit verbesserter Infrastruktur- und Notfallvorbereitungsmaßnahmen in Istanbul nicht hoch genug eingeschätzt werden. (bk)

Rubriklistenbild: © Yasin Akgul/dpa

Kommentare