Neue Studie

Vom Tal bis auf den Gipfel: Pestizide kontaminieren viel mehr Fläche, als bisher bekannt

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Es ist aktuell ein polarisierendes Thema: Der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft. Eine neue Studie hat herausgefunden, wo sich die Stoffe in der Umwelt überall befinden.

Berlin – Wenn Landwirte Pestizide ausbringen, dann bleiben diese auf den landwirtschaftlichen Flächen, entweder im Boden oder auf den besprühten Pflanzen. Das war lange die gängige Annahme in der Landwirtschaft. Doch diese Annahme beruhte auf veralteter Messtechnik und wurde mit dessen Weiterentwicklung aber nicht nochmal überprüft. Bis jetzt: Wissenschaftler der TU Kaiserslautern Landau haben in Südtirol auf und um Apfelplantagen geprüft, wo sie überall Pflanzenschutzmittel finden.

Pestizide überall auf den Berggipfeln und in den Tälern

„Lange gingen selbst Fachleute davon aus, dass die synthetischen Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmittel im Wesentlichen in der Apfelanlage verbleiben, dort also, wo sie aufgebracht wurden und maximal noch im nahen Umfeld zu finden sind“, heißt es in der Mitteilung zur neuen Studie, die Ippen.Media vorliegt. Diese These könne nun jedoch widerlegt werden: Ihre Analyse kam zu dem Schluss, dass die Pestizidbelastung zwar mit der Entfernung zur Plantage abnahm, doch überall war sie auffindbar. „Wir fanden die Mittel in entlegenen Bergtälern, auf den Gipfeln und in Nationalparks. Dort haben sie nichts verloren“, so Studienleiter und Ökotoxikologe Carsten Brühl von der TU Kaiserslautern Landau.

Untersucht wurden elf verschiedene Höhenlagen um das Südtiroler Gebiet Vinschgau, die niedrigste auf 500 Metern Seehöhe, die höchste auf 2300 Höhenmetern. Es wurden Proben von 53 verschiedenen Stellen genommen und ausgewertet.

Vinschgau wurde unter anderem deshalb als Untersuchungsort ausgewählt, weil dort seit längerem vermutet wurde, dass der Rückgang der Schmetterlingspopulation auf den Pestizideinsatz im Apfelanbau zurückzuführen war. Bisher konnte das allerdings nicht belegt werden. Mit dieser Studie gibt es einen ersten Beweis: „Bereits in den gemessenen niedrigen Konzentrationen können Pestizide zu sogenannten sublethalen, also nicht direkt tödlichen Effekten bei Organismen führen, die nicht Ziel der Bekämpfung sind. Für Schmetterlinge könnte das beispielsweise eine Verringerung der Eiablage bedeuten, was dann zu einer Populationsreduktion führt“, vermutet die Studienautoren.

Zulassungsverfahren berücksichtigt Verbleib in der Umwelt nicht

Neben der Tatsache, dass in geschützten Gebieten überhaupt Pflanzenschutzmittel gemessen wurden, konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass ganz verschiedene Pestizide auf einmal vorkommen. So habe man bis zu 27 unterschiedliche Pestizide in einzelnen Proben gemessen. Dabei wurden auch solche Mittel nachgewiesen, die eigentlich schon länger verboten sind. „In fast der Hälfte aller Boden- und Pflanzenprobe nkonnten die Forscher das Insektizid Methoxyfenozid messen, das in Deutschland seit 2016 aufgrund der Umweltschädlichkeit nicht mehr zugelassen ist.“

Aus Sicht von Carsten Brühl ist es problematisch, dass Pestizide in der EU beim Zulassungsverfahren nicht auf deren Verbleib in der Umwelt geprüft werden und auch nicht darauf, wie sie mit anderen Pflanzenschutzmitteln interagieren. Die Zulassungsverfahren in ihrer aktuellen Form haben „mit der Realität der Anwendungen auf dem Acker oder in der Obstplantage und dem Verbleib in der Umwelt [...] nichts zu tun“, so Brühl.

EU will weniger Pestizide - Bauern halten aber dagegen

Die Studie wird zu einem brisanten Zeitpunkt in Deutschland und der EU veröffentlicht. Gerade gehen in ganz Europa die Landwirte auf die Straßen, um für mehr Unterstützung und weniger Auflagen zu protestieren. Die EU hat deshalb auch ein ambitioniertes Umweltschutzgesetz zurückgezogen, das die Reduktion von Pestiziden um 50 Prozent bis 2030 angestrebt hätte. Damit sollte unter anderem gegen das Artensterben vorgegangen werden. Im EU-Parlament wurde der Vorschlag abgelehnt. Auch unter den EU-Staaten gibt es Debatten.

Kommissionspräsidentin Urusla von der Leyen bezeichnete es als legitimes Ziel, die Risiken durch chemische Pflanzenschutzmittel zu verringern. Der Vorschlag habe aber polarisiert. Wann ein neuer Vorschlag kommen könnte, ist unklar, da im Sommer die Europawahlen anstehen.

Weinanbau in Südtirol (Archivfoto)

Kritik kam unter anderem vom Verband kommunaler Unternehmen. „Für die kommunalen Wasserversorger ist das angekündigte Scheitern der geplanten EU-Verordnung ein herber Rückschlag“, sagte ein Sprecher. Die EU habe damit auf längere Zeit eine Chance vertan, Ressourcen für die Trinkwassergewinnung besser zu schützen. Auch Vertreter der Organisation Foodwatch und den Grünen kritisierten die Ankündigung.

Die Autoren der neuen Studie plädieren aber auch dafür, dass große Supermarktketten mehr Verantwortung übernehmen. Sie entscheiden schließlich auch, welche Produkte sie zum Verkauf annehmen – und haben dadurch eine wichtige Steuerungsfunktion.

„Wir brauchen Regionen, in denen Pflanzen und Tiere nicht mit diesen bioaktiven Substanzen kontaminiert sind. Eine Pestizidreduktion – auch mit großen Gebieten ohne den Einsatz von synthetischen Pestiziden – und gleichzeitige Ausweitung des biologischen Anbaus ist zur Reduktion der Landschaftsbelastung dringend notwendig. Unsere Ergebnisse zeigen, dass es drängt, jetzt zu handeln, wir haben leider keine Zeit mehr“, so Carsten Brühl abschließend.

Rubriklistenbild: © Frank Baumgart/dpa

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