Winzige Giganten in Gefahr: Wie die Antarktis ihre Klimahelfer verliert
VonTanja Banner
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Während der Blick auf schmelzende Gletscher in der Antarktis gerichtet ist, verändert sich unter der Wasseroberfläche etwas Entscheidendes.
Antarktis – Wer an die Antarktis denkt, hat meist Bilder von majestätischen Eisbergen, Pinguinen und Robben vor Augen. Mancher denkt vielleicht auch an schmelzendes Eis und den Klimawandel. Doch unter der Wasseroberfläche spielt sich ein mindestens ebenso wichtiges Drama ab – eines, das nur mithilfe von Satelliten und modernster Technologie sichtbar wird. Ein Forschungsteam hat nämlich in einer umfassenden Studie nachgewiesen, dass sich die Zusammensetzung mikroskopisch kleiner Meeresalgen, des sogenannten Phytoplanktons, rund um die Antarktis in den letzten 25 Jahren deutlich verändert hat.
Phytoplankton mag für das bloße Auge unsichtbar sein, doch seine Bedeutung für unseren Planeten kann kaum überschätzt werden. Diese winzigen Organismen produzieren die Hälfte des Sauerstoffs, den wir atmen, und bilden die Basis der marinen Nahrungskette. Besonders wichtig sind die sogenannten Kieselalgen oder Diatomeen, die bis zu zwei Millimeter groß werden können und eine harte Schale aus Siliziumdioxid besitzen.
Satelliten beobachten Entwicklung von Phytoplankton in der Antarktis
„Diatomeen haben eine überragende Fähigkeit, Kohlenstoff in ihren harten Kieselschalen zu absorbieren. Wenn sie auf den Meeresboden sinken, nehmen sie die Kohlenstoffatome mit“, heißt es in einer Esa-Mitteilung. Zudem sind sie die bevorzugte Nahrung von Krill, den kleinen, garneelenartigen Krebstieren, die wiederum Walen, Pinguinen, Robben und Fischen als Nahrung dienen.
Wie aber kann man diese mikroskopisch kleinen Veränderungen überhaupt beobachten? Die Antwort liegt im All. Satelliten wie der europäische „Copernicus Sentinel-3“ mit seinem Ocean and Land Colour Instrument (OLCI) können zwar nicht einzelne Planktonarten unterscheiden, aber sie können die Farbe des Meeres präzise messen. Phytoplankton wandelt Sonnenlicht, Kohlendioxid und Wasser per Photosynthese in Chlorophyll um – und diese grüne Farbe können die Satelliten aus dem Weltraum erkennen.
Die Gletscher schmelzen – So verändert der Klimawandel die Erde
Zusammensetzung von Phytoplankton in der Antarktis verändert sich
Die Forscher kombinierten diese Satellitendaten mit mehr als 14.000 Wasserproben, die vor Ort in der Antarktis entnommen wurden. Mithilfe von maschinellem Lernen konnten sie so ein umfassendes Bild der Veränderungen im antarktischen Phytoplankton über einen Zeitraum von 25 Jahren erstellen. Die Ergebnisse sind alarmierend: „Wir beobachteten zwischen 1997 und 2016 einen erheblichen Rückgang der Diatomeen-Populationen – in einer Zeit, in der das Meereis zunahm“, erklärt Alexander Hayward, Erdsystemwissenschaftler am Dänischen Meteorologischen Institut und Hauptautor der Studie. Die Forschungsergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Nature Climate Change veröffentlicht.
Besonders auffällig war eine Veränderung nach 2016, die mit einem starken Verlust des antarktischen Meereises zusammenfiel. In dieser Zeit begannen die Diatomeen-Werte nur langsam wieder anzusteigen, während sich gleichzeitig eine verwandte Gruppe von Meeresalgen – die Kryptophyten – rapide vermehrte.
Weitreichende Folgen in der Antarktis befürchtet
Diese Verschiebungen in der Zusammensetzung des Phytoplanktons könnten weitreichende Folgen haben. „Wenn wir eine Abnahme der Anzahl der Diatomeen beobachten, wird wahrscheinlich die biologische Kohlenstoffpumpe geschwächt, was dazu führt, dass weniger Kohlendioxid in die Tiefsee transportiert wird“, warnt Alexander Hayward. Die biologische Kohlenstoffpumpe ist ein natürlicher Mechanismus, durch den CO₂ aus der Atmosphäre gebunden und langfristig im tiefen Ozean gespeichert wird. Eine Schwächung dieses Prozesses könnte die Fähigkeit der Ozeane verringern, Kohlendioxid aufzunehmen – ein weiterer möglicher Verstärkungseffekt des Klimawandels.
Zudem könnte die Veränderung der Planktonzusammensetzung Auswirkungen auf die gesamte antarktische Nahrungskette haben. Wenn weniger Diatomeen vorhanden sind, könnte dies die Krillbestände beeinträchtigen und damit auch Auswirkungen auf die größeren Tiere haben, die sich von Krill ernähren. Um diese Veränderungen besser zu verstehen, plant die Europäische Weltraumorganisation Esa ein Projekt namens Phyto-CCI. Dieses soll globale Aufzeichnungen von Phytoplanktonarten aus dem Weltraum generieren, indem es fortschrittliche Analysen von satellitenerfassten Pigmenten nutzt.
Forscher mahnt genaue Beobachtung in der Antarktis an
„Jetzt mehr denn je brauchen wir mehr Forschung und Beobachtung, um die Veränderungen in diesem empfindlichen Ökosystem zu überwachen“, betont Alexander Hayward. „Was auf mikroskopischer Ebene geschieht, könnte das Klima selbst beeinflussen und erfordert unsere Aufmerksamkeit.“ (tab)