VonKatharina Scholzschließen
Der 75-jährige Bernhard Ritter aus Hofherrnweiler ist nicht mehr zu Kommunalwahl angetreten. Er blickt zurück auf das, was er erreicht hat, und auf das, was er bereut.
Aalen-Hofherrnweiler. Jeder Tag beginnt für Bernhard Ritter gleich. Als Erstes fährt er mir dem Fahrrad auf den Waldfriedhof ans Grab seines Sohnes Benjamin. Am 12. August wird es genau 20 Jahre her sein, dass er sich das Leben genommen hat. Nur 26 Jahre ist er alt geworden. „Das erzähle ich nicht jedem“, sagt Ritter. Aber an diesem Vormittag kommt es ihm richtig vor, darüber zu sprechen. Die Redaktion will ein Porträt über ihn schreiben. Über das, was er erreicht hat, über das, was ihn ausmacht. Der Selbstmord seines Sohnes gehört zu ihm, zu seinem Leben, zu seiner Geschichte, findet er.
Damit Kinder und Jugendliche einen Platz in der Welt haben
Ein Satz aus Benjamins Abschiedsbrief hat sich in Ritters Gedächtnis eingebrannt: „Für mich ist kein Platz auf dieser Welt.“ Dafür, dass junge Menschen einen Platz in dieser Welt haben, hat sich Bernhard Ritter immer eingesetzt. Als Lehrer und als Schulleiter der Hofherrnschule, als Gemeinderat, Kreisrat und in zahlreichen weiteren Ehrenämtern hat sich Ritter immer für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene eingesetzt und ihre Interessen vertreten.
Nun, da Ritter nach knapp 40 Jahren nicht mehr zur Kommunalwahl angetreten ist, wünscht er sich von den Kolleginnen und Kollegen im neuen Aalener Rat, „dass die zahlreichen Fraktionen und Gruppierungen ganz schnell zusammenfinden“. Denn nur gemeinsam könne man den Weg in die Zukunft gehen.
Er wünscht sich, dass die ganze Gesellschaft ihre Verantwortung für Kinder und Jugendliche spürt. „Dass wir Kinder und Jugendliche immer spüren lassen, dass sie einzigartig sind, dass wir aufzeigen, dass sie für die Gesellschaft wichtig sind, dass wir ihnen stets das Gefühl geben, dass jede und jeder von ihnen einen festen Platz in der Welt hat.“
Seit 1986 ist Bernhard Ritter im Gemeinderat
Bernhard Ritter war selbst noch ein „Jungspund“, wie er sagt, als er 1986 mit 38 Jahren in den Gemeinderat nachrückte. „Ich lernte nie das Nein-Sagen“, erzählt er. So sagte er ja, als ihn Kurt Früh damals bat, sich für die FDP und Freien Wähler zu engagieren und Hofherrnweiler und Unterrombach im Rat zu vertreten. Bei der ersten Kandidatur reichte das Ergebnis für Ritter ganz knapp nicht, um in den Gemeinderat einzuziehen. Doch als eben jener Kurt Früh im September 1986 starb, rückte Ritter für ihn nach.
Seit 1999 ist Ritter Stimmenkönig in der Fraktion
Sechs weitere Male kandidierte er für den Gemeinderat und sechs weitere Male wurde er gewählt. Seit 1999 war er Stimmenkönig bei der „FDP und Freie Wähler“ beziehungsweise bei den Freien Wählern. Von 2009 bis 2014 war er Fraktionsvorsitzender. In all der Zeit hat Ritter viele Entscheidungen und Entwicklungen in der Stadt begleitet. Beim Gespräch hat er eine Liste mit wichtigen Meilensteinen dabei. Handgeschrieben. Dass die Digitalisierung viele Vorteile hat, ist für Ritter klar. Doch er selbst arbeitet lieber noch mit Papier.
Die Meilensteine für die Weststadt hat Ritter auf seiner Liste farbig markiert. Der Spatenstich für die Thomaskirche in Unterrombach im Jahr 1987 steht unter anderem darauf. 1993 der Baubeginn für die Westumgehung. 1998 der Ausbau der Hofherrnschule. Die Einrichtung des Wochenmarkts in Unterrombach. 2008 wird das Jugend- und Nachbarschaftszentrum in der Weststadt eingeweiht. 2011 wird das erste Kinderfest in der Weststadt ausgerichtet. 2018 wird die DRK-Seniorenresidenz eingeweiht. 2022 die Wahl des Aalener Jugendgemeinderats und 2024 die Wahl des neuen Ortschaftsrats für Unterrombach-Hofherrnweiler.
Ritter hat ausgerechnet, dass er in 38 Jahren als Gemeinderat und 15 Jahren als Kreisrat an 2561 Sitzungen und Fraktionssitzungen teilgenommen hat. Er bereut, dass er vor lauter Ehrenämtern oft keine Zeit für die eigene Familie hatte, seine Frau, die Kinder, die Enkel. „Das ist etwas, das ich nicht wieder gut machen kann“, sagt Ritter.
Einmal noch Zimmerbergmühle
Aber es soll sich nun ändern, da er jetzt mehr Zeit hat. Nur eines lässt er sich nicht nehmen. Diesen Sommer, kurz nach seinem 76. Geburtstag und 45 Jahren Engagement dort, will Bernhard Ritter noch einmal als Betreuer mit dem Spitznamen „Lupo“ im Zeltlager Zimmerbergmühle mithelfen.
Verabschiedung und Konstituierung
Bernhard Ritter und die anderen scheidenden Rätinnen und Räte werden an diesem Dienstag, 23. Juli, um 18 Uhr im Großen Sitzungssaal im Aalener Rathaus verabschiedet. Der neue Gemeinderat wird um 19.30 Uhr ebenda verpflichtet.
