„Hahn & Henne“ vor dem Aus?

Nach fast 230 Jahren: Traditionshersteller aus Baden-Württemberg ist insolvent

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Zum zweiten Mal in der über zweihundertjährigen Geschichte hat Zeller Keramik aus dem Schwarzwald Insolvenz angemeldet. Steht der Kult-Hersteller jetzt endgültig vor dem Aus?

Zell am Harmersbach - Die aktuelle Inflation und die hohen Kosten für Energie, Rohstoffe und Personal haben im bisherigen Jahr einige Firmen in eine schwierige Schieflage gebracht. Allein im ersten Halbjahr 2023 meldeten mehr als 900 Unternehmen aus Baden-Württemberg Insolvenz an, die Zahlungsunfähigkeit führte jedoch mitunter zu deutlich unterschiedlichen Ergebnissen. Während das Versandhaus Klingel aus Pforzheim den Geschäftsbetrieb endgültig einstellen muss, erfuhr der Hersteller der kultigen Weck-Gläser einen regelrechten Auftragsboom nach der Hiobsbotschaft.

Wie aktuell mehrere Medien übereinstimmend berichten, haben die wirtschaftlichen Probleme einen weiteren Traditionshersteller aus Baden-Württemberg eingeholt. Das bereits im Jahr 1789, also vor fast 230 Jahren, gegründete Unternehmen Zeller Keramik mit Sitz in Zell am Harmersbach im Schwarzwald ist vor allem für die handbemalten „Hahn und Henne“-Becher und Dekors bekannt, die sich sogar in den USA großer Beliebtheit erfreuen. Beim Amtsgericht Offenburg hat der Hersteller vor einigen Tagen Insolvenz angemeldet, und das nicht zum ersten Mal.

Zeller Keramik ist Insolvent: Traditionshersteller aus dem Schwarzwald besteht seit 1794

Die Keramikfertigung hat in Baden-Württemberg eine lange Tradition. Zu den bekanntesten Herstellern gehört Duravit aus Hornberg, der sich für eine neue Fabrik jedoch kürzlich gegen Deutschland entschieden hat. Wohl kaum ein Unternehmen blickt jedoch auf eine so lange Geschichte zurück wie Zeller Keramik in der zwischen Freiburg und Karlsruhe gelegenen ehemaligen Reichsstadt Zell am Harmersbach. Die bereits genannten „Hahn und Henne“-Dekors werden seit 1898 ausschließlich in der Manufaktur im Schwarzwald hergestellt, das Unternehmen kämpft jedoch seit einiger Zeit mit wirtschaftlichen Problemen.

Name Zeller Keramik Manufaktur GmbH & Co KG
Gründung 1794
Sitz Zell am Harmersbach, Baden-Württemberg
Branche Keramikherstellung- und Verarbeitung
Bekannte Produkte Hahn und Henne-Dekors
Leitung Ralf Müller (Geschäftsführer)
Mitarbeiter 10
Die „Hahn & Henne“- Produkte von Zeller Keramik sind bundesweit bekannt und werden sogar in die USA verkauft.

Bereits im Jahr 2007 musste Zeller Keramik aufgrund von Problemen Insolvenz anmelden, konnte letztendlich jedoch durch Ralf Müller, der das Traditionsunternehmen bis heute leitet, saniert werden. Als Gründe für die erneute Zahlungsunfähigkeit wurden beim Amtsgericht zum einen die hohen Energiekosten angegeben, da das Brennen von Keramik hohe Temperaturen voraussetzt, zum anderen aber auch das nachlassende Kundeninteresse. Wie die Schwarzwälder Post berichtet, betrifft die Insolvenz aktuell nur noch rund 10 Mitarbeiter in Zell, in der Blütezeit des Unternehmens waren mehrere Hundert Menschen in der Manufaktur angestellt.

Zeller Keramik hofft auf Auftragsboom nach Hiobsbotschaft – Szenario wie bei der Weck-Gruppe?

Aufgrund mehrerer Faktoren sehen die Chancen für eine erneute Rettung des traditionsreichen Herstellers aus Baden-Württemberg eher schlecht aus. „Die Entscheidung, wie es mit dem Betrieb weitergeht und was die Zukunft für die Zeller Keramik bringt, wird sich spätestens bis zum Jahresende zeigen“, erklärte der Offenburger Rechtsanwalt Martin Mildenberger, der zum vorläufigen Insolvenzverwalter berufen wurde. „Eine seriöse Prognose kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht getroffen werden.“ Der Betrieb soll vorerst jedoch weiterlaufen und auch das Gehalt an die zehn Mitarbeiter weitergezahlt werden.

Der bereits 1794 gegründete Keramikhersteller Zeller Keramik hat zum zweiten Mal Insolvenz angemeldet.

Laut dem Bericht der Schwarzwälder Post hofft man in Zell, dass die Verkündung der Hiobsbotschaft beim Traditionsunternehmen zu einer erhöhten Nachfrage führen wird – also so, wie es bei Weck der Fall war. Allerdings zeigte sich Insolvenzverwalter Mildenberger skeptisch, ob man in dem maroden Gebäude vor allem angesichts der mutmaßlich teuren anstehenden Heizperiode im Winter überhaupt noch lange weiterproduzieren könne.

Rubriklistenbild: © Philipp von Ditfurth/dpa

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