VonJulian Baumannschließen
Inflation und hohe Preise haben die Wirtschaft in Baden-Württemberg in eine Schieflage gebracht. Das Statistische Landesamt verzeichnet einen deutlichen Anstieg von Insolvenzen.
Stuttgart - Baden-Württemberg ist als Hauptsitz von Weltkonzernen wie Mercedes-Benz, Bosch oder Würth eines der wirtschaftsstärksten Bundesländer Deutschlands, die anhaltenden weltwirtschaftlichen Probleme brachten aber auch im Südwesten einige Firmen in eine gefährliche Schieflage. Nachdem die Folgen der Corona-Pandemie bereits ihren Tribut gefordert hatten, trieben die aktuelle Inflation und die stark gestiegenen Preise für Energie, Rohstoffe und Personal im Rahmen des Ukraine-Krieges viele Unternehmen weiter in die roten Zahlen. Das Statistische Landesamt verzeichnete im ersten Halbjahr 2023 einen deutlichen Anstieg der Insolvenzen.
Das Traditionsversandhaus Klingel aus Pforzheim hatte im Mai Insolvenz angemeldet und inzwischen sogar angekündigt, den Betrieb zum Jahresende vollkommen einstellen zu müssen. Der Autozulieferer Allgaier hatte im Juni ein Insolvenzverfahren gestartet, das traditionsreiche Unternehmen befindet sich inzwischen aber wieder in „ruhigerem Fahrwasser“, wie Insolvenzverwalter Michael Pluta in einer Pressemitteilung erklärte. Laut dem Statistischen Landesamt waren in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres vor allem Bauunternehmen und Firmen aus dem Einzelhandel in die Zahlungsunfähigkeit gerutscht.
Unternehmensinsolvenzen in Baden-Württemberg stark gestiegen: 27,5 Prozent mehr als im Vorjahr
Konkret wurden im ersten Halbjahr 2023 an den Amtsgerichten in Baden-Württemberg 905 Unternehmensinsolvenzen beantragt, wie das Statistische Landesamt in einer Pressemitteilung schreibt. Das seien 195 Verfahren oder 27,5 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum gewesen. 549 Unternehmen, also mehr als die Hälfte der insolventen Unternehmen, hatten die Rechtsform einer GmbH, 269 waren Einzelunternehmen. Die Inflation und die Energiekrise machen sich demnach noch stärker bemerkbar, als die Folgen der Corona-Pandemie auf die Wirtschaft, da die Anzahl der Insolvenzen in den Pandemiejahren niedriger lag.
Unternehmensinsolvenzen in Baden-Württemberg im ersten Halbjahr 2023 nach ausgewählten Wirtschaftsbereichen:
| Wirtschaftsbereich | Verfahren angenommen | Verfahren mangels Masse abgewiesen* |
|---|---|---|
| Land- und Forstwirtschaft, Fischerei | 5 | 0 |
| Verarbeitendes Gewerbe | 72 | 13 |
| Baugewerbe | 131 | 53 |
| Handel; Instandhaltung und Reparatur von Kfz | 86 | 52 |
| Verkehr und Lagerei | 30 | 12 |
| Gastgewerbe | 54 | 26 |
| Information und Kommunikation | 21 | 12 |
| Finanz- und Versicherungsdienstleistungen | 19 | 19 |
| Grundstücks- und Wohnungswesen | 13 | 6 |
| Freiberufliche, wissenschaftliche und technische Dienstleistungen | 31 | 16 |
| Sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen | 62 | 32 |
| Gesundheits- und Sozialwesen | 25 | 3 |
| Sonstige Dienstleistungen | 65 | 31 |
(Quelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg)
*Wenn ein Unternehmen an einem Amtsgericht Insolvenz beantragt, muss das Gericht dieses nicht zwingend annehmen. „Verfahren mangels Masse abgewiesen“ bedeutet konkret, dass die Insolvenzmasse – also das Insolvenzgeld, von dem unter anderem auch zunächst die Mitarbeiter weiter bezahlt werden – nicht für die Verfahrenskosten ausreicht und das Verfahren deshalb gar nicht erst eröffnet wird. In Baden-Württemberg wurde, wie aus obiger Tabelle zu entnehmen ist, demnach im ersten Halbjahr 2023 kein einziges im Wirtschaftsbereich Finanz- und Versicherungsdienstleistungen angemeldetes Insolvenzverfahren eröffnet.
Die Bekanntmachung einer Insolvenzanmeldung ist für ein Unternehmen zwar ein schwerer Schritt und auch eine Schocknachricht für die Mitarbeiter, ein solches Verfahren kann aber auch dazu beitragen, eine angeschlagene Firma wieder auf Kurs zu bringen. Die Allgaier-Insolvenz sei eine „große Chance“ für das Traditionsunternehmen, erklärte beispielsweise ein IG Metall-Gewerkschafter und im Falle des Herstellers der bekannten Weck-Gläser, führte die Insolvenzverkündigung zu einem regelrechten Hype um die Produkte.
Nicht nur Unternehmen: Auch bei den Privatinsolvenzen ist ein Anstieg bemerkbar
Wie das Statistische Ladesamt in der Pressemitteilung ebenfalls verkündet, ist im ersten Halbjahr 2023 nicht nur die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Baden-Württemberg deutlich gestiegen, sondern auch die der Privatpersonen. Demnach hatten insgesamt 4.663 Privatschuldner die Eröffnung eines Verfahrens angemeldet, was einen Anstieg von 178 Verfahren oder 4 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bedeutet. 62,7 % dieser Privatinsolvenzen wurden von Verbrauchern, also beispielsweise Arbeitnehmern, Rentnern, Arbeitslosen oder Auszubildenden gestellt.
Baden-Württemberg steht mit den steigenden Insolvenzzahlen allerdings nicht alleine da. Bundesweit haben im bisherigen Jahr viele Unternehmen Insolvenz angemeldet, die Filialen in ganz Deutschland betreiben. Aufgrund der Insolvenz von Schlemmermeyer wird beispielsweise auch die Stuttgarter Filiale geschlossen und auch die Insolvenz der Modekette Gerry Weber hat die Schließung mehrerer Filialen in Baden-Württemberg zur Folge. Die Bundesregierung hatte Anfang August verkündet, den Spitzenausgleich für das energieintensive Produzierende Gewerbe verlängern zu wollen, um Produktion und Arbeitsplätze zu sichern.
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