Kliniken Ostalb

Ellwanger Ärzte: Offene Briefe an den Landrat und die Mitglieder des Kreistags

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Die St.-Anna-Virngrundklinik in Ellwangen: welche Behandlungen sind hier in Zukunft noch möglich?
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Die Entscheidung zum Zukunftskonzept der Ostalbkliniken ist auf September verschoben. Ellwanger Mediziner melden sich zu Wort.

Ellwangen. Wie geht es weiter mit dem Ellwanger Krankenhaus? Die Verwaltungschefs etlicher Gemeinden des Ostalbkreises haben sich nach einer Sitzung mit Landrat Dr. Bläse und Kreiskämmerer Karl Kurz zu Wort gemeldet. Aus Sorge um die prekäre Finanzlage wollen sie der Neuordnung der medizinischen Abteilungen zustimmen, während man in Ellwangen nur ablehnende Stimmen hört.

Dr. med. Achim Berend, HNO-Arzt in Ellwangen, bedauert in einem offenen Brief an den Landrat die geplante Schließung der chirurgischen Fächer in Ellwangen und dass er als HNO-Belegarzt nicht in die Konzeption einbezogen wurde. Er wisse nicht, „wann ich verbindliche Termine für operative belegärztliche und ambulante Operationen in Ellwangen vergeben kann.“

Bekanntlich steht in dem neuen Klinikkonzept, dass die OP-Säle in Ellwangen geschlossen werden sollen. Berend schreibt: „Mit der Schließung der chirurgischen Kapazitäten in Ellwangen endet auch die chirurgische HNO-ärztliche Versorgung im Ostalbkreis, erstmals seit dem 2. Weltkrieg. Die niedergelassenen HNO-Kollegen in Aalen und Schwäbisch Gmünd haben ihre operative Tätigkeit schon seit längerer Zeit eingestellt.“

Überstürztes Vorgehen

Er wundert sich „über die Überstürzung des Vorgehens zur Schließung des chirurgischen Standortes Ellwangen und über die Standortwahl des Zentralversorgers“, da die Notwendigkeit einer effektiven Sanierung des Ostalbklinikums schon länger bekannt sei und fragt sich, „warum eine Versorgung von chirurgischen Patienten in millionenschweren Containern in Aalen erfolgen soll und nicht in der zukünftig brach liegenden Infrastruktur in Ellwangen?“

Berend warnt vor den Folgen. Das Ende der chirurgischen Möglichkeiten in Ellwangen bedeute den absehbaren Wegfall der D-Arztversorgung der Stadt und der chirurgischen HNO-ärztlichen Versorgung im gesamten Ostalbkreis. „Mir als einzigem in den letzten Jahren ambulant und belegärztlich operativ tätigen HNO-Arzt ist eine operative Versorgung von Patienten in Aalen oder Essingen nicht möglich. Ein Belegarztvertrag wird von der KV bei dieser Entfernung nicht genehmigt. Für notwendige operative Eingriffe im HNO Bereich müssen Patienten dann mindestens nach Stuttgart, Ulm, Heilbronn oder Würzburg reisen.“

Ende der Gesundheitsakademie?

Die Erfahrung in anderen Häusern zeige, dass rein internistische Abteilungen auf Dauer nicht lebensfähig sind. „Es handelt sich also letztlich um eine Schließung der Ellwanger Klinik auf Raten“ und bedeute das Ende der Gesundheitsakademie und der Schwesternschule in Ellwangen.

Ein Brief aus der Anästhesie

Dr. Mechthild Wahl, Oberärztin der Anästhesie der Virngrundklinik, hat der Redaktion einen Brief zugeleitet, den 15 Anästhesistinnen und Anästhesisten an der St.-Anna-Virngrundklinik Ellwangen mitunterzeichnet haben. Darin heißt es: „Was uns in erster Linie beschäftigt, ist die weitere Versorgung der uns auf der Intensivstation anvertrauten, lebensbedrohlich erkrankten Patienten. Das betrifft sowohl unsere wohnortnahen Patienten, die von Ihren oft betagten Angehörigen besucht werden, als auch sehr häufig von Mutlangen und Aalen zuverlegte Patienten, die dort aus Kapazitätsgründen nicht versorgt werden können. Ist auch eine Ausweitung der dortigen Intensivstationen bis Mitte nächsten Jahres geplant?“

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Wo ist die OP-Kapazität?

Herzinfarkte oder Schlaganfälle würden selbstverständlich schon seit Jahren sofort ins passende Klinikum gebracht, doch Darmverschlüsse, Blinddarmentzündungen, Harnleitersteine, Blasenblutungen, Knochenfrakturen und vieles andere werde in Ellwangen mit großer Erfahrung und Expertise operiert. „Wo ist die OP-Kapazität im nächsten Jahr für die dann wegfallenden OP-Säle vorhanden?“

In Sorge sind die Mitarbeiter der Anästhesie auch um die Notfallversorgung: „Unser drittes Standbein, die Notfallversorgung im Krankenhaus, sowie die Notarztversorgung im Ellwanger Raum, werden sich ebenfalls verschlechtern, da der Notarzt am Standort Ellwangen wesentlich damit beschäftigt sein wird, Patienten in andere Krankenhäuser zu verlegen. Da die Notaufnahme in Aalen jetzt schon überlastet ist, werden Fahrten nach Heidenheim, Ulm, oder weiter weg erfolgen müssen.“

Der Brief endet mit einem Appell an die Kreisräte, diese medizinischen Aspekte zu berücksichtigen und alternative Einsparungen, sowie Kompromisse in Betracht zu ziehen, „die einen Grundversorger in Ellwangen ermöglichen.“

Ein Brief aus der Urologie

PD Dr. Peter Jung, seit September 2000 Leiter der urologischen Abteilung in Ellwangen, hat ebenfalls an die Kreistagsmitglieder geschrieben. Die Urologie soll zum Juli 2025 an die Klinik Mutlangen verlagert werden, vorübergehend, bis 2035 das Zentralklinikum in Essingen gebaut ist. „Es handelt sich bei der Urologie Ellwangen um die, was die Patientenfälle angeht, zweitgrößte Abteilung Ostwürttembergs nach der Universität Ulm“, schreibt er und schätzt, dass die Verlagerung nach Mutlangen einen zweistelligen Millionenbetrag kostet und zeitlich bis 2025 nicht zu schaffen ist.

PD Dr. Peter Jung sprach auch bei der Protestveranstaltung auf dem Ellwanger Marktplatz.

Jung kritisiert die geplante Verlagerung auch, weil funktionierende Abläufe nicht einfach auf ein anderes Haus übertragen werden könnten: „Der Urologische ärztliche Hausnotdienst wurde in der Virngrundklinik bei jahrelanger gut funktionierender Zusammenarbeit fachübergreifend mit der Chirurgie geleistet. Dies ist mit der größeren chirurgischen Abteilung in Mutlangen und der Unerfahrenheit der dortigen Ärzte in urologischen Fragestellungen nicht mehr zu bewerkstelligen.“

Neben den Mehrkosten befürchtet er deutliche Mindereinnahmen: „Ich brauchte Jahre, um vom Jahr 2000 an die damalige Zahl von 800 bis 900 stationären Patienten/Jahr auf die heutigen 1500 bis 1800 zu steigern.“ Weil das Einzugsgebiet der Ellwanger Urologie neben dem Ostalbkreis die Landkreise Schwäbisch Hall, Hohenlohe, Ansbach, Nördlingen sind, werde man mit dem Umzug Patienten verlieren.

Team wird nicht mit umziehen

Schwierig werde auch die Personalsituation, weil die meisten Fachkräfte aus seinem Team aus familiären und persönlichen Gründen nach Mutlangen nicht mitgehen könnten. Wie bei den ärztlichen Mitarbeitern werde auch in der Pflege ein neues Team nur schwierig, wenn überhaupt aufzubauen sein.

„Bei der Darstellung der gesamten Kosten, die auf den Kreis durch die Verlagerung meiner Klinik zukommen (mehrere 10 Mio.) bin ich wirklich extrem verwundert, dass dies augenscheinlich ohne zu Zögern dem Kreis zugemutet wird, mir aber seit Jahren erklärt wird, dass eine Anschaffung in die moderne Technik (Operationsroboter) nicht machbar ist.“

Mit Roboter hätte seine Abteilung Zentrumsqualität und könnte bis zu einer Million Euro jährlich mehr erlösen.

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