VonGerhard Königerschließen
Kreisräte und Bürgermeister aus Ellwangen und dem Virngrund treffen sich bei Michael Dambacher und planen den Protest gegen die Klinikpläne des Landrats.
Ellwangen. Wir schreiben Tag 1, nachdem der Landrat seine neue Idee, das 60-Millionen-Euro Finanzloch aus dem Betrieb der Ostalbkliniken zu stopfen, der Öffentlichkeit präsentierte. Und man könnte meinen, in Ellwangen und Umgebung ist nichts mehr, wie es vorher war. Am Vormittag Krisensitzung bei OB Michael Dambacher: Kreisräte aus dem Virngrund beraten, wie man damit umgehen soll, dass Dr. Joachim Bläse und der Vorstandsvorsitzende der Kliniken Ostalb, Christoph Rieß, die Virngrundklinik zu einem Krankenhaus ohne Notaufnahme, Operationssäle, Intensivbetten, Anästhesie zusammenstutzen wollen. „Was soll das“, fragt man sich in der Runde.
Fast zeitgleich werden in der St.-Anna-Virngrundklinik rund 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über die Pläne informiert. Das Haus soll zum „intersektoralen Gesundheitsversorger“ reduziert werden. Schon dieses Jahr sollen erste Abteilungen weg.
Im Rathaus lässt man bei der Presserunde dem Ärger darüber freien Lauf. Neben Dambacher und Berthold Vaas, Vorsitzender des „Bündnis für eine starke Virngrundklinik“ sind es die langjährigen Kreisräte Volker Grab, Rainer Knecht, Herbert Hieber, Karl Hilsenbek, Winfried Mack, Manfred Fischer sowie die noch nicht verpflichteten Patrick Peukert und Walter Schlotter.
„Bläse hat Vertrauen zerstört“
Die erste Salve richtet sich gegen die Art und Weise, wie der Landrat ohne vorherigen Kreistagsbeschluss vorpreschte. Dabei hatte man sich doch im Juli in seltener Einigkeit auf ein Zukunftskonzept geeinigt, mit Ellwangen als Grundversorger. Die unerwartete Initiative in der Interimsphase, also direkt nach der Kreistagswahl, wertet Mack als „historisch einmalige Vorgehensweise eines Landrats, die sehr viel Vertrauen zerstört hat.“ Dass nun auch noch der alte Kreistag dem neuen eine Beschlussempfehlung vorgeben soll, geht für Dambacher gar nicht. Er fragt in die Runde: „Kann ein Kreistag auf dieser Basis einen Beschluss fassen? Ich meine nein.“
„Der Osten wird abgehängt“
Die zweite Salve zielt auf den Inhalt: Dambacher verweist auf den Versorgungsauftrag des Landkreises, der für alle Bürger gelte. „Mit diesem Konzept erreicht man nur noch 88 Prozent der Bevölkerung. Im Norden und Osten sind 12 Prozent abgehängt.“ Er zeigt auf die Karte mit der 35-Minuten-Zone um das künftige Zentralkrankenhaus: Der östliche Teil des Landkreises liegt außerhalb. Dass die Zahl der Kliniken in Richtung Stuttgart zunimmt, während im Osten auch Dinkelsbühl wegfallen kann, zeige die ungleiche Versorgungssituation.
DRK und Gesundheitsakademie?
Berthold Vaas versteht nicht, wie man 60 Millionen Euro einsparen will, wenn man zeitgleich für 22 Millionen neue OP-Säle in Aalen baut, während die in Ellwangen leer stehen. Er sieht aber, dass die neue Unsicherheit um den Standort Ellwangen die Mitarbeiter belastet und die Personalnot weiter verschärft. Würde Bläses Plan umgesetzt, fürchtet Vaas um die DRK-Landesschule mit der Sanitäterausbildung und die Gesundheitsakademie.
Bläse riskiert Spaltung
Karl Hilsenbek meint: „Bei einem Thema wie der Gesundheitsversorgung müsste der Landrat einen einstimmigen Beschluss anstreben. So bekommt er den nicht, sondern eine Spaltung des Kreistags, die sich dann auch Entscheidungen bei anderen Themen schwierig macht.
Fragt man die Runde, was Ellwangen und der Virngrund in der Finanzsituation leisten können, gehen die Wellen richtig hoch. „Die Stadt hat dem Landkreis und den Kommunen mit zehn Jahren LEA Millionen erspart“, sagt der OB. Der Beitrag zu den Kreisfinanzen sei im Übrigen die Kreisumlage, die auch in Ellwangen siebenstellig werde. „Und was bekommen wir dafür?“
Wandern die Fachärzte ab?
Winfried Mack sieht durch eine derart reduzierte Virngrundklinik die ärztliche Versorgung insgesamt gefährdet: „Die Fachärzte fragen sich doch: Wo kann ich meine Eingriffe machen? Ist meine Praxis hier noch am richtigen Ort?“ Der Umbau der Virngrundklinik habe 110 Millionen Euro gekostet, dafür habe der Kreis die UJAG-Anteile verkauft.
Rainer Knecht verweist auf die Einschränkungen, die man an der Virngrundklinik bereits hingenommen habe, um die Klinikstruktur insgesamt zu stärken. Und in anderen Sektoren wie ÖPNV sei der Osten deutlich schlechter gestellt.
Lesen Sie dazu die Kommentare "Jetzt soll gespart werden, wo es weh tut. Warum nicht schon längst?" von Jürgen Steck und "Die neue Virngrundklinik: Wer braucht schon eine Notaufnahme?" von Gerhard Königer.
Info: Als erster Ausdruck des Protests soll am kommenden Samstag um 11 Uhr auf dem Marktplatz eine große Kundgebung der Bürgerschaft und der Klinikbelegschaft stattfinden.


