Ostalb-Hochwasser: Wann wird aus der dramatischen Lage eine Krise?

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Studiointerview mit Landrat Dr. Joachim Bläse.
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Seit 1 Uhr am Montagmorgen tagt der Führungsstab im Landratsamt in Aalen. Landrat Dr. Bläse spricht über seine größte Sorge.

Aalen. Am Montag (3. Juni) hält die Hochwasser-Lage die Rettungskräfte im Ostalbkreis weiter in Atem. Besonders kritisch ist die Situation längere Zeit vor allem entlang der Lein. Gegen 10.30 Uhr ein erstes leises Aufatmen. Jetzt ist klar: Die Ostalb bleibt vom befürchteten „HQ100 extrem“ verschont, die Hochwasserwarnstufe kann auf in Hochwasserereignis „HQ 100“ zurückgestuft werden. Doch klar ist zu dieser Zeit auch: Die große Welle kommt erst noch. Verfolgen Sie die aktuelle Situation auf unserem Liveticker:  

Seit 0.30 Uhr am frühen Montagmorgen bis gegen 12 Uhr am Mittag sitzt Landrat Dr. Joachim Bläse ununterbrochen im Lagezentrum des Führungsstabs. Das ist ein spezieller Raum im Landratsamt in Aalen, in dem Vertreter von Rettungsdiensten wie Feuerwehr, THW, DRK und Maltesern die Hochwasser- und Wetterlage konzentriert beobachten und Entscheidungen zum Schutze der Bevölkerung treffen. Mit am Tisch sind neben anderen auch die Erste Landesbeamtin Gabriele Seefried sowie Thomas Wagenblast. Der Dezernent für Ordnung, Verkehr und Veterinärwesen verantwortet bei der Kreisverwaltung den Brand- und Katastrophenschutz.

Gegen Mittag erreicht diese Redaktion Landrat Dr. Bläse für ein telefonisches Interview.

Herr Bläse, was war Ihre größte Sorge?

Dr. Joachim Bläse: Wir gingen von einem Extrem-Hochwasser, einem sogenannten HQ 100 extrem aus. Das Kürzel steht für einen Hochwasserabfluss, der etwa der eineinhalbfachen Abflussmenge eines 100-jährlichen Hochwassers (HQ 100) entspricht.

Was wäre bei einem solchen Extrem-Hochwasser passiert?

Bläse: Dann wäre das Überlaufen der Rückhaltebecken nicht mehr kontrolliert geschehen. Dann hätte das Wasser Schäden an Bauwerken und Einrichtungen verursacht.

Und möglicherweise auch Menschenleben gefährdet?

Einsatzkräfte evakuieren am Montagmorgen das Dorf Täferrot, es wird ein Dammbruch sowie eine Überschwemmung erwartet wegen Hochwasser in der Lein.

Bläse: Wir waren zu jedem Zeitpunkt vor der Lage, dank der guten Vorbereitung; und dank der Bürgermeister, Feuerwehren und Ehrenamtlichen bei den Aufrufen zur Evakuierung und beim Betrieb der Notunterkünfte.

Sie haben um 1 Uhr in der Nacht auf Montag den Verwaltungs- und Krisenstab einberufen. Was war dafür der konkrete Auslöser?

Bläse: Federführend in so einem Fall ist in erster Linie zunächst der Kreisbrandmeister. Er muss einschätzen, ob er die Lage alleine über die einzelnen Kommandanten vor Ort bewältigen kann. Oder ob er feststellen muss, dass es sich um eine weitaus größere und vielfältige Schadenslage handelt. Er entscheidet damit, ob ein Führungsstab einberufen werden muss und wen man dazu braucht. Im aktuellen Fall hatte der Kreisbrandmeister schon am Samstag (1. Juni) entschieden, wer dabei sein muss, wenn dieser Fall eintritt. So waren wir letztlich alle schon vorbereitet. Ich persönlich wurde bereits am Sonntagabend kurz vor 24 Uhr informiert.

Wann fiel die Entscheidung zur Evakuierung von Anwohnern entlang der Lein?

Bläse: Kurz bevor wir gegen 1.30 Uhr die Warn-App aktiviert haben. Parallel wurden die Bürgermeister der betroffenen Gemeinden sowie die örtlichen Feuerwehren informiert. In den jeweiligen Gemeinden wurde dann die Bevölkerung zusätzlich über Sirenen alarmiert oder über Lautsprecher, manche gingen auch von Haus zu Haus. Am frühen Montagmorgen wird das Dorf Täferrot evakuiert. 

Wir haben alle noch die Flutkatastrophe vor drei Jahren im Ahrtal vor Augen. Welche Rolle spielte dieses Wissen bei den aktuellen Entscheidungen?

Bläse: Das hat uns sicher dazu bewegt, die Lage im Ostalbkreis früh und vorausschauend zu bewerten. Es war gut, dass wir auch am Samstag (1. Juni) schon das Szenario HQ100 gedanklich durchgespielt haben. Und dass wir immer danach getrachtet haben, einen Schritt voraus zu sein, damit wir von den Ereignissen nicht überrollt werden.

Was heißt das konkret?

Bläse: Es gibt Hochwasserkarten, auf denen aufgezeigt wird, was bei entsprechender Hochwasserlage passiert, bzw. welche Gebäude, Einrichtungen und Straßenzüge davon betroffen sein werden. Daraus lässt sich dann auch der Radius für eine nötig werdende Evakuierung ziehen.

Welche Rolle spielt für Sie persönlich die Erinnerung an das große Starkregenereignis im Ostalbkreis vom 29. Mai 2016?

Bläse: Damals war ich der bei dieser Lage verantwortliche Bürgermeister in Schwäbisch Gmünd. Und ich war mit vor Ort, als man feststellte, dass zwei Menschen in einer vollgelaufenen Unterführung vermisst werden, die schlussendlich nicht überlebt haben. Diese Erfahrung prägt mich ein Leben lang.

An welchen Prognosen orientiert sich der Landkreis, wenn er, wie am frühen Montagmorgen, Bevölkerungswarnungen herausgibt?

Bläse: Im Krisenstab sitzt auch ein Vertreter der Abteilung Wasserwirtschaft der Landkreisverwaltung. Dadurch haben wir immer aktuelle Infos zu Pegelständen von Bächen, Flüssen und zu jedem Wasserrückhaltebecken. Und wir sind in solchen Fällen ständig in Kontakt mit dem Deutschen Wetterdienst und können daher anhand der Prognosen absehen, wie sich die Lagen entwickeln könnte.

Waren Sie selbst vor Ort im Hochwassergebiet an der Lein?

Bläse: Ich war vor Ort in Schwäbisch Gmünd, um mir ein Bild von der Situation zu machen. Andere Infos habe ich eingespielt bekommen. Ehrlich gesagt, habe ich mich bewusst dagegen entschieden, den Hilfsdiensten vor Ort bei ihrer Arbeit im Weg zu stehen. Ich habe seit 0.30 Uhr mit dem Führungsstab im Landratsamt getagt und war erst jetzt zwischen 12 und 13 Uhr am Montagmittag kurz zu Hause in Lindach, um mich frisch zu machen für zwei planungsmäßige Sitzungen am Montagnachmittag. Parallel tagt der Führungsstab im Landratsamt weiter. Und wenn es brennt, werde ich sofort informiert, dann unterbreche ich die Sitzung und eile wieder hinunter zum Führungsstab. Lesen Sie auch: Hochwasser: Die Gemeinde Hüttlingen kommt glimpflich davon

Herrschte zu irgendeinem Zeitpunkt Panikstimmung unter Bürgerinnen und Bürgern betroffener Gemeinden?

Bläse: Nein, Panik kam keine auf, weil die Kommunen bzw. die Bürgerinnen und Bürger frühzeitig informiert wurden. Im Gegenteil, die Leute hatten großes Verständnis dafür, was da gerade passiert. Das haben die Kommunen, die Bürgermeister und Feuerwehrleute vor Ort sehr gut gemanagt.

Welche Gefühle hatten Sie persönlich in der vergangenen Nacht?

Bläse: Es ging schon eine Nacht zuvor los, als am Samstagabend (1. Juni) der Alarm kam, dass ein ICE bei Schwäbisch Gmünd entgleist sei, mit 185 Personen an Bord. Da wirst Du dann wirklich blass und betest: Lieber Gott, bitte nein! In der Nacht auf Montag hatte ich dagegen das Empfinden, wir haben die Hochwasserlage gut im Griff. Die Frage war nur, wo der prognostizierte Starkregen mit seiner ungeheuren Wassermenge tatsächlich herunter kommen wird. Der hat den Rems-Murr-Kreis getroffen. Somit sind wir im Ostalbkreis nach aktuellem Stand mit einem blauen Auge davongekommen.

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