Marktplatz in Aalen

Roderich Kiesewetter (CDU) wird bei Wahlkampf attackiert

  • schließen
  • Katharina Scholz
    Katharina Scholz
    schließen

Unerwarteter Wahlkampf für den Bundestagsabgeordneten Roderich Kiesewetter: An einem Stand der CDU auf dem Aalener Marktplatz wurde er von einem Kandidaten für den Aalener Gemeinderat angepöbelt, kurz danach sogar attackiert.

Aalen. Neben der Hochwasser-Situation in Aalen und Umland gab es am Samstag ein weiteres Top-Thema auf dem Aalener Wochenmarkt: eine Attacke auf den Bundestagsabgeordneten Roderich Kiesewetter (60). Die Szene ereignete sich kurz nach 9 Uhr am Stand der CDU.

Dort stehen trotz des Regens Kandidatinnen und Kandidaten für die Kommunalwahl, um Prospekte zu verteilen und mit Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen. Unterstützt werden die Kommunalpolitiker an diesem Vormittag vom CDU-Landtagsabgeordneten Winfried Mack und vom CDU-Bundestagsabgeordneten Roderich Kiesewetter.

Marktplatz Aalen: Es beginnt mit einer verbalen Attacke gegen Kiesewetter

Was dann passiert, beschreibt Roderich Kiesewetter im Interview mit unserer Redaktion so: "Dann kam jemand und hat sich sehr echauffiert über die Ukraine-Politik." Er habe ihn angerempelt und persönlich verbal attackiert. Ein Augenzeuge berichtet von folgendem Satz: "Du schickst unsere Kinder in den Krieg."

Der Infostand der CDU auf dem Aalener Wochenmarkt. Den Stehtisch mit türkisfarbenem CDU-Schirm soll Peter Baur umgerissen haben.

Kiesewetter, der Anfang März noch Bundeskanzler Olaf Scholz für seine Ukraine-Politik kritisiert hatte, habe nicht gewusst, wer die pöbelnde Person war. Wie unsere Redaktion erfahren hat, war es Peter Baur. Er kandidiert für die Kommunalwahl auf der Liste "Herzschrittmacher" für den Aalener Gemeinderat. Während der Corona-Pandemie engagierte sich Baur für die Partei "Die Basis", die als politischer Arm der Querdenkerbewegung gilt.

Auf zwei kurzen Videosequenzen, die unserer Redaktion vorliegen, ist Baur zu sehen und zu hören, wie er Kiesewetter am Stand anschreit: "Wenn du dich traust. Mann gegen Mann. Dann kämpf doch mal." CDU-Stadtrat Marius Bader, so zeigt es das Video, stellt sich zwischen Baur und Kiesewetter, bis Baur schließlich geht. Im Weggehen, so erzählen es Augenzeugen, reißt Baur einen Stehtisch mit CDU-Schirm darauf um.

Erlitt bei einer Pöbelei Schürfwunden: CDU-Politiker Roderich Kiesewetter.

Roderich Kiesewetter: 60-Jähriger erleidet Schürfwunden und Prellungen

Kiesewetter geht ihm hinterher. "Ich wollte eine Aufnahme von ihm machen, und als er das sah, schlug er auf mich ein und drückte mich in ein Hochbeet und fügte mir auch Schürfwunden zu", erzählt der Bundestagsabgeordnete. Eine Schürfwunde an der Hand, die zuvor auch blutete, ist deutlich zu sehen. Das rechte Hosenbein seiner dunkelblauen Jeans komplett verdreckt. 

Laut Oliver Echtner, Polizeiführer vom Dienst im Aalener Polizeipräsidium, wurde die Polizei gegen 9.15 Uhr zum Infostand der CDU auf den Aalener Marktplatz gerufen. Er spricht von "einem polizeibekannten Mann", der Kiesewetter gestoßen und geschlagen habe, sodass Kiesewetter "leichte Prellungen" erlitten habe. Die Kriminalpolizei sei vor Ort. Die Ermittlungen laufen. Hintergründe seien noch unklar.

Solidarität für Roderich Kiesewetter von anderen Parteien

An den Wahlkampfständen gegenüber haben die Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker der Grünen und der SPD die Szene beobachtet, zumindest wie Baur den Bundestagsabgeordneten am Info-Stand verbal anging und wie er den Stehtisch umriss.

Die Schläge müssen sich etwas abseits des Markts in einer Seitengasse ereignet haben. Sowohl von den Grünen als auch der SPD kommen Vertreterinnen und Vertreter an den Stand der CDU und fragen nach dem Befinden der Kolleginnen und Kollegen dort. Alle sind sich einig, dass das nicht die Art ist, wie der politische Diskurs geführt werden sollte.

Pöbelei gegen Roderich Kiesewetter: Staatsschutz schaltet sich ein

Roderich Kiesewetter blieb trotz der Vorkommnisse fast bis zum Abbau des Wahlkampfstands seiner Partei auf dem Marktplatz, ehe er am Mittag vom Staatsschutz befragt wurde. Auch Thomas Strobl (CDU), Innenminister von Baden-Württemberg, hat Kontakt mit Roderich Kiesewetter aufgenommen. Ob der 60-Jährige den mutmaßlichen Täter anzeigen wird, ist noch offen. Kiesewetter: „Sofern er sich entschuldigt, habe ich ihm angeboten, von einer Anzeige abzusehen.“

Heike Brucker, CDU-Kreisvorsitzende, äußerte sich vor Ort wie folgt zu der Attacke: „Ein Angriff auf einen Politiker ist auch ein Angriff auf unsere Demokratie.“ Wie die Polizei am Samstagnachmittag mitgeteilt hat, hat die Kriminalpolizei die Ermittlungen übernommen. Über die Hintergründe des Angriffes sei bislang nichts bekannt.

Mutmaßlicher Täter: „Schilderungen von Kiesewetter entsprechen nicht der Wahrheit“

Peter Baur selbst meldete sich auf eine Anfrage unserer Redaktion gegen 17.30 Uhr. „Die Schilderungen von Herrn Kiesewetter entsprechen nicht der Wahrheit! Ich behalte mir vor, Anzeige zu erstatten wegen Verfolgung und Tätlichkeiten“, schrieb der 55-Jährige und schickte als Beweis für seine Aussage ein Foto seines geschwollenen, linken Oberarms.

Um 18.32 Uhr meldete sich Peter Baur erneut und schrieb u.a. mit der Bitte um Weiterleitung an Roderich Kiesewetter und die Polizei: „Zum heutigen Vorfall möchte ich mich entschuldigen für meine verbale Entgleisung. (...) Zu keiner Zeit hatte ich die Absicht, Sie zu verletzen, geschweige Sie zu schlagen.“

SPD-Kreisvorsitzende Jakob Unrath über den Angriff

Der SPD-Kreisvorsitzende Jakob Unrath erklär, der Angriff auf Kiesewetter „reiht sich ein in eine Stimmung vor den Kommunal- und Europawahlen, die alle demokratischen Parteien zusammenrückenlassen müssen“. Diese Verrohung gehe „von radikalen und rechtsextremen Kräften aus“. Dem müsse sich die Zivilgesellschaft geschlossen entgegenstellen.

Rubriklistenbild: © Katharina Scholz

Kommentare